Lackmustest für Faktor­prämien

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Systematische Multifaktorstrategien haben sich nach längerer Durststrecke wieder bewährt. Auch Dank der Erholung von Value-Titeln lieferten sie wieder die von ihnen erwartete Performance. Nun fordern die jüngsten Marktverwerfungen den nächsten Lackmustest.

Text: Christian Haller

Was sich gegen Ende des letzten Kalenderjahres abgezeichnet hat, ist eingetreten. Die Faktoren Value, Quality und Momentum haben sich 2021 ausnahmslos erfreulich entwickelt. In einem kontinuierlich steigenden Markt (MSCI World TR Net +25.6% in CHF) hat Momentum am stärksten zugelegt. Der viel gescholtene Value-Faktor setzte zum Comeback an und liess Qualitätstitel hinter sich; gleichzeitig konnten beide Faktoren den breiten Markt schlagen. Daher erstaunt es wenig, dass unser globale Multifaktoransatz das beste Jahresergebnis seit 2013 hinlegte.

Und wie sind die drei Faktoren ins 2022 gestartet? 

Value in der Anlegergunst

Das laufende Jahr ist zwar erst wenige Monate alt, hat aber schon mehrere ereignisreiche Wochen erlebt. So sorgte die amerikanische Notenbank (Fed) zum Jahresauftakt für Aufsehen mit der Ankündigung, den expansiven Geldkurs womöglich bereits im März mit ersten Zinserhöhungen drosseln zu wollen. Das ist mittlerweile geschehen. Vor diesem Hintergrund hatten es Wachstumstitel besonders schwer, und die Rotation hin zu Value nahm nochmals deutlich an Fahrt auf.

Mit Ausbruch des Krieges in der Ukraine und dem damit einhergehenden Anstieg des Erdölpreises werden die Pläne des Fed kritisch beäugt. Neue, kurzfristige Liquiditätsspritzen und mehr Zurückhaltung beim Anstieg der Leitzinsen stellen valable Alternativen dar, um die Konjunktur zu stützen. Der Stärke der Faktorprämie Value tut dies hingegen keinen Abbruch. Tiefbewertete Titel bleiben in dieser Korrekturphase relativ gesucht und bestätigen die im letzten Jahr eingeläutete Trendumkehr. Dies mag unter anderem mit der unveränderten Erwartungshaltung einer Normalisierung der Weltwirtschaft auf lange Sicht zusammenhängen. Angesichts einer restriktiveren Geld- und Fiskalpolitik glänzen Value-Perlen erfahrungsgemäss stärker. Hinzu kommt, dass die Aufholjagd der Value-Prämie längst nicht beendet ist, wie folgender Chart zeigt.

Aussichten für Value-Titel bleiben attraktiv

Quelle: Zürcher Kantonalbank

Der Chart visualisiert die Value-Prämie als Verhältnis zwischen günstigen und teuren Titeln im Zeitablauf. Je tiefer dieser Wert ist, umso stärker werden Value-Titel vernachlässigt und umso grösser ist ihr Potenzial gegenüber hochbewerteten Titeln. Aktuell hat sich die Linie erst wenig von ihrem Tiefststand entfernt, womit die Aussichten für Value erfreulich bleiben.

Momentum: Stabilisierung nach Korrektur

Der Faktor Momentum hat sich im laufenden Jahr bis anhin am schwächsten entwickelt. Besonders im Januar blieb der Faktor hinter dem Markt zurück. Die scharfe Korrektur an den weltweiten Börsen war hier bestimmt nicht förderlich und trug zum unterdurchschnittlichen Abschneiden bei. Zuletzt hat sich der Faktor hingegen wieder stabilisiert.

Quality im Gleichgewicht

Qualitätstitel haben sich seit Jahresanfang in etwa mit dem Markt bewegt. Investorinnen und Investoren, die sich von überteuerter Qualität lösten, hielten sich wohl die Waage mit jenen, die in einem volatiler werdenden Umfeld Qualitätskriterien mehr Beachtung schenkten. Der russische Angriff gegen die Ukraine liess überraschenderweise die Faktorprämie Qualität bislang kaum steigen. Die Unsicherheit bezüglich der Folgen für die Weltwirtschaft bleibt mit zunehmender Härte des Konflikts bestehen und treibt die Inflationsraten weiter in die Höhe. Qualitätstiteln wird in einem solchen Umfeld grundsätzlich mehr Vertrauen entgegengebracht.

Ausblick

Konjunkturprognosen fallen nie einfach vom Himmel. Sie sind derzeit aber besonders anspruchsvoll. Es ist schwierig einzuschätzen, wie lange sich die militärische Auseinandersetzung in Osteuropa noch hinzieht und wie konsequent die Zentralbanken der steigenden Inflation entgegenwirken werden.

In einem solchen Umfeld dient sich eine langfristige Perspektive an. Dabei helfen systematische Multifaktoransätze mit bewährten Renditeprämien wie Value, Quality und Momentum. Sie zeigen sich im laufenden Jahr überaus robust und stellen vor allem über ganze Konjunkturzyklen betrachtet Mehrwert in Aussicht.

 

Die Publikationen wurden vom Buy-Side Research des Asset Managements der Zürcher Kantonalbank und nicht von der Abteilung «Finanzanalyse» im Sinne der von der Schweizerischen Bankiervereinigung herausgegebenen «Richtlinien zur Sicherstellung der Unabhängigkeit der Finanzanalyse» erstellt. Die Publikationen unterliegen folglich nicht diesen Richtlinien.

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