Dynamischer Beschäftigungsaufbau im staatsnahen Sektor
Der staatsnahe Sektor wächst in der Schweiz deutlich stärker als in vielen europäischen Ländern – insbesondere in Gesundheit und Verwaltung – und rückt das Land vom Mittelfeld in die Spitzengruppe vor.
Text: David Marmet
Die Kettensägen-Rhetorik des argentinischen Präsidenten Javier Milei erregte weltweit Aufmerksamkeit. Der Staatsapparat sei zu gross, zu teuer und zu ineffizient. Stellen im öffentlichen Dienst müssten «zurückgeschnitten» werden. Ähnlich argumentierte Elon Musk in den ersten Wochen der zweiten Trump-Präsidentschaft als Leiter des umstrittenen Effizienzprogramms DOGE. In der Schweiz ist der Ton weniger schrill. Hierzulande fordern die Wirtschaftsverbände eine Verwaltungsbremse, um das Wachstum der Bundesverwaltung zumindest zu dämpfen. Letztendlich ist es eine politische Frage, welches das adäquate Niveau und Wachstum eines Staatsgebildes ist. Anhand der Beschäftigungsstatistik kann aber zumindest der staatsnahe Sektor der Schweiz den anderen europäischen Ländern gegenübergestellt werden. Als staatsnaher Sektor werden an dieser Stelle die Branchen öffentliche Verwaltung, Bildung und Gesundheit verstanden. Die Daten stammen von der OECD und ermöglichen Vergleiche für den Zeitraum 2010 bis 2025.
Ausgangslage 2010: Schweiz im europäischen Mittelfeld
Im Jahr 2010 betrug der Beschäftigungsanteil des staatsnahen Sektors in der Schweiz 23%. Damit lag die Schweiz ziemlich genau im Mittelfeld der europäischen Länder. Deutlich höhere Anteile hatten die nordischen Länder sowie die grossen Volkswirtschaften Frankreich und Deutschland. Spitzenreiter war Norwegen mit 35%. Am anderen Ende der Tabelle liegt Tschechien mit knapp 20%. In den letzten 15 Jahren ist der Beschäftigungsanteil des staatsnahen Sektors in der Schweiz überdurchschnittlich stark gestiegen, und zwar um knapp 4 Prozentpunkte auf nunmehr 27%. In Deutschland nahm der Anteil des staatsnahen Sektors nur minimal schwächer zu. In den nordischen Ländern und in Frankreich stieg die Beschäftigung des staatsnahen Sektors hingegen im Gleichschritt mit der Beschäftigung im Privatsektor oder nahm gar unterdurchschnittlich zu.
Aufholbewegung der Länder mit schlankem Staatssektor
Länder, die 2010 einen vergleichsweise schlanken Staatssektor aufwiesen, legten in der Folge überdurchschnittlich zu. Nur Portugal und Tschechien haben den Anteil des staatsnahen Sektors in den letzten 15 Jahren stärker ausgebaut als die Schweiz – wenn auch nur marginal. Die Schweiz hat somit einige Länder überholt und figuriert mit 27% nun in der ersten Hälfte der Rangliste. Spitzenreiter bleibt Norwegen mit nunmehr 34%, was vor allem dem stark ausgebauten Gesundheitssektor geschuldet ist.
Branchenvergleich: Gesundheitswesen als Wachstumstreiber
Wie die Branchenaufschlüsselung zeigt, wies das Gesundheitswesen die höchste Beschäftigungsdynamik auf. In der Schweiz stieg die Beschäftigung in diesem Bereich um 45% und lag damit drei Prozentpunkte über dem europäischen Durchschnitt. Im Bildungssektor lag das Schweizer Wachstum mit 21% hingegen drei Prozentpunkte unter dem Durchschnitt. In der öffentlichen Verwaltung verzeichnete die Schweiz ein Wachstum von 28% und lag damit um neun Prozentpunkte über dem europäischen Durchschnitt.
Überdurchschnittlicher Beschäftigungsaufbau und Angleichungstendenz
Fazit: Staaten, die bereits 2010 einen hohen Beschäftigungsanteil in den staatsnahen Sektoren aufwiesen, sind in den letzten Jahren auf die Bremse getreten. Staaten mit einem niedrigeren Anteil haben eher aufgebaut, so dass eine Tendenz zur Angleichung festzustellen ist. In der Schweiz nahm die Beschäftigung in den staatsnahen Sektoren sowohl im Vergleich zur Privatwirtschaft als auch im europäischen Vergleich überdurchschnittlich zu.