Türkei: Hohes Kreditwachstum birgt hohe Risiken

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Viel politisches Getöse verstellt den Blick für die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei. Die relativ schnelle wirtschaftliche Erholung des Landes während der vergangenen 12 Monate wurde durch die Präferenz der Regierung für ein sehr hohes Kreditwachstum getrieben. Das hat die Risiken für die Finanzstabilität der Türkei erneut verschärft.

Enzo Puntillo, Head Emerging Market Debt, Co-Autor: Rocchino Contangelo

Von geldpolitischer Seite wurden zahlreiche Schritte unternommen, um die türkischen Banken zu ermutigen oder gar zu verpflichten, ihre Kreditvergaben auszubauen. Schon letztes Jahr, aber auch im Frühjahr 2020 wurden die Zinsen mehrfach gesenkt. Im Mai dieses Jahres wurde zudem eine neue "Asset Ratio" eingeführt, die Banken bestraft, die das Tempo bei den Kreditvergaben drosseln.

Starkes Kreditwachstum in der Türkei

Angaben in Prozent im Vergleich zum Vorjahr

Quelle: Bloomberg

Negative reale Zinsen

Die schnelle Kreditausweitung in Verbindung mit einer lockeren Geldpolitik hat ihren Preis: Trotz des Leitzinssatzes von 8.25% zählen die Realzinsen in der Türkei mit -3% zu den tiefsten im gesamten Bonduniversum. Die Inflation ist mit 11.8% gegenüber dem Vorjahr anhaltend hoch. Bei der Inflation zeichnet sich keine Entwicklung ab, die geeignet wäre, den Realzins zu erhöhen.

Kapitalzuflüsse bleiben knapp

Wir gehen davon aus, dass die Kapitalzuflüsse in den kommenden Monaten angesichts der unattraktiven realen Renditen und der hohen politischen und wirtschaftlichen Risiken tief bleiben werden. Die vom Tourismussektor verzeichneten Zuflüsse in der Leistungsbilanz stagnieren auf sehr tiefem Niveau - sie beliefen sich im Juni 2020 auf lediglich 4% des Vorjahresbetrages, im Juli 2020 auf 14%.

Zinserhöhung momentan nur durch die Hintertür

Auf die eigentlich nötige Zinserhöhung hat die Zentralbank aus Gehorsam gegenüber Präsident Erdogan verzichtet. Dies haben wir so erwartet. Stattdessen kündigte die Zentralbank  eine Erhöhung der Reserven an, die die Banken bei der Zentralbank für die Einlagen in Fremdwährungen und Lira halten müssen.

Auf Abstand

Wir halten an unserer Meinung fest, dass die Probleme der Türkei wegen ihrer nicht nachhaltigen Wirtschaftspolitik in Zukunft weiter zunehmen werden. Mit hoher Inflation, rasant sinkenden Devisenreserven und erheblichen öffentlichen und privaten Fremdwährungsschulden gepaart mit geringem Anlegervertrauen wird die türkische Lira in den kommenden Monaten weiterhin unterdurchschnittlich performen oder gar unter Druck kommen. Schon heute ist die Schwäche der Lira ausgeprägt - ausgeprägter sogar als während der türkischen "Währungskrise" 2018 (vgl. Chart unten). Wir meiden sowohl türkische Anleihen als auch die Währung.

Konsequenzen auch auf der Aktienseite

Auf der Aktienseite haben wir die Türkei im Rahmen unseres aktiven, fundamentalen Research-Prozess analysiert und sind zum Schluss gekommen, dass wir im Fall der Türkei keine aktive Positionierung eingehen möchten. Der Anteil türkischer Aktien in der für uns relevanten Benchmark, dem MSCI Emerging Markets, ist sehr gering. Die fundamentale Analyse hat ergeben, dass die Bewertung der Aktien kaum mit der fundamentalen Datenbasis in Einklang steht. Unter diesen Umständen lohnt es sich für uns nicht, ein türkisches Risiko einzugehen. - Insgesamt ist der "Risk-Reward" für eine Positionierung in türkische Aktien im Moment nicht gegeben. 

Türkische Lira und Devisenreserven schmelzen wie Butter in der Sonne

Quelle: Bloomberg

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