Hunger nach Strom
Wir benötigen immer mehr Energie in Form von Elektrizität. Da Strom energieeffizient und potenziell emissionsarm ist, stellt dies eine gute Entwicklung dar. Für die Energiesicherheit sind allerdings noch viel mehr Investitionen in Stromleitungen und Speicher nötig.
Text: Silke Humbert
Im letzten Jahr ist die Weltwirtschaft um etwa 3 Prozent gewachsen. Interessanterweise stieg die Energienachfrage nur um etwa 2 Prozent. Diesen Trend beobachtet man schon mehrere Jahre – die Energieintensität nimmt ab, was eine gute Nachricht ist. Hierbei geht es um die Energiemenge, die pro Einheit Wirtschaftsleistung gebraucht wird. Erfreulicherweise decken wir unseren Energiebedarf immer öfter in Form von Elektrizität ab.
2024 ist die weltweite Nachfrage nach Elektrizität etwa doppelt so stark gestiegen wie die nach anderen Energieträgern. Die Internationale Energieagentur (IEA) geht davon aus, dass sich dieses Verhältnis noch weiter akzentuieren wird. Sie schätzt, dass der Elektrizitätsbedarf bis 2035 pro Jahr sechsmal schneller wachsen wird als die gesamte Energienachfrage. Folglich könnte sich der Elektrizitätsbedarf bis 2050 je nach Entwicklungsszenario verdoppeln bis verdreifachen.
Der Anstieg der Elektrizitätsnachfrage ist insofern erfreulich, weil Energie in Form von Elektrizität eine höhere Energieeffizienz aufweist. Nehmen wir zum Beispiel Mobilität: In den vielen Schritten von der Förderung von Öl über die Aufbereitung zu Benzin, der Verbrennung im Motor bis zur Kraftübertragung auf die Räder geht viel Energie verloren. Demgegenüber ist beim Elektroauto die benötigte Menge an Ausgangsenergie deutlich geringer. Betrachtet man nur die Energie, die für die tatsächliche Endanwendung benötigt wird, so ist laut dem Think Tank Ember Energy die Elektrizität schon heute grösster Energielieferant – vor Öl, Gas oder Kohle. Darüber hinaus wird Elektrizität vermehrt durch grüne Technologien erzeugt und verursacht potenziell weniger klimaerwärmende Emissionen.
Die jährliche Elektrizitätsnachfrage wird sechsmal so schnell wachsen wie die gesamte Energienachfrage
Silke Humbert, Nachhaltigkeitsökonomin
Zunehmende Nachfrage nach Strom durch Datenzentren – vor allem in den USA
Der Anstieg der Elektrizitätsnachfrage hat seine Ursache in einer Zunahme von elektronisch betriebenen Technologien, oft auch unter dem Schlagwort Elektrifizierung zusammengefasst. So wird etwa für die Mobilität über E-Autos und das Heizen, beispielsweise über Wärmepumpen, vermehrt auf Strom statt auf fossile Energieträger zurückgegriffen. Angetrieben wird diese Entwicklung durch günstigen, mit erneuerbaren Energien produzierten Strom. Die IEA schätzt, dass die mit Abstand grösste Zunahme des Elektrizitätsbedarfs bis 2030 von der Industrie getrieben ist. Nur etwa halb so gross wird die Zunahme durch Elektromobilität sein, dicht gefolgt von elektrischen Geräten und Klimaanlagen. An fünfter Stelle rangiert die Stromnachfrage von Datenzentren. Diese machen zwar nur 1.5 Prozent der weltweiten Stromnachfrage aus, aber ihr Bedarf wächst gemäss Schätzungen bis 2030 jährlich um 15 Prozent, also viermal schneller als die allgemeine Elektrizitätsnachfrage. Obwohl cloudbasierte Anwendungen schon vor 2017 zu einer Zunahme an Rechenzentren geführt hatten, blieb der Strombedarf damals dank Effizienzerhöhungen konstant. Neue Rechenzentren für künstliche Intelligenz werden jedoch mit deutlich leistungsstärkeren Halbleitern und Kühlsystemen ausgetattet, die mehr Strom benötigen. Der Elektrizitätsbedarf für Rechenzentren variiert dabei auf regionaler Ebene stark. In den USA lösten die hohen Investitionen in Rechenzentren Sorgen über einen explodierenden Strombedarf aus. Tatsächlich benötigen die USA heute durch ihre vergleichsweise hohe Dichte an Rechenzentren weltweit am meisten Strom (vgl. Grafik). Etwa die Hälfte des US-Nachfragewachstums von Strom bis 2030 fällt auf die Rechenzentren zurück.
USA brauchen weltweit am meisten Strom für Rechenzentren
Anteilsvergleich von benötigter Elektrizität für Rechenzentren
Schlagseite bei den Investitionen
Auch bei den Investitionen ist das Stromzeitalter angekommen. Mehr als die Hälfte aller Energieinvestitionen fliesst aktuell in den Stromsektor und in die Elektrifizierung von Endgeräten. Doch die Investitionen haben Schlagseite: So werden aktuell weltweit USD 1 Bio in die Stromerzeugung investiert, aber nur etwa USD 400 Mrd in Stromnetze und Speicher (vgl. Grafik). Für eine ausreichende Energiesicherheit sollte laut IEA das Verhältnis ausgewogen sein. Für jeden investierten Dollar in die Stromerzeugung sollte ebensoviel in Leitungen und Speicher investiert werden. Spaniens massiver Stromausfall im April 2025 aufgrund grosser Spannungsschwankungen unterstreicht die Bedeutung einer gut funktionierenden Netzinfrastruktur. So belaufen sich in Spanien die Investitionen für die Weiterentwicklung des Netzes nur auf 30 Prozent der Summe, die in die Stromerzeugung fliesst. Oft kann die Netzinfrastruktur nicht mit dem Aufkommen neuer Stromproduzenten mithalten. Die IEA schätzt, dass deshalb im Jahr 2024 allein 1'650 Gigawatt potenziell erzeugter Strom von Solaranlagen und Windparks ungenutzt blieb. Das entspricht der unvorstellbaren Leistung von etwa 300 Kernkraftwerken. Auch die EU ist sich dieser Problematik bewusst. Um ihr länderübergreifendes Stromnetz auf Vordermann zu bringen, plant sie eine Verfünffachung der Investitionen.
Investitionslücke bei Netzen und Speichern
Weltweite Elektrizitätsinvestitionen im Jahr 2025 in USD Mrd
Zukunftstechnologien finden sich heute im Bereich der Elektrifizierung
Gebraucht werden Übertragungsnetze für grosse Distanzen, Verteilnetze für die Anbindung der Konsumenten sowie Transformatoren. Unternehmen mit Expertise im Ausbau der Netzinfrastruktur profitierten bislang schon und werden es aufgrund des Investitionsrückstands auch weiterhin. Auch Versorger und Zulieferer im Bereich Elektrifizierung könnten weiteren Rückenwind erfahren. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Befunde der IEA bezüglich der Firmen mit den höchsten Forschungsbudgets im Bereich Energie. Noch vor zehn Jahren standen hier mehrheitlich Automobilfirmen, Öl- und Gaskonzerne an der Spitze. Heute sind es Firmen im Bereich der Elektrifizierung wie Batteriehersteller, Produzenten von Elektroautos oder ganz generell Unternehmen, die sich auf Elektrifizierung, Automatisierung oder Digitalisierung konzentrieren.