Gute Aussichten für die Schweiz

Die Schweizer Wirtschaft läuft derzeit auf Hochtouren – und die Voraussetzungen stehen trotz einiger Herausforderungen gut, dass dies so bleiben wird, sagt David Marmet, Chefökonom Schweiz.

Text: David Marmet, Chefökonom Schweiz bei der Zürcher Kantonalbank

David Marmet, Chefökonom Schweiz bei der Zürcher Kantonalbank
David Marmet, Chefökonom Schweiz bei der Zürcher Kantonalbank (Bild: Andreas Guntli)

Während sich die Schweizer Industrie auf sehr hohem Niveau stabilisiert, hat sich die Dynamik im Dienstleistungssektor zuletzt von Monat zu Monat beschleunigt. So melden die Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe, Detailhandel, Grosshandel und bei den Finanz- und Versicherungsdienstleistern, dass ihre Geschäftslage deutlich positiver ist als zur Jahreswende 2019/20. Im Baugewerbe präsentiert sich die Geschäftslage ähnlich gut wie vor der Krise. Weniger rosig sieht es noch fürs Gastwerbe und einige andere Dienstleister aus. Trotz einer spürbaren Entspannung ist ihr Geschäftsgang bei Weitem noch nicht auf Vorkrisenniveau. Die insgesamt starke Erholung vermag zu überraschen und kommt für die meisten Konjunkturauguren rascher als bis anhin prognostiziert. Zurzeit wird das BIP-Wachstum für 2021 laufend nach oben angepasst. Waren die Experten der Zürcher Kantonalbank im Frühjahr mit ihren Wachstumsprognose von 4% noch Spitzenreiter, gehört die 4%-Marke inzwischen quasi zum guten Ton.

Vergangenheit weniger düster als befürchtet

Aber nicht nur die Zukunft sieht besser als erwartet aus, auch die Vergangenheit war weniger düster als zunächst angenommen. So rechneten die Konsens-Ökonomen kurz nach Ausbruch der Pandemie mit einem BIP-Rückgang für 2020 von 6%. Wie die neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik indes zeigen, war der Einbruch nicht einmal halb so stark. Die Schweizer Wirtschaft tauchte «nur» 2.4%. Dennoch soll hier nichts beschönigt werden. Zwar ähnelt der jährliche BIP-Rückgang eher demjenigen von 2009 als dem oft als Vergleich herangezogenen Rückgang von 1975. Im Nachgang zum Jom-Kippur-Krieg und der Erdölkrise bildete sich das Schweizer BIP um 7.5% zurück, während der Taucher in der Finanzmarktkrise 2.1% betrug. Auf Basis der Quartalswachstumsraten war der pandemiebedingte Einbruch aber um ein Vielfaches gravierender als während der Finanzmarktkrise – oder auch viel gravierender als in der Immobilien- und Bankenkrise in den frühen 1990er-Jahren. Umso erfreulicher ist es, dass die Schweizer Wertschöpfung ihr Vorkrisenniveau im 2. Halbjahr 2021 wieder erreicht haben dürfte. Der Wirtschaftsaktivitätsindex des Seco zeigt bereits seit einigen Wochen eine höhere wirtschaftliche Aktivität an als vor der Krise. Dieser Indikator, der im Zuge der Coronapandemie konstruiert wurde, setzt sich aus neun schnell verfügbaren Indikatoren zusammen und weist einen starken Zusammenhang mit dem vierteljährlichen BIP-Wachstum auf.

SNB in relativ ruhigem Fahrwasser

Die hohe Konsumnachfrage ermöglicht es den Unternehmen, ihre Marge allmählich zu erhöhen. Bereits vor einigen Monaten stiegen die Preise einzelner Vorleistungsgüter aufgrund von Lieferengpässen an, die Firmen konnten indes die gestiegenen Inputkosten wegen der Pandemielage kaum auf den Endpreis überwälzen. Vermehrt hört man nun landauf, landab, dass die Kunden durchaus gewillt sind, höhere Preise zu akzeptieren. Entsprechend wird die Schweizer Teuerung in den nächsten Monaten und Quartalen im positiven Bereich notieren, aber nicht aus dem Ruder laufen. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) kann daher relativ entspannt in die Zukunft blicken: Die Finanzmarktteilnehmer haben sich an die Negativzinspolitik gewöhnt, die Konjunktur zieht an und die Inflation liegt im Zielbereich. Solange dieser Risk-off-Modus anhält, steht der Schweizer Franken kaum im Fokus der Finanzmärkte. Zudem ist eine leichte, nicht abrupte Aufwertung des Frankens für die Schweizer Unternehmen bei der Gemengelage verkraftbar. Die SNB befindet sich quasi in der besten aller Welten.

Schweiz ist wettbewerbsstärkstes Land

Konjunkturell sieht es also gut aus. Aber auch aus der mittel- und langfristigen Perspektive wird die Schweiz von einer Erfolgswelle getragen. So ist sie gemäss der jüngsten Rangliste des Institute for Management Development (IMD) das wettbewerbsstärkste Land der Welt. Es ist das erste Mal, dass die Schweiz auf dieser Rangliste ganz oben steht, noch vor Schweden und Dänemark. Unser Land verfügt laut dem Ranking über die weltbeste Infrastruktur. Punkten konnte die Schweiz zudem mit dem Zustand der öffentlichen Finanzen, dem institutionellen Rahmenwerk und der Finanzierungssituation für Unternehmen.

«Alles in Butter»? Mitnichten

Die Schweiz als wettbewerbsstärkstes Land mit zurzeit gut laufender Konjunktur: Also «alles in Butter»? Nein, denn dies ist nur die eine Seite der Medaille. Zum einen ist die Pandemie aus wirtschaftlicher Sicht alles andere als abgehakt, zum anderen präsentierten sich die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen auch schon besser. Wenden wir den Blick zuerst auf die Pandemiebewältigung. Einzelne Wirtschaftszweige haben bekanntlich weiterhin sehr stark mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen. So waren in der Luftfahrtindustrie im Mai 2021 immer noch rund 60% aller Beschäftigten von Kurzarbeit betroffen. In der ersten Pandemiewelle hatte dieser Anteil

80% betragen. Ähnlich hoch lag der Anteil damals im Gastgewerbe (77%), konnte aber innerhalb eines Jahres mehr als halbiert werden. Auffallend hoch ist der Anteil der Beschäftigten mit Kurzarbeit in der Textilbranche, während die anderen Branchen des verarbeitenden Sektors nur noch wenige Beschäftigte in Kurzarbeit haben. Die Statistik zur Kurzarbeitsentschädigung zeigt exemplarisch, dass einzelne Branchen vor einem Strukturwandel stehen, der sich bereits vor der Pandemie abgezeichnet hatte, durch die Pandemie indes aufgeschoben wurde und in den nächsten Quartalen angegangen werden muss.

Spuren am Arbeitsmarkt

Die wohl grösste positive Überraschung, wie schnell die Krise auf den ersten Blick überwunden werden konnte, betraf den Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenrate notiert aktuell bei 2.8% und liegt damit tiefer als beispielsweise im Juli 2017. Zudem gab es noch nie so viele offene Stellen wie im Sommer 2021. Dies hat zwar nicht zuletzt mit der Stellenmeldepflicht, sprich der politischen Umsetzung der Masseinwanderungsinitiative, zu tun; dennoch verzeichnen auch covidgebeutelte Branchen wie das Gastgewerbe und die Hotellerie einen Anstieg bei den offenen Stellen. So weit, so schön. Auffallend ist hingegen, dass die älteren Arbeitnehmenden heute viel grössere Mühe bekunden, eine Arbeitsstelle zu finden. Lag die Arbeitslosenquote der über 59-Jährigen vor vier Jahren noch 0.5 Prozentpunkte unter derjenigen der Arbeitslosenquote aller Altersklassen, notierte sie im Juli 2021 bereits 1.3 Prozentpunkte über dem Gesamtdurchschnitt. Die Pandemie scheint eine Entwicklung angestossen zu haben, die von den wirtschaftspolitischen Entscheidungsträgern bereits befürchtet worden war. Denn mit der auf Mitte 2021 in Kraft getretenen Überbrückungsrente soll bekanntlich den älteren Arbeitnehmenden geholfen werden. Auslöser für dieses Paket war aber natürlich nicht die Pandemie. Die Überbrückungsrente war als Motivationsschub gedacht, damit die Bevölkerung die Personenfreizügigkeit mit der EU weiterhin mitträgt. Unweigerlich stellt sich die Frage, ob wegen oder trotz der Überbrückungsrente die Arbeitslosigkeit bei den Älteren aktuell höher liegt. Empirische Studien dazu liegen noch nicht vor.

Und: Rahmenabkommen sowie Globalsteuer

Soweit ein paar Ausführungen zur Pandemiebewältigung. Wie erwähnt, waren aber auch die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen schon besser. Denn mitten in der Phase der Pandemiebewältigung wurde Tatsache, was sich bereits seit Längerem abgezeichnet hatte: Der Bundesrat brach die Verhandlungen mit der Europäischen Union (EU) zum Rahmenabkommen ab. Nach jahrelangen Verhandlungen lag der Vertragsentwurf zwar seit 2018 auf dem Tisch. Doch die innenpolitischen Konsultationen waren bekanntlich schwierig. Zurzeit kann nur spekuliert werden, wie sich die politischen Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU in den nächsten Monaten und Jahren konkret gestalten werden.

Zudem haben Anfang Juli die Finanzminister und Notenbankchefs der G20-Länder dem Umbau der globalen Unternehmenssteuern zugestimmt. Zum einen sollen die Einnahmen aus der Besteuerung des Gewinns grosser Konzerne von den Sitzstaaten in diejenigen Länder verschoben werden, wo die Unternehmen Umsätze erzielen. Zum anderen sollen die Gewinne von Konzernen überall effektiv mindestens zu 15% versteuert werden. Die «offizielle» Schweiz zeigt sich wenig begeistert. Neben der Coronapandemie sind es diese beiden wirtschaftspolitischen Entscheide, die in grossen Kreisen Wachstums- und Abstiegsängste für die Schweizer Wirtschaft hervorrufen. Die Schweiz sei selbstgefällig und reformfaul geworden, so die Mahner. In der Schweiz herrsche dringender Reformbedarf. Das Land verschlechtere seine Position im internationalen Wettbewerb zusehends.

Reformfreudigkeit in den 1990er-Jahren

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass solche mahnenden Worte kein neueres Phänomen sind. Gerade das EWR-Nein von 1992 rief viele Mahner auf den Plan – und die Reformaktivitäten wurden in der Folge deutlich erhöht. Der Bundesrat legte bereits 1993 ein Programm zur marktwirtschaftlichen

Erneuerung vor. 1995 löste zudem das auch als Weissbuch bekannte Werk «Mut zum Aufbruch», geschrieben von 19 Wirtschaftsführern und Wissenschaftlern, eine heftige Debatte über die Deregulierung der Wirtschaft und über die Neukonzeption der sozialen Sicherheit aus. Der Schweiz drohe der Abstieg ins europäische Mittelmass. Wie wir indes gesehen haben, ist die Schweiz heute das wettbewerbsstärkste Land. Mit ein Grund dafür ist, dass sich die 1990er-Jahre im Nachhinein als «Jahrzehnt der angestossenen Reformen» erwiesen. Die Einführung des Binnenmarktgesetzes, das revidierte Kartellgesetz, die Vorbereitungen zur neuen Fachhochschullandschaft oder die Vorarbeiten zur Einführung der Schuldenbremse seien hier als Beispiele aufgeführt. Aussenpolitisch von hoher Bedeutung ist zweifelsohne die Unterzeichnung der sieben bilateralen Abkommen mit der EU im Jahr 1999.

Neues «Jahrzehnt der Reformen» durchaus möglich

Heute sei die Gesellschaft aber gespalten. Und die Coronapandemie habe diese Spaltung nochmals verstärkt. Notwendige Reformen seien in einem politischen System, wie es die Schweiz kennt, kaum mehrheitsfähig und in einer direkten Demokratie nicht umsetzbar – so der Grundtenor der heimischen Medienlandschaft. Nur, die Gesellschaft war auch 1992 gespalten. Gerade mal 50.3% der Stimmenden hatten sich gegen den EWR-Vertrag ausgesprochen. Knapp 24'000 Stimmen der über 4.5 Millionen Stimmberechtigten machten damals den Unterschied aus. In den frühen 1990er-Jahren durchlief die Schweiz eine Immobilien- und Bankenkrise. Abstiegsängste aufgrund des Zusammenbruchs der Sowjetunion machten die Runde, und die zukünftige politische Beziehung zur EU war nach dem EWR-Nein alles andere als vorgezeichnet. Ähnlich könnte die Situation heute interpretiert werden. Wir befinden uns in der Coronakrise, Chinas wirtschaftlicher Aufstieg weckt in unseren Breitengraden Abstiegsängste, mit dem Scheitern des Rahmenabkommens ist die zukünftige Beziehung zur EU keineswegs vorgezeichnet, und die globale Steuerharmonisierung schwächt den Standort Schweiz. Die Geschichte lehrt uns, dass gerade in Phasen der gefühlten Beengtheit die Willensnation Schweiz einen besonderen Elan für Reformen an den Tag zu legen vermochte. Es sollte also nicht verwundern, wenn auch die 2020er-Jahre als «Jahrzehnt der angestossenen Reformen» in die Geschichte eingehen.

Was darf erwartet werden?

Die Erholung der Schweizer Wirtschaft wird weitergehen. Die Bäume wachsen aber natürlich nicht in den Himmel. In den nächsten Wochen und Monaten werden sich die konjunkturellen Indikatoren auf hohem Niveau zumindest konsolidieren. Je nach Verlauf der zurzeit vorherrschenden vierten Pandemiewelle in der Schweiz muss auch mit einem leichten Konjunkturtaucher auf dem Weg hin zur Normalisierung gerechnet werden. Eine Konkurswelle dürfte aber auch nach Auslaufen der wirtschaftlichen Stützungsmassnahmen ausbleiben, da der Nachholbedarf seitens des Konsums und der Investitionen weiterhin vorhanden ist. Die Inflation wird sich im Zielbereich der SNB bewegen. Die temporären Lieferengpässe gewisser Güter und die hohe Konsumnachfrage vermögen die Lohn-Preis-Spirale in der Schweiz nicht nachhaltig in Schwung zu bringen, so die Ansicht des CIO-Offices der Zürcher Kantonalbank.

Zinspolitisch stehen in der Schweiz für die nächsten Quartale, wenn nicht gar Jahre, keine Entscheide an, da die Europäische Zentralbank ihrerseits die Hürde für eine Zinserhöhung letzthin nochmals deutlich erhöht hat. Eine autonome Zinserhöhung der SNB würde dem Schweizer Franken zu einem ungewollten Höhenflug verhelfen. Denn die Faktoren, die die seit Jahren zu beobachtende Aufwertungstendenz des Frankens bestimmen, haben sich in der Coronakrise nochmals verstärkt. So nahm zum Beispiel die Staatsverschuldung in der Schweiz im letzten Jahr zwar zu, aber in deutlich bescheidenerem Rahmen als in den meisten anderen europäischen Ländern.

Auch längerfristig sieht es für die Schweizer Wirtschaft weiterhin gut aus, mischt sie doch bei der technologischen Wettbewerbsfähigkeit seit Jahrzehnten vorne mit, und es gibt wenige Anhaltspunkte, wieso sich dies in den nächsten Jahren ändern sollte. Auch die Standortattraktivität dürfte trotz globaler Steuerharmonisierung erhalten bleiben. Planungssicherheit, politische Stabilität, eine gut ausgebaute Infrastruktur und mannigfaltige Bildungsmöglichkeiten sind Pluspunkte, die die Schweiz für ausländische und heimische Unternehmen weiterhin hochattraktiv macht. Die Gestaltung der zukünftigen Beziehung zur EU ist die Unsicherheit, die der Schweizer Wirtschaft am meisten Sand ins sonst gut laufende Getriebe streut. Die Erfahrungen der 1990er-Jahre lassen indes hoffen, dass die Dringlichkeit erkannt wurde und die Bereitschaft zu Verhandlungen und Reformen besteht. Die Voraussetzungen sind gut, dass die Schweiz – allen Abstiegsängsten zum Trotz – auch Ende dieses Jahrzehnts zu den wettbewerbsfähigsten Ländern der Welt zählen wird.

Kategorien

Magazin