Carbon Pricing in Zeiten hoher Energiepreise

Die Bepreisung von CO2, das sogenannte Carbon Pricing, stösst angesichts aktuell hoher Energiepreise auf Widerstände. Gleichzeitig geraten CO2-intensive Sektoren unter Druck, verstärkt in erneuerbare Energien und Energieeffizienz zu investieren. Was es aus Investorensicht zu beachten gilt.

Dr. Daniel Fauser

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine belastet die bereits angespannten internationalen Energiemärkte zusätzlich. Rekordhohe Energiepreise an den Zapfsäulen und Verbraucher, die Heiz- und Stromrechnungen nicht mehr zahlen können, sind direkte Folgen. Es werden bereits Auswege gesucht und gefunden. So gehen Stromproduzenten vermehrt dazu über, Elektrizität nicht mit Gas, sondern mit Kohle zu erzeugen. Das ist zurzeit trotz stark angestiegener CO2-Preise unter dem Strich billiger. Dieses sogenannte «gas-to-coal switching» verursacht zirka 2.5-Mal so viel CO2-Emissionen und verschlechtert damit die Klimabilanz.

An CO2-Bepreisung führt kein Weg vorbei

Viele westliche Regierungen ziehen bereits die nötigen Konsequenzen und fordern den schnellstmöglichen Ausbau erneuerbarer Energiequellen und die Steigerung der Energieeffizienz. Neben der direkten Förderung erneuerbarer Energien zählt auch das Carbon Pricing, also die Bepreisung von Kohlenstoffdioxid (CO2), zur Toolbox von Staaten.

Die CO2-Bepreisung hat in den letzten Jahren zwar stark zugenommen. Sie ist aber nach wie vor eher die Ausnahme als die Regel. Für die Bepreisung von Treibhausgasen wird heute üblicherweise die direkte Besteuerung und das sogenannte Emissionshandelssysteme (ETS) verwendet. Das ETS der Europäischen Union (EU) funktioniert nach dem «cap-and-trade»-Prinzip. Demnach legt der Regulator eine genau festgelegte Obergrenze an CO2-Emissionen fest. Diese Obergrenze wird im Laufe der Zeit verringert, sodass die Gesamtemissionen sinken. Die unter das System fallenden Treibhausgasemittenten kaufen oder erhalten CO2-Zertifikate, mit denen sie bei Bedarf untereinander handeln können.

Kalifornien und Europäische Union in Vorreiterrollen

16 % der globalen Treibhausgasemissionen im Jahr 2021 fielen unter ein ETS, wobei diejenigen Regionen mit einem ETS für 54 % des globalen Bruttoinlandsprodukts verantwortlich sind. Die nachfolgende Grafik zeigt eine Auswahl an Regionen, die ETS einsetzen.

Abdeckung der CO2-Emissionen mittels ETS nach Regionen
 

Quelle: International Carbon Action Partnership, ICAP, Status Report 2021 (*vorgelagerte Bereiche sind in der Wertschöpfungskette enthalten)

Besonders hervorzuheben sind:

  • Kalifornien, dessen ETS 75 % der regionalen CO2-Emissionen abdeckt und die Sektoren Strom, Industrie, Gebäude und Transport umfasst
  • Europäische Union, deren ETS 39 % der regionalen CO2-Emissionen abdeckt und neben Strom und Industrie auch den innereuropäischen Flugverkehr beinhaltet (die zukünftige Inklusion von Gebäuden und Transport steht derzeit zur Debatte)

Gratis-CO2-Zertifikate für Schwerindustrie

Die mit Abstand am stärksten betroffenen Sektoren sind die energieintensive Schwerindustrie (Zement, Stahl, Düngemittel, etc.) und Stromproduzenten. Grosse Teile der Schwerindustrie sind jedoch dank Gratis-CO2-Zertifikate («free allowances») von der Bepreisung ihrer Emissionen grösstenteils befreit, um deren Abwanderung aus der EU zu verhindern.

Europäische Stromproduzenten sind bedingt durch die Infrastruktur und ihr Geschäftsmodell viel stärker regional verankert, weshalb der Regulator aufgrund des fehlenden Risikos der Abwanderung für diese Unternehmen keine Gratis-CO2-Zertifikate vorsieht. Sie sind deshalb seit Einführung des EU ETS dazu verpflichtet, für jede ausgestossene Tonne CO2 ein entsprechendes Emissionszertifikat zu erwerben, was zu höheren Strompreisen führen kann.

Was die Preise für CO2-Zertifikate antreibt

Der Preis für diese CO2-Zertifikate ist seit Ausbruch der Corona-Pandemie stark angestiegen, wie der nachfolgende Chart zeigt:

Preisentwicklung in EUR der EU-CO2-Zertifikate seit März 2020
 

Quelle: Bloomberg

Die Gründe für den Anstieg sind vielfältig. Dazu zählen beispielsweise die oben angesprochene Reduktion der Obergrenze an CO2-Emissionen (d.h. weniger CO2-Zertifikate sind im Umlauf) oder die rasche Erholung der Wirtschaft und der damit einhergehende erhöhte Energiebedarf. Weiter treibt auch das bereits erwähnte «coal-to-gas switching» die Preise. Da die Stromproduktion mit Kohle deutlich mehr CO2 freisetzt, müssen in der Folge mehr CO2-Zertifikate erworben werden. Nicht zuletzt spielen auch Spekulationen am Sekundärmarkt, welche vermutlich für den jüngsten Kurseinbruch verantwortlich waren, eine wichtige Rolle für den CO2-Zertifikate-Preis.

Die höheren Preise für CO2-Zertifikate sind für bis zu ein Drittel des Strompreis-Anstiegs der vergangenen zwölf Monate verantwortlich. Zum Beispiel betrug der Grundlast-Strompreis in Deutschland im März 2021 rund 50 EUR/MWh. Heute steht dieser bei zirka 200 EUR/MWh, wobei etwa 50 EUR/MWh (oder ein Drittel) des Anstiegs auf die höheren Preise für CO2-Zertifikate zurückzuführen sein dürfte. Dies bedeutet allerdings auch, dass zirka zwei Drittel des Anstiegs bei den Strompreisen auf die starke Verteuerung fossiler Energieträger (insbesondere Erdgas) und mangelnde Investitionen in alternative Energiequellen zurückzuführen ist.

Energieintensive Sektoren unter Druck

Die Zürcher Kantonalbank verfolgt die Entwicklungen an den bedeutendsten CO2-Märkten sehr genau, vor allem vor dem Hintergrund der sukzessiven Reduktion von Gratis-CO2-Zertifikaten in der EU ab 2026. Gerade energieintensive Industrien kämen unter Druck, wenn sie es verpassten, mittels Investitionen in alternative Energieträger (z.B. erneuerbarer Strom, grüner Wasserstoff) und Energieeffizienz, die Emissionen signifikant zu senken.

Unternehmen in den Bereichen erneuerbare Energien und Energieeffizienz, wie beispielsweise Enel, Orsted, Carrier, Owens Corning, Schneider Electric, SolarEdge, Rockwool und Northland Power, dürften von der Verknappung der Gratis-CO2-Zertifikate profitieren.
 

Die Publikationen wurden vom Buy-Side Research des Asset Managements der Zürcher Kantonalbank und nicht von der Abteilung «Finanzanalyse» im Sinne der von der Schweizerischen Bankiervereinigung herausgegebenen «Richtlinien zur Sicherstellung der Unabhängigkeit der Finanzanalyse» erstellt. Die Publikationen unterliegen folglich nicht diesen Richtlinien.