CIO Office: Keine anhaltende Rally bei australischen Staatsanleihen

Australische Staatsanleihen legten im Oktober eine regelrechte Rendite-Rally hin, die durch die Inaktivität der Notenbank verstärkt wurde. Die makroökonomischen Fundamentaldaten sprechen allerdings gegen eine Fortsetzung dieses Trends, sagt Senior Economist Sascha Jucker.

Text: Sascha Jucker, Senior Economist

Sascha Jucker, Senior Economist bei der Zürcher Kantonalbank
Sascha Jucker, Senior Economist bei der Zürcher Kantonalbank (Bild: Andreas Guntli)

Australische Staatsanleihen legten im Oktober eine regelrechte Rendite-Rally hin, die durch die Inaktivität der Notenbank verstärkt wurde. Die makroökonomischen Fundamentaldaten sprechen allerdings gegen eine Fortsetzung dieses Trends, sagt Senior Economist Sascha Jucker.

Angebot und Nachfrage aus dem Gleichgewicht

Die veränderte Nachfrage während der Pandemie, die expansive Geld- und Fiskalpolitik in den Industrieländern, Güter- und Fachkräftemangel, Transportengpässe und extreme Witterungsbedingungen haben das bislang vorherrschende Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage global aus dem Gleichgewicht gebracht. Als Folge davon stiegen Preise auf Stufe Unternehmen und Konsumenten weltweit stark an.

Australien führt angelsächsische Rendite-Rally an

Eine anziehende Teuerung erhöht auch die Erwartungen an die Notenbanken und den Aufwärtsdruck auf die globalen Renditen. Letztere haben im Oktober erneut stark zugelegt, besonders in Australien. Die Rendite der zehnjährigen australischen Staatsobligation koppelte sich von der globalen Zinsentwicklung ab und notierte zeitweise sogar über 2%. Befeuert wurden die Obligationsverkäufe zudem durch das Verhalten der australischen Notenbank, deren Inaktivität von den Märkten als deutliches Zeichen für eine restriktivere Geldpolitik interpretierte wurde. Mittlerweile hat sich die Situation wieder beruhigt. Es ist jedoch durchaus möglich, dass die Volatilität am Zinsmarkt über längere Zeit hoch bleibt und dies auch die australische Obligationenrenditen zu spüren bekommen. Während die meisten Währungshüter im angelsächsischen Raum angesichts der hohen Inflationsprognosen im nächsten Jahr mit einem ersten Zinsschritt liebäugeln, wird sich diese Entwicklung in Australien nicht so bald abzeichnen. Dafür gibt es vier Gründe:

  1. Inflation: Verzerrte Datengrundlage Down Under
    Die Kernteuerung in Australien ist erstmals seit fünf Jahren wieder in das gewünschte Inflationszielband der australischen Notenbank (2% bis 3%) gefallen. Ein beträchtlicher Teil der gestiegenen Konsumentenpreise ist auf höhere Wohnkosten zurückzuführen, deren Wachstum angesichts des sich abzeichnenden Endes des Immobilienbooms nicht nachhaltig scheint. Ein Viertel der Teuerung rührt zudem von staatlichen Eingriffen im Vorjahr her: Die Regierung hat im Sommer 2020 einen Teil der Kleinkinderbetreuungskosten übernommen und diese Subvention kürzlich wieder abgeschafft. Letzteres wirkte sich inflationstreibend aus, widerspiegelt aber nur eine Normalisierung der Kostenbasis. Dieser Effekt wird im nächsten Jahr ausbleiben.
  2. Konjunktur: Australien hinkt hinterher
    Seit einigen Quartalen erholen sich die westlichen Industrieländer vom Wirtschaftseinbruch des vergangenen Jahres. Die Erholung in Down Under verlief deutlich holpriger. Mit seiner Zero-Covid-Strategie fuhr der Inselstaat bis zur ersten Jahreshälfte gut. Danach kam es aufgrund der Ausbreitung der Deltavariante zu wiederholten Lockdowns. Der jüngste Konjunktureinbruch ist entsprechend stark ausgefallen und hat die Wirtschaft heftig zurückgeworfen. Mittlerweile hat die Regierung eingestehen müssen, dass die bisherige Nulltoleranzstrategie mit der Deltavariante nicht durchführbar ist. Dank raschen Impfbemühungen wurden viele Eindämmungsmassnahmen wieder aufgehoben, jedoch wird die neue Strategie «mit dem Virus zu Leben» auch dazu führen, dass die wirtschaftliche Erholung weniger dynamisch ausfällt als im vergangenen Jahr. Entsprechend wird Australien noch bis im Frühjahr 2022 anderen Industrienationen konjunkturell hinterherhinken.
  3. Arbeitsmarkt: Beschäftigungslücke und Lohnstopps
    Wie in einigen anderen Ländern verhinderte das Kurzarbeitsprogramm in Australien eine drohende Massenarbeitslosigkeit. Da es den Unternehmen durch die wiederholten Eindämmungsmassnahmen jedoch an Planungssicherheit fehlte, konnten Entlassungen nicht verhindert werden. So steckte beispielsweise die Bevölkerung Melbournes während der sechs Lockdowns kumuliert 262 Tage in den eigenen vier Wänden fest. Dieses An- und Ausschalten von Teilen der Wirtschaft hinterliess deutliche Spuren am Arbeitsmarkt und so liegt die Beschäftigung aktuell noch deutlich unter dem Vorkrisenniveau. Dies und der Umstand, dass ein beträchtlicher Teil der Unternehmen für ihre bestehende Belegschaft einen vorübergehenden Lohnstopp verhängt hat, deckelt das künftige Lohnwachstum und wird die Lohn-Preis-Spirale vorerst in Schach halten. Gemäss offiziellen Angaben stiegen die Saläre im 2. Quartal mit 1,6% nur unwesentlich mehr als zum historischen Tiefpunkt im Jahr 2020.
  4. Bevölkerungswachstum: Rückkehr der Zuwanderer
    Kaum eine andere Region hat sich seit Anfang letzten Jahres so rigoros vom Rest der Welt abgeschottet wie der Pazifikraum. Eine Folge davon war ein abrupter Stopp der Migration. Und da Zuwanderer für zwei Drittel des australischen Bevölkerungswachstums verantwortlich sind, ist letzteres entsprechend bescheiden ausgefallen. Mit der anstehenden Wiedereröffnung des Landes werden Arbeitskräfte zurückkehren und den Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt anheizen, was sich mittelfristig deflationär auswirkt.

Fazit: Wenig Druck für RBA

Vor dem Hintergrund der aktuell überzeichneten Inflationsrate, des konjunkturellen Rückstands, der Lohnstopps und der künftig zunehmenden Einwanderung fehlt die makroökonomische Basis für einen anhaltenden Renditeanstieg in Down Under und für eine aggressivere Haltung der Reserve Bank of Australia (RBA). Die Markterwartungen von vier Leitzinsanhebungen im nächsten Jahr dürften nicht erfüllt werden, so dass der Rendite-Rally die Luft ausgehen wird.

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