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Biodiversität

Was bleibt: Insektenschutz

Wie der Kanton Zürich die Bestände seltener Insekten fördert

Text: Bettina Bhend
Illustration: Oculus Illustration  

Biene (Link öffnet vergrösserte Darstellung)

Dies vorweg: Es gibt auch gute Neuigkeiten aus der Welt der Insekten. Die Schmetterlinge sind auf dem Vormarsch. Während der vergangenen 15 Jahre erfasste ein Team von fast 100 Feldbiologinnen und Feldbiologen im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (Bafu) die Bestände der Tagfalter in der Schweiz. Auf 450 genau definierten Flächen fanden im Abstand von jeweils fünf Jahren systematische Zählungen statt. Die Resultate der dritten Erhebung liegen nun vor und belegen: Die Anzahl Arten und Einzeltiere hat in den letzten 15 Jahren zugenommen. Gezählt wurden insgesamt 187 Arten, davon weisen 42 steigende Bestandszahlen aus, lediglich von 10 wurden weniger Tiere gezählt. Die Bestände der übrigen Arten sind gleichbleibend oder schwanken so stark, dass kein eindeutiger Trend abzuleiten ist.

Insekten auch in Zürich unter Druck

Nun aber davon auszugehen, dass alles in bester Ordnung sei, wäre verfehlt. Denn andere Studien zeichnen ein dramatischeres Bild. 2017 schlugen deutsche Forscher Alarm: Der Entomologische Verein Krefeld berichtete, dass die Insektenbiomasse über die letzten knapp 30 Jahre um über 75 Prozent abgenommen habe. Für die Studie stellten die Insektenforscher von 1989 bis 2016 Flugfallen in 63 Naturschutzgebieten in Deutschland auf und zeichneten das Gesamtgewicht der so gefangenen Insekten auf. In einer in der Naturzeitschrift "Geo" zitierten, bislang unveröffentlichten Studie schlüsseln die Forscher die Resultate weiter auf. Fliegen, Wespen, Bienen - von den meisten Familien und Arten gingen weniger Tiere ins Netz. Auf eine Anfrage, ob die Situation in Zürich ähnlich besorgniserregend sei, antwortete der Regierungsrat im April 2018, dass für den Kanton nicht von grundsätzlich anderen Rahmenbedingungen auszugehen sei. Fazit: Die Insektenbiomasse auf dem Kantonsgebiet dürfte in ähnlichem Ausmass abgenommen haben.

Schmetterling (Link öffnet vergrösserte Darstellung)

Bestände schwer messbar

Rainer Neumeyer, Präsident der Entomologischen Gesellschaft Zürich, teilt den Eindruck grundsätzlich: "Ich habe auch das Gefühl, dass zum Beispiel die Bestände von Wildbienen zurückgegangen sind." Das Problem: Für die meisten Insektengruppen fehlen systematische Erhebungen. "Insekten tatsächlich zu zählen, ist in vielen Fällen sehr schwierig bis unmöglich - sie sind meist schlicht zu klein, als dass die Art im Feld von blossem Auge oder mit der Lupe zu erkennen wäre", erklärt Stefan Ungricht von der Schweizerischen Entomologischen Gesellschaft. Zudem fehlen für viele Insektengruppen spezialisierte Fachleute. Man muss sich mit Roten Listen behelfen, die für die Einschätzung der Gefährdung oft auf indirekte Indikatoren wie den Schwund bestimmter Lebensräume zurückgreifen. "Oder man beruft sich auf subjektive Einschätzungen", ergänzt Rainer Neumeyer. "Nach einer sommerlichen Fahrt übers Land kleben weniger Insekten an der Windschutzscheibe als früher; es summt und brummt leiser in Gärten und Wiesen; Spatzen, die tote Tierchen von Autokühlergrills picken, sind kein verbreitetes Bild mehr." Wie es also wirklich um die Insekten steht, ist nicht ganz einfach zu beantworten.

Qualität der Lebensräume fraglich

Für Kanton und Stadt Zürich gibt es nur punktuelle Untersuchungen. So zeichnet das kantonale Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) seit 1995 auf, wie es um wirbellose Kleinlebewesen wie Stein- oder Köcherfliegen in Fliessgewässern steht. Und Grün Stadt Zürich zählt jährlich auf einem Zehntel des Stadtgebiets unter anderem die Tagfalter, Heuschrecken und Libellen. Die Befunde sind auf den ersten Blick positiv: Das Awel berichtet, dass sich die Fauna an vielen Stellen verbessert habe. Allerdings sind nicht einmal die Hälfte der untersuchten Stellen in einem guten bis sehr guten ökologischen Zustand - Wasserqualität und Lebensraumstruktur haben vielerorts Verbesserungspotenzial. Grün Stadt Zürich zählte im letzten Jahr auf einem Untersuchungsgebiet am Uetliberg mehr als doppelt so viele Kleinlebewesen als noch vor zehn Jahren. Erstmals wurde hier 2018 sogar der Kleine Schillerfalter nachgewiesen - eine der am stärksten gefährdeten Schmetterlingsarten des Kantons. Andere Arten sind aber seltener geworden.

Libelle (Link öffnet vergrösserte Darstellung)

Seltene Arten werden seltener

Dass einzelne Arten seltener sind als andere, ist an sich noch nicht problematisch. Stefan Ungricht erklärt: "Die Artenverteilung der allermeisten Ökosysteme folgt einer "hollow curve". Das heisst: Ein paar wenige sehr dominante Spezies machen den Grossteil von Fauna und Flora aus, daneben gibt es viele eher rare Arten. Kurz: Die meisten Insekten sind selten." Gerade für die Tagfalter zeigt sich aber, dass die Spezies, die steigende Bestandszahlen aufweisen, als Generalisten gelten, mit unterschiedlichen Lebensräumen zurechtkommen und nicht zu den gefährdeten Arten zählen. Unter ihnen finden sich auch besonders viele sogenannte Klimaprofiteure - Arten also, die besser an milde Winter angepasst sind oder gar aus dem Süden neu einwandern. Tagfalter, deren Bestand sinkt, sind eher auf ganz spezifische Lebensräume wie Magerwiesen oder Feuchtgebiete angewiesen und ohnehin bereits gefährdet. Die seltenen Falter, so legt die Bafu-Studie nahe, werden also noch seltener.

Schutz von Lebensräumen zentral

Der Bestand der Tagfalter sagt grundsätzlich noch nichts darüber aus, wie es um andere Insektengruppen oder die gesamte Biodiversität steht. Aber gerade weil über die Bestände anderer Insekten, die ebenfalls auf  Wiesen und Moore angewiesen sind, wenig bekannt ist, macht es Sinn, den Schutz dieser Landschaften voranzutreiben. "Von politischer Seite her könnte das zum Beispiel ein Verbot bestimmter chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel sein", sagt Rainer Neumeyer. Die deutsche Langzeitstudie hat sogar in Naturschutzgebieten Pestizide nachgewiesen und geht davon aus, dass der Biomassenschwund eine Folge davon ist. Zu denken, dass ein radikales "Zurück zur Natur" die Lösung ist, sei aber ein Irrglaube, wie Stefan Ungricht ausführt: "Würden die Landwirte zum Beispiel von heute auf morgen ihre Betriebe einstellen, würden gerade im Gebirge viele offene Flächen verganden und zuwachsen. Das wäre der Biodiversität nicht förderlich." Es braucht also eine Mischung aus Flächen, die sorgfältig gepflegt werden, und solchen, in die nicht mehr eingegriffen wird. Dazu kann auch jeder Einzelne beitragen.

Kanton ist an 1000 Standorten aktiv

Auf Zürcher Kantonsgebiet kümmert sich die Fachstelle Naturschutz des kantonalen Amts für Landschaft und Natur um den Erhalt und die Förderung von Standorten, die seltenen Insekten Nahrung und Brutplätze bieten. Dazu gehören naturnahe Gebiete, die nie intensiv bewirtschaftet wurden, ebenso wie renaturierte Flächen. Rund 1’000 Standorte, insgesamt etwa 4’000 Hektaren, sind dies auf Kantonsgebiet. "Zusammen mit den Biodiversitätsförderflächen der Bauern macht das rund 15 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche aus – ziemlich viel für einen Wirtschaftskanton wie Zürich", sagt Ursina Wiedmer, Leiterin der Fachstelle. Neben dem Schutz des Lebensraums betreibt die Fachstelle auch ergänzenden Artenschutz. Dabei konzentriert sich der Kanton auf einige wenige Arten. "Bei der Auswahl achten wir unter anderem darauf, wie weit verbreitet die Art ist und welchen Anteil der Kanton Zürich an deren Lebensraum hat", erklärt Ursina Wiedmer. Verschiedene Wildbienenarten, acht Tagfalter, fünf Libellen- und drei Heuschreckenarten gehören bisher dazu.

Extensive Landwirtschaft ist wichtig

Um diese Arten für den Kanton Zürich zu erhalten, pflegt die Fachstelle Naturschutz in Zusammenarbeit mit privaten Landbesitzern und Landwirten Orte wie die ehemalige Kiesgrube Rüteren in der Gemeinde Weiach im Zürcher Unterland. Das bedeutet nicht, dass die Landschaft einfach sich sel-ber überlassen wird; denn, so erklärt Ursina Wiedmer: "Problematisch ist vor allem die intensive Landbeanspruchung und -nutzung. Eine extensive Nutzung hingegen fördert die Biodiversität." Die Wiesen werden also gemäht, allerdings selten und schonend, ohne grosse Gerätschaften oder den Einsatz von Pestiziden. Hinzu kommt die Anlage von Struktur in der Landschaft. Für die Schwarze Mörtelbiene zum Beispiel wurden Steinblöcke aufgeschichtet, damit das seltene Insekt Platz für seine Nester hat. Sie ist eine der prioritären Arten, um deren Schutz sich der Kanton besonders bemüht.

Massnahmen zeigen Wirkung

Das Schutzgebiet in Weiach ist eine Erfolgsgeschichte: Bis in die 1970er-Jahre wurde hier Kies abgebaut. Heute ist es einer der biodiversesten Trockenstandorte im Kanton. Ursina Wiedmer: "Es zeigt, dass nicht nur Landschaften, die nie intensiv bewirtschaftet wurden, einen Beitrag zur Biodiversität leisten. Auch moderne Herangehensweisen wie Renaturierungen bringen viel." Viel, aber nicht genug? "Die wissenschaftlichen Erkenntnisse belegen, dass die Biodiversität abnimmt und gerade die Situation der Insekten relativ dramatisch ist." Um diesen Abwärtstrend umzukehren, brauche es hochwertige, grossflächige und vernetzte Lebensräume - eine ökologische Infrastruktur, die nicht nur aufgebaut, sondern auch unterhalten und gepflegt werden müsse. Hopfen und Malz sei noch nicht verloren, sagt die Fachstellenleiterin. "Aber wir müssen jetzt handeln. Die Erfolgskontrolle unserer Massnahmen zeigt: Dort, wo wir einwirken, bewirken wir auch etwas."

So können Sie einen Beitrag leisten: Insekten auf dem Balkon und im Garten fördern

  • Lassen Sie einheimische Wildpflanzen wie Sandthymian, Rosenmalve und Kartäusernelke sowie Küchenkräuter blühen.
  • Stein- und Asthaufen, Totholz, Laubhügel oder Bienenhäuschen bieten Unterschlupf und Nisthilfen.
  • Eine selten gemähte Blumenwiese ist insektenfreundlicher als Rasen.
  • Vermeiden Sie permanente Nachtbeleuchtung, Schottergärten und Pestizide.

Für mehr Biodiversität

Die Zürcher Kantonalbank will im Umfeld ihrer Filialen hochwertigen Lebensraum für Insekten, Reptilien und Wildblumen schaffen. Das Pilotprojekt in Männedorf wird derzeit realisiert: Ein Rasen weicht einer ­Blumenwiese. Bestehende Gehölze werden durch eine Wildhecke ergänzt. Asthaufen, Steine, Kies und Sand sorgen für ein vielseitiges Habitat. Sämtliche Materialien stammen aus dem Kanton Zürich, die meisten Pflanzen aus Schweizer Bioproduktion. Planung und Realisierung der Arbeiten erfolgen mit dem Zürcher Start-up Wildbiene + Partner, welches sich für die Förderung von Wildbienen einsetzt.

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