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Grün rentiert

Grün: Nachhaltigkeit als Wettbewerbsfaktor.

Die Nachfrage nach nachhaltigen Produkten durchdringt immer mehr Branchen.

Text: Stephan Lehmann-Maldonado
Illustration: Alice Kolb

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Es sind nicht mehr nur wenige Idealisten, die "grüne" und "faire" Produkte einkaufen. Nachhaltigkeit ist salonfähig, ja hip geworden. Die Wende hat bei Nahrungsmitteln begonnen - im Detailhandel. Vor 25 Jahren führte Coop die Eigenmarke Naturaplan ein, zusammen mit Bio Suisse, dem Dachverband der biologischen Landwirtschaft in der Schweiz. "Wir hatten die Vision, allen Konsumenten den Zugang zu umwelt- und tierfreundlich hergestellten Lebensmitteln zu erschwinglichen Preisen zu ermöglichen", erklärt Coop-Mediensprecherin Yvette Petillon.

Zu Beginn kamen acht Produkte ins Verkaufsregal, darunter Naturejoghurt, Apfelsaft, Eier und Bergkäse. Sie fanden derart Absatz, dass Coop das Sortiment bis auf 1800 Artikel ausbaute. Alle Labels zusammengezählt führt Coop heute rund 3200 nachhaltige Produkte. Allein mit Bio erwirtschaftete das Unternehmen 2017 einen Umsatz von 1,4 Milliarden Franken. Und bis 2025 will Coop die 2-Milliarden­Franken-Grenze knacken. Der Trend spiegelt sich in der Schweizer Landwirtschaft. Zwar geben jeden Tag etwa drei Bauern ihren Hof auf. Doch der Bio-Landbau gedeiht bestens. Zählte man 1993 noch 1400 Biobauern, sind es aktuell über 6400, was knapp 14 Prozent der Landwirtschaftsbetriebe entspricht. Bis 2025 soll mindestens ein Viertel der Bauernhöfe biozertifiziert sein, wenn es nach Bio Suisse geht.

Immer mehr Branchen sind betroffen

Der Ruf nach mehr Nachhaltigkeit ist in allen Branchen spürbar, bis hin zu den Finanzdienstleistern (siehe Interview). Branchen, welche die Umwelt stark belasten, stehen jedoch stärker im Fokus. So tüfteln Autohersteller auf Hochtouren an Alternativen zu Verbrennungsmotoren, allen voran an Elektro- und Hybridantrieben. Sie wollen nicht, dass sie Tesla, der Newcomer aus den USA, abhängt. Die Elektrolimousine Model S von Tesla hat sich letztes Jahr in Europa 16’000 Mal verkauft - mehr als die Luxusmarken Mercedes und BMW in den vergleichbaren Preisklassen. Besonders gross ist der Vorsprung von Tesla in der Schweiz, die in der Autobranche als Pilotmarkt gilt. Hier führt Tesla die Liste der meistverkauften Luxusschlitten deutlich an.

"Nachhaltigkeit soll keine Zwängerei sein. Oft wirken gemeinsame Vereinbarungen besser als bürokratische Verordnungen, die das Mitdenken ausschalten", betont Kurt Lanz, Leiter Infrastruktur, Energie & Umwelt des Wirtschaftsdachverbands economiesuisse. Ein Beispiel ist die Energie-Agentur der Wirtschaft. Seit 2001 haben 3800 Firmen freiwillig eine CO2-Reduktion von 400’000 Tonnen erreicht und 460 Millionen Franken gespart. Um innovativen Lösungen unkompliziert zum Durchbruch zu verhelfen, haben das Bundesamt für Umwelt (BAFU), Wirtschaftsverbände wie economiesuisse, öbu - Verband für nachhaltiges Wirtschaften, scienceindustries, Swissmem und Swiss Textiles sowie Umweltorganisationen wie WWF Schweiz und Praktischer Umweltschutz (Pusch) kürzlich den Verein "Go for Impact" ins Leben gerufen. Den Präsidenten, Kurt Lanz, stellt notabene die Wirtschaft: "Unser Verein ist eine Dialogplattform. Die Zusammenarbeit soll Lösungen für eine ressourceneffiziente und umweltschonende Wirtschaft ermöglichen."

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International die Nase vorn

Im internationalen Vergleich haben Schweizer Unternehmen punkto Nachhaltigkeit oft die Nase vorn. Rankings wie etwa jene der Europäischen Umweltagentur, der Energy Trilemma Index des Weltenergierats und der Global Competitiveness Report des WEF bestätigen dies. "Nachhaltigkeit gewinnt in der Wirtschaft an Bedeutung. Viele Unternehmen verhalten sich verantwortungsvoll, nicht zuletzt, um Ressourcen zu sparen und das Image zu pflegen. Zugleich steigt der Druck von aussen. Immer mehr Kunden und Investoren erwarten, dass eine Firma über ihre Lieferanten Bescheid weiss und die gesamte Wertschöpfungskette nachhaltig gestaltet", sagt Seta Thakur, Geschäftsleiterin von öbu - Verband für nachhaltiges Wirtschaften. Im Zeitalter von Social Media kann jeder Fehltritt einen Shitstorm auslösen.

"Noch sind es relativ wenig Firmen, die Nachhaltigkeit ganzheitlich und systematisch in ihre Strategie einbinden", erklärt Thakur. Zwar hat sich das Schweizer Umweltrecht laufend verschärft, wie etwa im Mai 2017 mit dem Ja des Stimmvolks zum Massnahmenpaket zur Energiestrategie 2050. Doch die Konzerne geniessen mehr Spielraum als in der EU, wo seit 2017 ein jährlicher Nachhaltigkeitsbericht Pflicht ist. 

Viel Potenzial für Green-Tech-Branche

Vielerorts lässt sich beobachten, wie der technische Fortschritt der Natur guttut. Doch es bleibt einiges zu tun. Im Meer schwimmt so viel Plastikmüll, dass sich Kontinente aus Abfall bilden. Die Eisflächen in der Arktis schmelzen dramatisch wegen des Klimawandels. Diese Phänomene verlangen auch nach innovativen technologischen Lösungen: "Das Potenzial von Green Tech ist noch lange nicht ausgeschöpft", konstatiert Lars Thomsen, Gründer des Zürcher Thinktanks Future Matters: "Künftig kann man eine Kilowattstunde Strom mit Sonne, Wind oder Wasser günstiger und nachhaltiger produzieren als mit Kohle, Öl oder Gas. Die Sonne liefert 12’000-mal mehr Energie, als wir alle verbrauchen." Ausserdem falle der Preis für Batteriespeicher 30 Prozent pro Jahr. Das mache die Nutzung lokaler Energien günstiger als den Import nicht nachhaltiger Energien. Eine solche Entwicklung hat der Solarmarkt hinter sich. Ein Fotovoltaikmodul kostet nicht mal mehr 1 Prozent des Preises von 1976 - und die Kosten fallen weiter.

Im Miteinander von Geld und Grün hat das deutsche Zukunftsinstitut schon vor über einem Jahrzehnt einen Megatrend erkannt: die Neo-Ökologie. "Der Zenit ist nicht erreicht", schreibt das Institut in seinem neusten Bericht: Umweltorientierte Produkte und Dienstleistungen seien zu einem Milliardenmarkt herangewachsen. Vom Nischenanliegen sei Ökologie zu einem Metathema der modernen Gesellschaft geworden. Denn andere Megatrends würden die Neo-Ökologie vorantreiben. Zum Beispiel verlangt das zunehmende Gesundheitsbewusstsein nach naturbelassenen Produkten. Die Urbanisierung verwandelt Städte zum Agrarraum. Und die Digitalisierung ermöglicht neue Formen des Tauschens und Teilens.

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Nachhaltigkeit darf etwas kosten

Allerdings haben nachhaltige Produkte ihren Preis. Um den Durchbruch am Markt zu schaffen, sind nachhaltige Produkte auf den Goodwill der Konsumenten angewiesen. Inwieweit sind Menschen aber im Allgemeinen bereit, mehr Geld für ein Produkt auszugeben, weil es nachhaltig ist? "In verblüffend hohem Mass", antwortet der Verhaltensökonom Prof. Dr. Björn Bartling von der Excellence Foundation der Universität Zürich. Er hat Marktsituationen mit Käufern und Verkäufern unter Laborbedingungen nachgestellt: "Gemäss der ökonomischen Theorie würde man vermuten, dass Leute stets das billigste Produkt kaufen." Doch in seinen Experimenten in Zürich und in Shanghai konnte Bartling das Gegenteil nachweisen: Fair produzierte Güter gehen relativ oft über den Ladentisch, auch wenn man dafür mehr hinblättern muss.

Bei Bartlings Tests in China hatten die fairen Produkte mehr Absatzschwierigkeiten als in Zürich. "Das dürfte an den sozialen Normen liegen. In der Schweiz ist es weniger akzeptabel, Profit auf Kosten anderer zu schlagen als in China", sagt Bartling. Ausserhalb des Marktkontexts erwiesen sich die Chinesen als ähnlich sozial wie die Zürcher.

Fair-Trade-Produkte verkaufen sich vor allem in Ländern mit höherem Pro-Kopf-Einkommen gut. Bartling wollte darum ergründen, ob ein höheres Einkommen eine Verhaltensänderung bewirken kann. Seine Experimente deuten darauf hin. "Wir dürfen hoffen, dass sich Menschen in Ländern wie China nachhaltiger verhalten, wenn sie reicher werden."

Darüber hinaus ist die öffentliche Debatte sehr wichtig, damit sich soziale Normen heranbilden. Etwa darüber, ob es okay ist, Bio zu kaufen, aber fünfmal pro Jahr in den Urlaub zu fliegen. Aus seinen Experimenten weiss Bartling: "In Zürich verkauften sich fast nur noch faire Produkte, nachdem ein Gespräch darüber stattgefunden hatte."

Hat sich eine soziale Norm einmal etabliert, schieben sie die Menschen nicht so leicht beiseite. Gemäss Bartlings Experimenten rechtfertigt kaum jemand sein Fehlverhalten mit der Ausrede "Wenn ich es nicht tue, macht es ein anderer". Bartling: "Die Menschen frönen nicht einer utilitaristischen Ethik nach dem Prinzip ‹Der Zweck heiligt die Mittel›." Auch das spricht dafür: Bio ist mehr als eine Modeerscheinung.

Nachhaltige Anlagen sind gefragt: Was nachhaltiges Anlegen ausmacht, erklärt Dr. René Nicolodi, Leiter Aktien & Themen von Swisscanto Invest by Zürcher Kantonalbank.

Herr Nicolodi, bei Geldanlagen achten wir weniger auf die Nachhaltigkeit als bei Früchten. Warum?

Nicolodi: Emotional berührt uns weniger das Geld, sondern vielmehr das, was wir uns damit leisten: Ferien, ein Auto, ein Haus. Langsam findet aber ein Umdenken statt. Privatanleger ­setzen sich vermehrt mit nachhaltigen Anlagen auseinander.

Mit welchen Renditen darf man bei nachhaltigen Anlagen rechnen?

Nicolodi: Die Renditen hängen auch bei nachhaltigen Anlagen primär von der Anlagestrategie ab. Allein aufgrund dessen, dass man auf Nachhaltigkeit achtet, wirft eine Anlage weder mehr noch weniger Rendite ab. Die Berücksichtigung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Daten kann aber zu besseren Anlageentscheidungen führen, weil ­damit eine auf Langfristigkeit ausgerichtete Unternehmens­politik einhergeht. Gleichzeitig bieten Branchen, die Lösungen für Herausforderungen wie etwa den Klimawandel entwickeln, auch ein gewisses Wachstum­s potenzial.

Welche Möglichkeiten haben Privatanleger, um nachhaltig zu investieren?

Nicolodi: Anleger können aus einer Vielfalt nachhaltiger Anlagen wählen - beispielsweise Fonds, Bonds oder strukturierte Produkte. Die Produktpalette der Zürcher Kantonalbank reicht von breit diversifizierten Anlagelösungen, die in besonders vorbildliche Unternehmen einer Branche investieren, bis zu "themenorientierten" Anlagen. Mit Letzteren kann man beispielsweise auf Lösungen gegen die Wasserknappheit setzen. Bei aktiv verwalteten Anlageprodukten integrieren wir Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren in unsere Finanzanalyse. Schliesslich pflegen wir den Dialog mit Unternehmen über relevante Nachhaltigkeitsfragen.

Die Nachfrage nach nachhaltigen Anlagen nimmt zu?

Nicolodi: Ja. Laut dem Forum Nachhaltige Geldanlagen werden in der Schweiz so viele Vermögen nach Nachhaltigkeitskriterien verwaltet wie nie zuvor: 266 Milliarden Franken, nach einem Wachstum von 40 Prozent im Jahr 2016.

Was treibt den Boom an?

Nicolodi: Vor allem institutionelle Anleger wie Pensionskassen, die grosse Vermögen verwalten und sich zunehmend mit dem Thema beschäftigen. Das hat mit ihrem Verantwortungsbewusstsein, aber auch mit einem gewissen Druck von aussen zu tun: Vor gut einem Jahr hat das Bundesamt für Umwelt die Pensionskassen eingeladen, ihr Portfolio auf die Klimaverträglichkeit durchleuchten zu lassen. Ausserdem steigen die Transparenz­anforderungen an Pensionskassen.


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