Schweizerische Nationalbank erhöht Leitzins

Nachdem die US-Notenbank (Fed) bei ihrer gestrigen Sitzung den Leitzins um 0,75 Prozent angehoben hat und die Europäische Zentralbank (EZB) die Finanzmärkte in der Vorwoche auf baldige Zinsschritte vorbereitete, wagte sich heute auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) aus der Deckung.

Text: Manuel Ferreira, Chief Investment Strategist, und David Marmet, Chefökonom Schweiz

Schweizerische Nationalbank, Bern
Es ist sehr wahrscheinlich, dass die SNB die Inflation aggressiver bekämpfen wird und bereits bei ihrer nächsten geldpolitischen Lagebeurteilung den Leitzins nochmals um 0,5 Prozent anhebt. (Bild: Wikimedia Commons / Tony Badwy)

Die SNB erhöht überraschend den SNB-Leitzins und den Zins auf Sichtguthaben um einen halben Prozentpunkt auf -0,25 Prozent. Die Zinsänderung gilt ab dem 17. Juni 2022. Die steigende Inflation bereitet der SNB Sorgen. Zwar sind die Preissteigerungen in der Schweiz im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich ausgefallen, dennoch sieht sich die SNB gezwungen, bereits zeitlich vor der Europäischen Zentralbank zu handeln, denn das Mandat der Preisstabilität hat erste Priorität. Die SNB behält sich zwar vor, weiterhin am Devisenmarkt aktiv zu bleiben, der Schweizer Franken wird hingegen nicht mehr als hoch bewertet taxiert.

Diesjährige Inflation in der Schweiz klar über dem Zielband

In ihrer neuen bedingten Inflationsprognose geht die SNB davon aus, dass die Inflation in der Schweiz in diesem Jahr mit 2,8 Prozent klar über dem Notenbankziel von 0 bis 2 Prozent zu liegen kommt. Für nächstes Jahr rechnet sie dank der heutigen Zinsanhebung mit einer Inflationsrate innerhalb des Zielbandes, namentlich mit 1,9 Prozent. Wie die SNB schreibt, ist es nicht auszuschliessen, dass in absehbarer Zukunft weitere Zinserhöhungen nötig werden. Unserer Ansicht nach ist es sehr wahrscheinlich, dass die SNB die Inflation aggressiver bekämpfen wird und bereits bei ihrer nächsten geldpolitischen Lagebeurteilung den Leitzins nochmals um 0,5 Prozent anhebt. Damit könnte die Negativzinspolitik im September beendet werden. Den Referenzsatz der SNB sehen wir neu per Ende 2022 bei 0,5 Prozent.

Neubewertungen an den Obligationen- und Aktienmärkten

Die Schweizer Zinsen haben bereits im Nachgang des EZB-Meetings über sämtliche Laufzeiten deutlich angezogen. Innerhalb von Wochenfrist sind die Renditen 10-jähriger Schweizer Staatsanleihen markant angestiegen. In Anbetracht der anhaltenden Inflationsüberraschungen agieren die bedeutenden Notenbanken deutlich restriktiver und die Finanzmärkte wie auch wir rechnen nun mit höheren Leitzinsniveaus in Europa. Das hat wiederum zu Neubewertungen an den Obligationenmärkten geführt und rechtfertigt am langen Ende der Zinskurve höhere Realrenditen. Die Markterwartungen an eine restriktivere Geldpolitik der Notenbanken sind nun in den Obligationenkursen reflektiert, weshalb wir beim Renditeanstieg mit einer zwischenzeitlichen Verschnaufpause rechnen. Als initiale Reaktion auf die SNB-Kommunikation hat auch der Schweizer Franken an Stärke gewonnen. Da sich die Zinsdifferenz zu anderen Währungsregionen nicht einengen wird, rechnen wir nicht mit einer nachhaltigen Aufwertung des Schweizer Frankens. Als Reaktion auf die Zinsentscheidung der SNB baute der Schweizer Aktienmarkt seine Verluste der Vorwoche weiter aus. Dabei verloren die zinssensitiven Finanzdienstleister sowie die zyklischen Sektoren überdurchschnittlich, während sich die defensiven Branchen etwas besser entwickelten, aber ebenfalls weit im Minus lagen.

Keine Anpassung im Referenzportfolio

In taktischer Hinsicht sehen wir keinen unmittelbaren Handlungsbedarf in unserem Referenzportfolio. Bei den Obligationen sind wir untergewichtetet positioniert und halten über das gesamte Portfolio eine taktisch höhere Quote beim Schweizer Franken. Bei den Aktien sind wir gesamthaft, wie auch in der Region Schweiz neutral positioniert. Zeigt der Schweizer Aktienmarkt in unsicheren Marktphasen gewöhnlicherweise relative Stärke, gehörte er im europäischen Vergleich zu den Hauptverlierern. Diese unterdurchschnittliche Entwicklung wird im aktuellen Umfeld allerdings nicht von Dauer sein. Erstens wird die EZB bald nachziehen und zweitens dürften die globalen konjunkturellen Unsicherheiten in den kommenden Wochen eher steigen. Insofern sollte sich nach dem aktuellen Schock der Status als sicherer Hafen im Aktienuniversum wieder durchsetzen.