Klimaschutz: Zeitenwende in den USA

Im Rahmen des «Inflation Reduction Act» stecken die USA in der nächsten Dekade rund 370 Milliarden USD in den Klimaschutz. Das Ziel bis 2030: Reduktion der CO2-Emissionen um 40 Prozent gegenüber 2005. Dabei setzen die USA auf Steueranreize. Warum?

Autor: Dr. Gerhard Wagner, Head Sustainable Purpose, Equities, Co-Autor: Dr. Daniel Fauser, Equity Analyst, Global ESG-integrated Research

Amerika entdeckt den Klimaschutz. Mit Steueranreizen soll die heimische Solarindustrie angekurbelt werden. (Bild: iStock)

Der Inflation Reduction Act ist ein umfangreiches Paket, bei dem – aus unserer Sicht – drei Aspekte hervorzuheben sind:

  1. Die Förderung des Klimaschutzes wirkt via sinkender Preise für erneuerbare Energieträger mittelfristig deflationär. Das ist zumindest die Sichtweise der US-Demokraten.
  2. Die USA setzen beim Klimaschutz vor allem auf finanzielle Anreize, zum Beispiel in Form von Steuergutschriften. Europa indes forciert das Marktinstrument der CO2-Bepreisung.
  3. Grüner Wasserstoff wird in den USA aufgrund sehr grosszügiger Förderung aller Voraussicht nach günstiger sein als der sogenannte blaue oder graue Wasserstoff.

Inflation Reduction Act

US-Präsident Joe Biden hat im August 2022 seine Unterschrift unter den «Inflation Reduction Act» gesetzt und damit das grösste Klimaschutzpaket in der Geschichte der USA auf den Weg gebracht. Gemäss Prognoserechnungen können die CO2-Emissionen der USA bis zum Jahr 2030 nun um 40 Prozent gegenüber 2005 gesenkt werden. Ohne dieses Programm wären die CO2-Emissionen aufgrund der bisher bestehenden Klimaschutzbemühungen nur um 25 bis 30 Prozent gesunken. Dieses Klimaschutzprogramm ist für Joe Biden und die Umwelt somit definitiv ein Erfolg, auch wenn das ursprüngliche Ziel der Biden-Administration, die CO2-Emissionen bis 2030 um 50 Prozent zu senken, deutlich verfehlt wird.

Um das US-Klimaschutzprogramm international einzuordnen, hilft ein Vergleich mit den Klima-Bestrebungen der Europäischen Union (EU). Der europäische «Green Deal» ist bei der Senkung der CO2-Emissionen ambitionierter. Die EU hat sich verpflichtet, bis 2030 die CO2-Emissionen gegenüber 1990 um 55 Prozent zu senken.

Inflationsbekämpfung via Klimaschutz?

Vor dem Hintergrund der Diskussionen um die sogenannte «Greenflation», das heisst steigende Energiepreise durch grüne Umwelttechnologien, ist es bemerkenswert, dass die US-Demokraten davon ausgehen, dass sich durch Klimaschutz mittelfristig die Inflation beschränken lässt.

Dies scheint auf den ersten Blick merkwürdig, weil der «Inflation Reduction Act» den Ausbau der erneuerbaren Energien mithilfe von Steueranreizen beschleunigen will. Wie soll die Inflation mit dem Einsatz von Technologien bekämpft werden, die selbst noch subventioniert werden müssen? Die Antwort lautet: Die operativen Kosten der erneuerbaren Energien sind deutlich tiefer als bei fossilen Energieträgern. Dies senkt die Gesamtkosten, sobald die Anfangsinvestitionen zum grössten Teil abgeschrieben sind. Ob die Inflation jedoch mit diesen Massnahmen insgesamt reduziert werden kann, wird sich noch zeigen müssen.

Klimaschutz in den USA via Steuergutschriften, aber ohne Emissionshandel

Bemerkenswert ist ebenfalls, wie die USA das Klimaschutzziel erreichen wollen, nämlich durch Steuergutschriften und Zuschüsse, die wirtschaftlich generell als ineffizient gelten.

Dagegen gilt der Emissionshandel nach Ansicht der meisten Klima-Ökonomen als das marktfreundlichste Instrument, um Klimaschutz zu erreichen. Darüber hinaus kann beim Emissionshandel ein gesetztes Emissionsziel – zumindest in Theorie – zuverlässig erreicht werden, da die erlaubten CO2-Emissionen vorgegeben werden und der dafür notwendige CO2-Preis aus den sogenannten Vermeidungskosten folgt und durch den Markt verhandelt wird. Der CO2-Preis «sorgt» so dafür, dass sich die kosteneffizientesten Umwelttechnologien zuerst durchsetzen, die teureren später. Dahinter steckt die Überzeugung, dass der freie Markt die verfügbaren Umwelttechnologien bei einem gegebenen CO2-Preis kosteneffizienter bereitstellt als der Staat. Warum setzten die USA dann nicht ähnlich wie die Europäische Union auf den kosteneffizienten CO2-Emissionshandel?

Ziel: Unabhängigkeit bei Schlüsselindustrien im Umweltbereich

Nach unserer Einschätzung arbeiten die USA gezielt mit Steuergutschriften, da sie das Ziel verfolgen, bei Schlüsselindustrien im Umweltbereich nicht vom grossen Rivalen China abhängig zu sein. Heute wird vor allem der Grossteil aller Solarzellen und Batterien für Elektrofahrzeuge in China produziert. Die USA möchten in diesen Zukunftsindustrien unabhängig von China werden. Deswegen gibt es nun grosszügige Steuergutschriften, wenn die Wertschöpfung in den USA stattfindet. Protektionismus der heimischen Industrie ist mit Steuergutschriften leichter zu bewerkstelligen als mit dem CO2-Emissionshandel, der grundsätzlich auf freiem Handel beruht.

USA peilt Führungsrolle beim grünen Wasserstoff an

Zentrale Aspekte des «Inflation Reduction Act» für den Bereich der Erneuerbaren Energien sind:

  • Die Verlängerung von ITC («Investment Tax Credit») und PTC («Production Tax Credit») für erneuerbare Technologien. Im Rahmen des ITC erhalten Eigner von qualifizierten Projekten im Bereich der Erneuerbaren Energien Steuergutschriften in Höhe von bis zu 30 Prozent der Kapitalkosten des Projekts (vgl. Tabelle unten). Im Rahmen des PTC werden Steuergutschriften für mit erneuerbaren Technologien erzeugten Strom und nun auch für Wasserstoff gewährt – abhängig von der erzeugten Menge und CO2-Intensität.
  • Bei Solarmodulen betragen die Steuergutschriften im Extremfall mehr als 50 Prozent der Produktionskosten, wenn sich die gesamte Wertschöpfungskette in den USA befindet.
  • Hervorzuheben ist insbesondere die Steuergutschrift für die Produktion von grünem Wasserstoff in Höhe von bis zu drei US-Dollar je Kilogramm – je nach Emissionsintensität. Zum Vergleich: Der nicht-subventionierte Erzeugungspreis von grünem H2 variiert laut einer Studie der internationalen Energieagentur zwischen 3 – 8 USD pro Kilogramm Wasserstoff.

Steuergutschriften werden in Abhängigkeit von der CO2-Intensität gewährt

CO2-Intensität

Gramm CO2/Gramm erzeugtem Wasserstoff

Production Tax Credit

pro kg Wasserstoff

Investment Tax Credit

in %

< 0.45

USD 3.00

30 %

< 1.5

USD 1.00

10 %

< 2.5

USD 0.75

7.5 %

< 4.0

USD 0.60

6 %

Quelle: BloombergNEF


Damit wird grüner Wasserstoff in den USA wohl ab dem Jahr 2025 günstiger sein als blauer oder grauer Wasserstoff, die beide aus Erdgas gewonnen werden.

Was bedeutet das für Investor:innen?

Steuergutschriften durch den Staat sind zum Teil ineffizient und führen dazu, dass einzelne Technologien grosszügiger gefördert werden als andere. Dies wird sich unmittelbar auf die Profitabilität einzelner Unternehmen auswirken. Für Investoren offenbart sich hier eine Opportunität. Unterm Strich lässt sich sicherlich sagen, dass für Unternehmen mit grünen Technologien und Wertschöpfungsketten in den USA durch den «Inflation Reduction Act» ein sehr günstiges Umfeld geschaffen wurde. Unternehmensbeispiele sind der US-amerikanische Solarmodul-Hersteller First Solar, der Brennstoffzellen-Hersteller Plug Power und Albermarle, einer der wichtigsten Hersteller von Lithium-Carbonat und -Hydroxid.

Wasserstoff: grün, blau, grau

Die CO2-Emissionen in der Herstellung von Wasserstoff bestimmt dessen Farbgebung:

  • grauer Wasserstoff: Aus Wasserdampf und kohlenstoffhaltigen Energieträgern (in der Regel Erdgas) wird Wasserstoff gewonnen. Das dabei entstehende CO2 entweicht in die Atmosphäre.
  • blauer Wasserstoff: Selber Vorgang wie beim grauen Wasserstoff. Das CO2 wird indes durch Kohlenstoffabscheidung aufgefangen und gespeichert.
  • grüner Wasserstoff: Die Aufspaltung von Wasser in Wasserstoff (H2) und Sauerstoff (O) geschieht mittels Elektrolyseverfahren und erneuerbarem Strom. Die CO2-Emissionen sind praktisch bei null.

Die Publikationen wurden vom Buy-Side Research des Asset Managements der Zürcher Kantonalbank und nicht von der Abteilung «Finanzanalyse» im Sinne der von der Schweizerischen Bankiervereinigung herausgegebenen «Richtlinien zur Sicherstellung der Unabhängigkeit der Finanzanalyse» erstellt. Die Publikationen unterliegen folglich nicht diesen Richtlinien.