Ukraine-Krieg: Mit welchen wirtschaftlichen Folgen zu rechnen ist

Welche kurzfristigen wirtschaftlichen Auswirkungen der Krieg in der Ukraine auf die USA, die Eurozone und die Schwellenländer haben dürfte – dies erläutern die CIO-Experten der Zürcher Kantonalbank.

Text: Johanna Stauffer

Die Auswirkungen dieses noch bis vor Kurzem undenkbaren Angriffskrieges mitten in Europa dürften die Weltgemeinschaft über Jahre hinaus beschäftigen und grosse strukturelle Veränderungen anstossen – politischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Art. Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz sprach hierbei von einer «Zeitenwende».

Langfristige wirtschaftliche Prognosen sind zum aktuellen Zeitpunkt schwierig, hängt doch viel vom weiteren Verlauf des Konfliktes ab – ob es zu einer weiteren Eskalation kommt, zu einem andauernden Krieg oder zu einer Entspannung der Lage.

Welche Auswirkungen in den nächsten zwölf Monaten zu erwarten sind, erklären die Experten aus dem CIO-Office der Zürcher Kantonalbank.

Weltwirtschaft: Tieferes Wachstum, höhere Inflation

Auf globaler Ebene rechnet das CIO-Office der Zürcher Kantonalbank im Basisszenario (andauernder Krieg mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent) für 2022 mit einer um 0,5 Prozentpunkte tieferen Wachstumsrate und einer um 1,4 Prozentpunkte höheren Inflation.

Die Auswirkungen auf die Inflation sind aufgrund der grossen Bedeutung Russlands im globalen Rohstoffhandel weitaus stärker als auf das Wachstum.

Da die Inflation schon vor dem Ukrainekrieg vielerorts eine problematische Höhe erreicht hat, werden die westlichen Notenbanken den Kampf gegen die Inflation als ihre vordringlichste Aufgabe definieren und ihre Geldpolitik schrittweise restriktiver ausgestalten, ungeachtet der Wachstumseinbussen aufgrund des Ukraine-Kriegs.

Eurozone: Hohe Abhängigkeit von Russland im Energiebereich

Die realwirtschaftlichen und finanziellen Verflechtungen Europas mit Russland sind zwar gering. Die Achillesferse Europas ist jedoch die hohe Abhängigkeit im Energiebereich. Mit einem Anteil von rund einem Viertel beim Erdöl und über 40 Prozent im Gas- und Kohlebereich ist Russland der mit Abstand wichtigste Energielieferant Europas.

In unserem Basisszenario gehen wir davon aus, dass die Öl- und Gaslieferungen nicht unterbrochen werden. Dementsprechend hat das CIO-Office der Zürcher Kantonalbank die Wachstumsprognose für 2022 lediglich von 3,5 auf 3,0 Prozent gesenkt. Die Inflation wird hingegen noch längere Zeit erhöht bleiben. Hier wurde die Prognose markant von 4,2 auf 5,9 Prozent erhöht.

Unter diesen Voraussetzungen dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) die eingeleitete geldpolitische Normalisierung fortsetzen. Sie dürfte ihre Wertpapierkäufe im Juli einstellen und im Dezember den Einlagesatz für Geschäftsbanken von –0,50 auf –0,25 Prozent erhöhen.

Anders als unmittelbar vor der Pandemie ist die europäische Wirtschaft derzeit nämlich in einer robusten Verfassung. Die hohe Inflation dämpft jedoch die Konsumentenstimmung und das Investitionsklima.

USA: Konflikt vor allem an der Zapfsäule spürbar

Im Vergleich mit anderen Regionen sind die USA gut positioniert, um den Auswirkungen des Ukrainekonflikts zu trotzen.

Die direkten Handelsbeziehungen mit Russland sind gering (2021: 1,4 Prozent des Güterhandels). Bereits vor Ausbruch des Krieges waren die USA energiepolitisch weitgehend unabhängig und konnten es sich deshalb auch leisten, die Erdöl-, Erdgas- und Kohleimporte aus Russland zu boykottieren.

Dennoch bleibt die US-Wirtschaft nicht von indirekten Auswirkungen der Krise verschont, da die Preise vieler Rohstoffe im internationalen Handel gebildet werden. Die Amerikaner spüren dies vor allem an der Zapfsäule über einen höheren Benzinpreis. Die höheren Preise für Energie, und in geringerem Umfang auch für Nahrungsmittel, verringern das verfügbare Einkommen und belasten die Verbraucherausgaben.

Besonders stark betroffen sind Haushalte mit niedrigem Einkommen. Wohlhabendere Haushalte können dagegen auf ihre umfangreichen Ersparnisse zurückgreifen, um den gewohnten Konsum aufrechtzuerhalten. Die Verschlechterung des Verbrauchervertrauens seit Beginn des Konfliktes belastet zusätzlich.

Unterdessen weiten die Schieferölproduzenten ihre Tätigkeit angesichts der höheren Rohölpreise deutlich aus, was einen Investitionsschub auslöst und einen Teil der Konsumbelastung ausgleicht.

Unter dem Strich hat das CIO-Office der Zürcher Kantonalbank seine Wachstumsprognose für die USA im Basisszenario moderat von 3,5 auf 3,2 Prozent nach unten korrigiert. Die Inflationsprognose für das laufende Jahr erhöht es von 5,8 auf 7,3 Prozent.

Schwellenländer: Ambivalente Rohstoffpreise

Die Schwellenländer sind über realwirtschaftliche Kanäle geringfügig mit Russland und der Ukraine verknüpft. Die grosse Ausnahme bildet hierbei Osteuropa mit Ungarn, Polen und Tschechien. Diese Staaten exportieren nicht nur Güter im Umfang von rund 2 bis 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nach Russland und in die Ukraine, sondern beziehen auch grosse Mengen russischer Energieträger. Zudem bestehen finanzielle Verknüpfungen.

Die Schwellenländer sind von einem weiteren Preisanstieg aufgrund höherer Rohstoff- und Nahrungsmittelpreise viel stärker betroffen. Zwar sind rund die Hälfte des von der Zürcher Kantonalbank berücksichtigten Schwellenländeruniversums Netto-Rohstoffexporteure, doch drei Viertel sind auf Energieeinfuhren angewiesen.

Der zusätzliche Preisdruck zwingt die Zentralbanken zu vermehrten Zinsschritten, da die Teuerung in den meisten Volkswirtschaften ohnehin schon weit über der Zielinflation notiert. Höhere Zinsen, tiefere Realeinkommen sowie eine geringere Exportnachfrage werden das Wachstum entsprechend belasten.

Im Basisszenario beziffert das CIO-Office der Zürcher Kantonalbank die Wachstumseinbussen auf 0,8 Prozentpunkte und den Inflationsanstieg auf 1,3 Prozentpunkte. Das aggregierte Jahreswachstum wird mit 3,9 Prozent aber immer noch in etwa auf Vorpandemieniveau ausfallen.

Zudem rechnen die Experten der Zürcher Kantonalbank lediglich in Russland mit einer Rezession, die aufgrund der bisher erlassenen Sanktionen ausgeprägt ausfallen wird.

China hingegen wird vom Konflikt realwirtschaftlich wenig tangiert. Russland und die Ukraine sind als Absatzmarkt für chinesische Güter relativ unbedeutend, und die Einfuhren belaufen sich auf weniger als 1 Prozent des chinesischen Bruttoinlandprodukts.

Höhere Rohstoffpreise werden zwar auch in China zu einer höheren Inflation führen. Eine moderate Lockerung der Geld- und Fiskalpolitik zur Abfederung der immobilienmarktinduzierten Wachstumsverlangsamung bleibt aber möglich.

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