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Bankpräsident Jörg Müller-Ganz über die Stärken einer Staatsbank

"Entscheidend ist jetzt, Neues anzustossen"

Jörg Müller-Ganz

Herr Müller-Ganz, Sie haben zusammen mit Regierungsrat Ernst Stocker das Unterstützungsprogramm für Zürcher KMU in Rekordtempo auf die Beine gestellt. Was hat Sie dazu motiviert?

Ich habe in meiner früheren Tätigkeit jahrelang erfolgreich Turnarounds von Unternehmen in Krisensituationen geleitet und darüber auch ein Buch publiziert. Wie man wieder aus dem Auge eines Orkans herauskommt, habe ich damit schon dutzende Male selbst erfahren. Mit diesem Hintergrund war mir sofort klar, was plötzliche Ertrags- und Liquiditätseinbrüche für die Unternehmen, die Arbeitnehmenden, die Lieferanten und unsere Volkswirtschaft bedeuten und welche rettende Rolle Überbrückungsfinanzierungen in dieser Situation haben. Es ist mir persönlich ein grosses Anliegen, dass die Zürcher Kantonalbank als grösste Bank im Kanton und als Staatsbank ihrer Verantwortung gerecht wird und die Menschen und Unternehmen im Kanton Zürich auf uns zählen können. Unseren gesetzlichen Leistungsauftrag – "sie befriedigt die Anlage- und Finanzierungsbedürfnisse durch eine auf Kontinuität ausgerichtete Geschäftspolitik" – beweisen wir am besten in Krisensituationen!

Hätte es eine privatwirtschaftlich organisierte Bank mit dem Kanton genauso rasch hinkriegen können?

Alle Banken haben in den letzten Wochen Grosses geleistet - das möchte ich betonen. Die Branche ist sich bewusst, dass sie jetzt etwas an unsere Gesellschaft zurückgeben kann. Sicherlich half aber unsere über Jahre mit viel Engagement gepflegte Nähe zur Zürcher Wirtschaft und Politik, umgehend und passgenau jene Hilfe zu initiieren, die gebraucht wurde. Wir kennen die Zürcher Unternehmen. Und wir sind im ständigen Austausch mit Kantonsrat und Regierungsrat, den Landgemeinden und den Städten Zürich und Winterthur. Wir wissen, wo in Zürich der Schuh drückt. Ein wenig stolz bin ich schon, dass Zürich mit seinem KMU-Nothilfeprogramm schneller als der Bund war und damit in Bern zur Dynamisierung des Prozesses beigetragen hat.

Hilft in einer solchen Krisensituation der gesetzlich verankerte Leistungsauftrag unserer Bank?

Unser Leistungsauftrag ist gleichzeitig die Raison d'Être und die Unique Selling Proposition unserer Bank. In Krisenzeiten können wir beweisen, dass wir auf eine nachhaltige Leistungserbringung und die Stützung unserer Kunden ausgerichtet sind. Bei schönem Wetter Regenschirme verteilen kann jeder. In unserem Jubiläumsbuch finden sich zahlreiche Beispiele dafür, wie sich die Zürcher Kantonalbank in den letzten 150 Jahren gerade in schwierigen Zeiten besonders auszeichnete. Diese Verantwortung haben wir auch in der nahen Zukunft: In der Not schnell zu helfen, ist das eine. Mit Geduld und Verständnis die Unternehmen zurück in bessere Zeiten zu begleiten, das andere. Zudem wird es in den kommenden Monaten wirtschaftlich entscheidend sein, Neues anzustossen und zu unterstützen.

Woran denken Sie dabei?

Für viele KMU ist die gegenwärtige Krise auch ein Lern- und Testfeld für Digitalisierung und innovative Wege der Kundenkontakte. Der Ökonom Joseph Schumpeter sprach schon vor 80 Jahren von der «schöpferischen Zerstörung»: Durch Brüche von aussen wie dem gegenwärtigen wird die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert und Neues geschaffen. Daraus entstehen veränderte Geschäftsmodelle, die nach der Krise eine Plattform für neues Wachstum werden dürften. Die Zürcher Kantonalbank ist schweizweit der bedeutendste Startup-Förderer. Wir sind an vorderster Front daran, konkrete Unterstützung dieser Jungunternehmen in der Krise zu leisten. Sie sollen sich in wieder ruhigeren Zeiten weiter entwickeln können – mit positivem Impact für den Wirtschaftsstandort Zürich. Dafür braucht es, im Unterschied zu etablierten Unternehmen, Eigenkapital, welches wir mit dem Programm "Pionier" seit 20 Jahren schon über 200 Start-ups zur Verfügung stellen und dies auch zukünftig tun werden.

Sie haben unsere 150-jährige Geschichte erwähnt. "Zäme Züri" ist das Jubiläumsmotto …

… welches wir in der Corona-Krise exemplarisch leben. Ich hätte es mir trotzdem anders gewünscht; als fröhliches Sommerfest auf der Landwiese mit vielen kulturellen Highlights. Aber dies holen wir mit ungetrübter Festfreude im nächsten Jahr nach. Im Jubiläumsjahr leben wir unsere Verbundenheit und Nähe zu unserem Kanton auf eine Art und Weise, wie sie kaum besser zu diesem Motto passt.

Spüren Sie diese Haltung auch bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern?

Sehr stark sogar. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben in den vergangenen Wochen unglaublich viel geleistet. Ich denke an jene, die sich in neue Arbeitsbereiche eingearbeitet haben – manchmal über Nacht, etwa beim Start der Vergabe der Bundeskredite. Viele erbringen im Home Office die gleiche Leistung wie im Büro und schauen gleichzeitig zu ihren Kindern, erklären ihnen Schulaufgaben und kochen für sie. Für dieses grosse Engagement möchte ich mich im Namen des Bankrats bedanken.

Die neben der Corona-Krise ebenfalls drängende Herausforderung bleibt der Klimawandel. Die Zürcher Kantonalbank und Swisscanto haben ihr Engagement hier laufend verstärkt. Wird das nun zweite oder gar dritte Priorität?

Auf keinen Fall – auch wenn uns die Corona-Krise vor Herausforderungen stellt, die wir uns vor zwei Monaten nicht hätten vorstellen können. Die Fragen rund um den Klimawandel bleiben unverändert auf unserer Agenda. Unsere Kundinnen und Kunden sowie die Gesellschaft haben hierzu klare Erwartungen an uns. Und die Politik setzt ambitionierte Ziele, etwa mit dem 2-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens. Wir werden unser Engagement nicht abschwächen, sondern im Gegenteil verstärken: Neben dem Anlagegeschäft fokussieren wir auch das Finanzierungsgeschäft.

Jörg Müller-Ganz, im Oktober sind Sie seit zehn Jahren Präsident unserer Bank. Sind das gerade die anspruchsvollsten und schwierigsten Zeiten in Ihrem Amt?

Wenn das Wetter stürmisch ist, muss dies nicht zwingend bedeuten, dass es für den einzelnen deshalb aussergewöhnlich anspruchsvoll und schwierig sein muss. Sprichwörtlich gilt ja, dass es kein schlechtes Wetter gibt, sondern nur die falsche Kleidung. Ich muss bekennen, dass ich mich in anspruchsvollen Zeiten in meiner Funktion nicht unwohl fühle. Wie dargelegt war meine frühere berufliche Passion, mittleren und grossen Unternehmen aus sehr schwierigen Situationen herauszuhelfen. Situationen wie diese ermöglichen, die persönliche Resilienz und Ruhe zu testen, eine geänderte Lage breit zu beurteilen und mit Gestaltungskraft neue Wege zu finden und beschreiten zu können. So betrachtet haben verschiedene Situationen und Zeiten eben auch verschiedene Herausforderungen. Auch in ruhigen Zeiten gilt es, komplexe Fragen zu lösen.

Wie zuversichtlich schauen Sie in die Zukunft?

Meine Mutter hat im Krieg in Deutschland sehr viel Grauenhaftes erleben müssen. Trotzdem ist sie ein optimistischer Mensch geblieben und hat uns Kinder geprägt, jedem Tiefschlag etwas Positives abzugewinnen und daraus gestärkt wieder aufzustehen und mit Zuversicht und Engagement die Zukunft anzupacken. Aufbauend auf einem soliden Fundament und unseren vielseitigen Stärken werden wir auch Covid-19 meistern. Als Gesellschaft und Wirtschaft sowieso; hoffentlich für viele von uns allen auch im persönlichen Umfeld. Die Zürcher Kantonalbank wird gestärkt aus dieser Erfahrung herauskommen. Wir Mitarbeitenden haben einen professionellen, unaufgeregten und verlässlichen Arbeitgeber mit klarem Kompass erlebt, haben die Stärke unserer Zusammenarbeit und die Stabilität unserer Systeme und Prozesse erfahren. Unsere Kunden, Lieferanten und Sponsoringinstitutionen haben uns als echte und nahe Partnerin gespürt, die nicht nur Verträge erfüllt, sondern darüber hinaus Solidarität lebt, nicht erwartete Leistungen erbringt und dabei dem Vis-à-Vis vertrauensvoll und menschlich begegnet. Kantonsrat und Regierungsrat haben erlebt: Ihre starke Bank steht ein für die Wohlfahrt unseres Kantons; verantwortungsvoll, schnell, mit Kraft und verlässlich! 


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