Eskalation im Ukraine-Konflikt: die wirtschaftliche Bedeutung

Text: Christoph Schenk, CIO

Die Finanzmärkte werden gegenwärtig durch die Eskalation der geopolitischen Spannungen zwischen Russland und der Ukraine durchgeschüttelt. Ereignisse dieser Dimension erhöhen die Unsicherheit an den Finanzmärkten unmittelbar, obwohl die geopolitischen und wirtschaftlichen Folgen noch gar nicht abschliessend beurteilt werden können. Was sich im Moment in der Ukraine abspielt, ist in erster Linie ein humanitäres Desaster und der weitere Verlauf des Konfliktes lässt sich nicht prognostizieren. Aus Anlegersicht ist daher umso wichtiger, in einer solchen Phase, einen Faktencheck zu machen und die Ruhe zu bewahren.

Sanktionen und wirtschaftliche Bedeutung

Aus wirtschaftlicher Sicht stehen zwei Sachen im Vordergrund: Die Sanktionen, welche der Westen gegen Russland verhängen wird und umgekehrt, sowie die wirtschaftliche Bedeutung Russlands und der Ukraine. Der Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) von Russland und von der Ukraine beträgt zusammen rund 3%. Die wirtschaftliche Grösse steht also nicht im Vordergrund. Sanktionen des Westens schaden deshalb vor allem Russland. Aus wirtschaftlicher Sicht stehen vor allem Russlands Erdöl- und Gasexporte sowie das Risiko anhaltend hoher oder gar weiter steigender Energiepreise im Vordergrund. Das sorgt bereits jetzt dafür, dass sich der erwartete Inflationsrückgang weiter verzögert. Und das wiederum erhöht die Unsicherheit hinsichtlich der Massnahmen der Zentralbanken zur Bekämpfung des Inflationsdrucks. Dies ist jedoch keine Einbahnentwicklung, denn Russland ist mit seiner strukturschwachen Wirtschaft auf die Einnahmen aus den Rohstoffexporten angewiesen.

Christoph Schenk, CIO, rät Anlegerinnen und Anlegern, einen Faktencheck zu machen und Ruhe zu bewahren.

Bei Prüfung der Fakten stehen drei Fragen im Vordergrund:

Erstens: Wird die Inflation zu einem ernsthaften Problem?
Die Inflation ist nach wie vor hauptsächlich auf die pandemiebedingte Angebotsverknappung und den Anstieg der Energiepreise zurückzuführen. Die Inflation wird zwar erhöht bleiben und ist auch die Folge des hohen Wirtschaftswachstums. Sie wird sich im Rahmen der wirtschaftlichen Öffnung und der erwünschten Wachstumsverlangsamung zurückbilden, allerdings langsamer als erwartet.

Zweitens: Müssen die Notenbanken ihre Geldpolitik deswegen anpassen?
Die Zinsnormalisierung bzw. die Notenbanken haben nicht zum Ziel, die Konjunktur abzuwürgen. Wir sind weit davon entfernt, dass die Finanzierungsbedingungen schädlich für die Wirtschaft sind. Im Gegenteil: Die aktuelle Geldpolitik ist mit dem hohen Wachstums-, Preis- und Beschäftigungsniveau nicht kompatibel. Sie muss angepasst werden, damit es nicht zu einer schädlichen Überhitzung der Wirtschaft kommt. Das primäre Ziel der Notenbanken ist es, die Geldpolitik zu neutralisieren – das heisst eine Geldpolitik, die für das Wirtschaftswachstum weder unterstützend noch bremsend ist.

Drittens: Hält das Wirtschaftswachstum an?
Die Weltwirtschaft ist zu robust, um gleich zu kippen. Weltweit hat sich die globale Wirtschaft im ersten Quartal 2022 wegen Omikron zwar verlangsamt, aber die Datenlage und die Aufhebung der Pandemiemassnahmen deuten auf eine Beschleunigung im zweiten Quartal hin (Mini-Boom durch Wiedereröffnung im Dienstleistungssektor). Das globale Wirtschaftswachstum wird sich im Verlauf des Jahres im Rahmen einer Normalisierung verlangsamen, aber die hohe Beschäftigungszahlen stützen Konsum und Investitionen und sorgen für ein durchschnittliches Wachstum. Der geopolitische Konflikt zwischen Russland und der Ukraine hat die Unsicherheit an den Märkten kurzfristig enorm erhöht.

Unser Fokus bleibt auf der wirtschaftlichen Faktenlage und diese deutet immer noch auf eine Normalisierung der Wirtschaft hin. Das heisst, auf ein global robustes wirtschaftliches Wachstum, langsam abnehmende Inflationsraten und eine graduell strafferen Geldpolitik. Der Grundsatz, dass geopolitische Ereignisse kurze Beine haben, wird sich auch im Russland-Ukraine-Konflikt bewahrheiten.

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