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USA streben Vorherr­schaft in der westlichen Hemi­sphäre an

Aus geopolitischer Sicht fiel der Jahres­auftakt unerwartet turbulent aus. Am 3. Januar hat das US-Militär auf Anordnung von Präsident Donald Trump mehrere Angriffe auf militärische Ziele in Venezuela durchgeführt und dabei Präsident Nicolás Maduro sowie seine Ehefrau Cilia Flores verhaftet. Beide wurden nach New York gebracht, wo sie wegen Drogenhandel und Terrorismus angeklagt wurden. Nach der Militär­intervention liess Präsident Trump verlauten, dass es ihm neben der Bekämpfung des Drogenschmuggels auch um die hohen Erdöl­reserven in Venezuela gehe. Ausserdem drohte er mit der Annexion Grönlands und begründete dies mit nationalen Sicherheits­interessen.

Text: Manuel Ferreira

Aufgrund der jüngsten Entwicklungen sowie weiteren Wortmeldungen von US-Aussenminister Marco Rubio und anderen US-amerikanischen Politikern sind die Absichten der USA ernst zu nehmen. Wir rechnen damit, dass sich die Gespräche zwischen den USA, Europa und der NATO bezüglich des Interesses der USA an Grönland intensivieren werden. Das wird die Beziehungen zwischen den Parteien belasten. Zudem ist die geopolitische Brisanz bei diesem Thema mit Sicherheit höher als bei der militärischen Operation in Venezuela. Der Angriff auf Venezuela und Donald Trumps Drohungen gegenüber weiteren Ländern wie Kolumbien, Kuba und Mexiko, stehen im Zusammen­hang mit der im November 2025 vom Weissen Haus veröffentlichten Strategie für die nationale Sicherheit. Diese zeigt klar auf, dass die USA ihre Vorherrschaft in der westlichen Hemisphäre wiederherstellen wollen, womit in erster Linie Nord- und Südamerika gemeint sind. In Anlehnung an die sogenannte «Monroe-Doktrin» aus dem 19. Jahrhundert, die vom damaligen US-Präsidenten James Monroe formuliert wurde und sich gegen die Einmischung europäischer Mächte in Latein­amerika richtete, wird die neue aussen­politische Strategie von US-Präsident Trump nun als «Donroe-Doktrin» bezeichnet. Venezuela und Grönland stehen dabei nicht zufällig im Fokus. Während Venezuela über die weltweit grössten Ölreserven verfügt, sind in Grönland neben seltenen Erden, Uran und weiteren Roh­stoffen vor allem auch die geografische Lage und die damit verbundene Kontrolle von Schiffs- und Luftverkehr sowie die Sicherung von Handels­routen und Liefer­ketten von Bedeutung.

USA haben bezüglich Grönland verschiedene Optionen

In der Vergangen­heit hat die US-Regierung wiederholt erklärt, dass sie die Kontrolle über Grönland erlangen möchte. Das Brisante daran ist, dass Grönland als weitgehend selbstverwalteter Teil Dänemarks zum Verteidigungs­bündnis der NATO gehört und US-Vertreter eine militärische Intervention wie in Venezuela als mögliche Option erwähnt haben. US-Aussenminister Marco Rubio hat angekündigt, dass er nächste Woche nach Kopenhagen reisen wird, um sich mit Vertretern Dänemarks über Grönland zu unterhalten. Dies spricht dafür, dass andere Optionen wahrscheinlicher sind als militärische Mittel. So könnten die USA ihre militärische Präsenz in Grönland deutlich verstärken und erleichterten Zugang zu den Rohstoff­vorkommen erhalten. In gleicher Weise haben die USA auch mit der Ukraine ein Rohstoff­abkommen abgeschlossen. Dies im Gegenzug für Unterstützung im Krieg gegen Russland. Eine weitere Möglichkeit wäre eine Einigung mit den europäischen Ländern, wonach diese noch mehr in die eigene Aufrüstung und die Unterstützung der Ukraine investieren und die US-Regierung im Gegenzug bezüglich Grönland keine territorialen Forderungen stellt.

Eine weitere Option wäre ein Assoziierungs­abkommen, wie es die USA mit mehreren Staaten im Süd­pazifik geschlossen haben. Grönland würde seine Unabhängig­keit behalten, künftig unter dem Schutz Washingtons stehen und ein Handels­abkommen abschliessen. Gleichzeitig könnte das US-Militär weitgehend uneingeschränkt operieren. Ein Kauf der Insel sowie ein militärischer Einsatz erscheinen aus heutiger Sicht hingegen deutlich weniger wahrscheinlich.

Begrenzte wirtschaftliche Auswirkungen

Aus Sicht der Geopolitik und des Völkerrechts sind die jüngsten Entwicklungen beunruhigend. Wirtschaftlich dürften die Aus­wirkungen zumindest in der kurzen Frist jedoch sehr beschränkt ausfallen. Venezuela ist nach Jahren der Miss­wirtschaft nur noch für 0.1% der globalen Wirtschafts­leistung und trotz der hohen Ölreserven für knapp 1% der weltweiten Öl­produktion verantwortlich. Eine rasche Erhöhung der Ölproduktion ist unwahrscheinlich. Abgesehen von der unsicheren Lage bräuchte es Investitionen in Milliarden­höhe, um die Förder­menge zu steigern. Der globale Ölmarkt ist derzeit aber gut versorgt. Es ist einfacher und lukrativer, für eine höhere Produktion auf andere Ölfelder auszuweichen, was die Investitions­neigung von US-Energiekonzernen in Venezuela zusätzlich dämpft. Diese fordern von Präsident Trump starke rechtliche und finanzielle Absicherungen, bevor sie sich zu Investitionen verpflichten. Grönland ist mit seinen 57 000 Einwohnern wirtschaftlich noch unbedeutender und der überwiegende Teil der natürlichen Ressourcen wurde noch nicht erschlossen. An unserem globalen Basisszenario, das von einer robusten Konjunktur und einem moderaten, aber breit abgestützten Wachstum ausgeht, ändert sich somit nichts. Die Durchsetzung der Zoll­forderungen im Rahmen des «Liberation Day» vom April 2025 wäre vergleichs­weise für die Welt­wirtschaft weitaus gravierender gewesen.

Die NATO ist nicht infrage gestellt

Das geostrategische Interesse der USA an Grönland ist nicht neu. Aufgrund seiner strategischen Lage zwischen den Kontinenten unterbreiteten die USA bereits 1946 Dänemark ein Kaufangebot für Grönland, welches abgelehnt wurde. Die militärische Bedeutung Grönlands und die Vorteile einer starken US-Präsenz in der Arktis wurden von nahezu allen namhaften US-amerikanischen Geostrategen betont. Dabei stand jedoch stets die militärische Präsenz zur Sicherung zukünftiger Schifffahrts­routen und des Luft­verkehrs in der Arktis im Vordergrund. Eine Besetzung oder der Kauf Grönlands hat sich geostrategisch wegen der NATO nie durchgesetzt. Die militärische US-Präsenz in Grönland sowie deren Ausbau sind beispielsweise durch ihre Raketenfrühwarn­systeme bereits gewährleistet. Wirtschaftliche Interessen an den potenziellen Rohstoffen Grönlands lassen sich zudem privatwirtschaftlich regeln.

Die aggressive Tonalität der USA im Zusammen­hang mit einer Einverleibung Grönlands ist sicher als Droh­kulisse zu verstehen, um Zugeständnisse von Dänemark und Europa zu erzwingen. Dennoch ist die Zielstrebigkeit der USA in dieser Sache ernst zu nehmen. Wir glauben nicht, dass die NATO infrage gestellt wird. Die USA werden jedoch die Art und Weise, wie sie ihre Interessen in Grönland durchsetzen wollen, wiederum als Druckmittel einsetzen, um von Europa mehr Engagement innerhalb der NATO einzufordern. Auch wenn diese Diskussionen kurzfristige Verwerfungen an den Finanz­märkten zur Folge haben könnten, sind die wirtschaftlichen Implikationen äusserst überschaubar. Zudem wäre eine höhere Präsenz der USA in Grönland für Europa kein wirtschaftlicher Nachteil. Unser Anlagefokus liegt vorerst auf der Währungsentwicklung. Bei einer Verhärtung der Fronten während der Verhandlungs­phase ist davon auszugehen, dass der Schweizer Franken erstarkt, während der Euro und der US-Dollar volatiler werden. Zudem dürfte die Nach­frage nach Gold und anderen Edel­metallen hoch bleiben.

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