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Digitalisierung

Arbeit: Den Wandel sozialverträglich gestalten

Was bringt die digitale Revolution? Ein Gespräch mit Daniella Lützelschwab vom Arbeitgeberverband, Marco Salvi vom Thinktank Avenir Suisse und Katharina Prelicz-Huber von der Gewerkschaft VPOD.

Text: Ralph Hofbauer
Illustration: Saskja Rosset

Katharina Prelicz-Huber (Link öffnet vergrösserte Darstellung)

Die Digitalisierung polarisiert: Schreckensszenarien stehen Utopien gegenüber. Was überwiegt bei Ihnen - Optimismus oder Pessimismus?

Katharina Prelicz-Huber: Ich hoffe, dass alle von der Digitalisierung profitieren können, doch die Prognosen machen mir Sorgen. Das Beratungsunternehmen McKinsey spricht in einer aktuellen Studie von bis zu 1,2 Millionen Stellen, die in der Schweiz bis 2030 abgebaut werden. Gleichzeitig schafft die Digitalisierung aber nur 0,8 bis 1 Million neue Arbeitsplätze. Es steht also ein massiver Umbau der Wirtschaft bevor, und es ist wichtig, dass wir möglichst alle mit auf den Weg nehmen.

Daniella Lützelschwab (Link öffnet vergrösserte Darstellung)

Daniella Lützelschwab: Da sehe auch ich die grosse Herausforderung, aber ich bin optimistisch. Viele Babyboomer werden in den kommenden Jahren pensioniert, und das erhöht den Druck auf die Arbeitgeber, die Arbeitnehmer fit für die Zukunft zu machen, weil sich der Fachkräftemangel weiter verschärft. Die Digitalisierung wird die Arbeitswelt aber sicher stark verändern. Wir werden noch mehr technische Hilfsmittel einsetzen, um orts- und zeitungebunden zu arbeiten.

Marco Salvi (Link öffnet vergrösserte Darstellung)

Es droht also kein Anstieg der Arbeitslosigkeit?

Marco Salvi: Nein, denn die Geschichte zeigt: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen technologischem Fortschritt und Arbeitslosigkeit. Die Digitalisierung führt zu einer höheren Produktivität. Die gesteigerte Wertschöpfung generiert eine zusätzliche Nachfrage nach neuen Gütern und Dienstleistungen, was wiederum Arbeitsplätze schafft. Viele gehen jedoch davon aus, dass es eine fixe Menge an Arbeit gibt. Doch der volkswirtschaftliche Kuchen wird grösser, deshalb gibt es auch Arbeit für alle.

Prelicz-Huber: Das bezweifle ich. Bereits in den 1990er-Jahren gab es viele Entlassungen, obwohl wir noch lange nicht den Technologieschub hatten, den wir heute erleben. In der Folge gab es eine deutlich höhere Arbeitslosigkeit. Um das zu verhindern, müssen wir grössere Anstrengungen unternehmen als bisher, um die Arbeitnehmer weiterzubilden - und zwar alle. Doch von Arbeitgeberseite höre ich oft: "Mehr Weiterbildungstage können wir uns nicht leisten. "

Lützelschwab: Da muss ich widersprechen. Schon heute machen die Arbeitgeber viel. Das müssen sie auch, denn sie befinden sich bereits mitten in der digitalen Transformation und Mitarbeiter werden laufend in neue Technologien eingeführt. Wer sich diesem Prozess entzieht, riskiert natürlich, arbeitslos zu werden. Wir gehen aber nicht davon aus, dass die Roboter die Menschen verdrängen.

Wären Roboter nicht auch ein Weg, um den Fachkräftemangel zu beheben, etwa in der Pflege?

Salvi: Die Studie, die Frau Prelicz-Huber eingangs angesprochen hat, geht davon aus, dass 2030 die Hälfte der Jobs in der Pflege durch Roboter erledigt wird. Momentan gibt es in den Spitälern aber fast keine Roboter - und wie sollen wir in so kurzer Zeit von 0 auf 50 Prozent kommen? Das scheint mir eine gewagte Prognose.

Lützelschwab: Zudem ist das auch eine kulturelle Frage. In Japan setzt man in der Pflege stark auf Roboter. Doch ich nehme an, dass sich in der Schweiz die meisten Menschen nicht vorstellen können, von einem Roboter gepflegt zu werden.

Prelicz-Huber: Gerade in der Pflege ist das Zwischenmenschliche enorm wichtig. Untersuchungen zeigen, dass 50 Prozent der Genesung von der Pflegesituation abhängen. Je empathischer die Pflege, desto wirkungsvoller ist sie. Der Roboter kann das Personal bei beschwerlichen Tätigkeiten unterstützen, aber er kann den Menschen nicht ersetzen.

Frau Prelicz-Huber, Sie vertreten ja die Angestellten im Service public. Was machen die Chauffeure, wenn Trams und Busse in Zukunft autonom fahren?

Prelicz-Huber: Ich bin skeptisch, ob das so schnell geht. Ich glaube, dass sich die meisten Passagiere in einem unbemannten Tram unwohl fühlen würden. Bereits bei der Teilautomatisierung des öffentlichen Verkehrs wurden Stellen gestrichen, doch dann wurde wieder Personal eingestellt, weil es Zugbegleiter brauchte, die nach dem Rechten sehen. Zudem wächst Zürich rasant und nur schon deshalb ist der Personalbedarf gross.

Lützelschwab: Ich glaube auch, dass nicht alle niedrig qualifizierten Jobs wegfallen, nur weil Routinetätigkeiten leicht ersetzt werden können. Denn Zwischenmenschlichkeit und Kreativität sind in vielen Berufen entscheidend. Nehmen wir zum Beispiel den Coiffeur. Wir könnten uns auch von einem Roboter die Haare schneiden lassen, aber ich bezweifle, dass die Menschen das wollen. Deshalb halte ich es für unwahrscheinlich, dass ganze Berufe komplett aussterben.

Prelicz-Huber: Dennoch werden viele Stellen wegrationalisiert, bei der Post zum Beispiel. Anstatt alles zu automatisieren, könnte man auch auf Handarbeit setzen. Es reguliert sich leider nicht alles von selbst. Es braucht aktive Eingriffe.

Brauchen wir eine Robotersteuer?

Salvi: Für mich ist es ganz klar kontraproduktiv, den Strukturwandel bremsen zu wollen. Eine Robotersteuer ist der falsche Weg, weil sie die Innovation besteuert. 

Prelicz-Huber: Von mir aus kann es auch eine Produktivitätsgewinnsteuer sein, doch irgendwie müssen die Gewinne, welche die Arbeitgeber dank der Digitalisierung erwirtschaften, an die Gesellschaft zurückfliessen. Es geht darum, dass wir wieder etwas fairer verteilen. Wenn in der Schweiz 1 Prozent der Bevölkerung so viel wie die übrigen 99 Prozent besitzt, stimmt doch etwas nicht. Was auch oft vergessen geht: In der Stadt Zürich lebt ein Drittel an der Armutsgrenze.

Das bedingungslose Grundeinkommen könnte für eine fairere Verteilung sorgen.

Lützelschwab: Damit würden wir die falschen Anreize setzen. Wer seine Lebenshaltungskosten mit dem Grundeinkommen decken kann, ist nicht motiviert, etwas für seine Arbeitsmarktfähigkeit zu tun.

Prelicz-Huber: Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Wenn die Grundexistenz gedeckt ist, ist man eher bereit, mutig zu sein und sich beruflich weiterzuentwickeln. Das Grundeinkommen wäre eine grosse Chance, löst aber nicht jedes Problem.

Wo sehen Sie weitere Stellschrauben?

Prelicz-Huber: Bei einer Arbeitszeitreduktion. Wenn wir die wöchentliche Arbeitszeit auf 36 Stunden reduzieren würden, könnten wir die Arbeit besser auf alle verteilen.

Lützelschwab: Das vorzuschreiben wäre aber der falsche Weg. Teilzeitarbeit wird immer beliebter und darauf müssen die Arbeitgeber reagieren.

Salvi: Wir werden die 36-Stunden-Woche erreichen, ohne dass wir das regulieren. Die Arbeitszeit ist seit hundert Jahren rückläufig. Rechnet man die vielen Teilzeitstellen mit, liegt die durchschnittliche effektive Arbeitszeit bereits heute bei 33 Stunden. Es ist ein Zeichen des Wohlstands, dass wir weniger und flexibler arbeiten wollen.

Und wie machen wir die Jungen fit für den Arbeitsmarkt? Muss sich in unserem Bildungssystem etwas ändern?

Salvi: Wir leben in einer Welt, die immer unsicherer wird. Die frühe Spezialisierung durch die Berufslehre kann zum Problem werden, wenn wir nicht wissen, was auf uns zukommt. Wir sollten den Anteil der Allgemeinbildung in der Berufsbildung erhöhen, damit das Profil der Lernenden breiter wird.

Prelicz-Huber: Da sind wir uns für einmal einig. Die Lehre ist ein Top-Modell, deshalb haben wir auch so eine tiefe Jugendarbeitslosigkeit. Doch was, wenn es den Job nach der Lehre in dieser Form nicht mehr gibt? Eine breite Allgemeinbildung hilft, vernetzt zu denken und Zusammenhänge herzustellen. Das ist in Zukunft zentral.

Lützelschwab: Bei der Lehre sehe ich keinen Handlungsbedarf. Um arbeitsmarktfähig zu bleiben, müssen wir uns vor allem konstant weiterbilden. Das lebenslange Lernen wird wichtiger - und das liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen.

Katharina Prelicz-Huber

Präsidentin der Gewerkschaft VPOD und Mitglied des Präsidialausschusses des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds. Als Mitglied der Grünen übernahm sie diverse politische Ämter: als Gemeinderätin in Zürich, Kantonsrätin und Nationalrätin.

Daniella Lützelschwab

Mitglied der Geschäftsleitung des Schweizerischen Arbeitgeberverbands und Leiterin des Ressorts Arbeitsmarkt und Arbeitsrecht. Vorher arbeitete sie bei Swissmem/ASM, dem Verband der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie.

Marco Salvi

Senior Fellow und Forschungsleiter Chancen­gesellschaft beim Thinktank Avenir Suisse. Er studierte Ökonomie und Ökonometrie an der Universität Zürich, wo er heute Ökonomie lehrt, und promovierte an der EPFL.


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