In der Kundenhalle Wurzeln schlagen

Die Installation «Wir verwurzeln (Seelenfarben)» von Pipilotti Rist hat eine bewegte Geschichte. Warum das Werk aus dem Kafi Züri neu in der Kundenhalle in veränderter Form zu sehen ist.

Text: Markus Wanderl

Ein Blick hinein ins poetische Ideenreich von Pipilottot Rist – in der Kundenhalle, Standort City.
Verwunschene Landschaften aus der Froschperspektive. (Bild: Flavio Pinton)

Wie zufällig dort abgestellt sieht es aus. Doch dass seit dem 13. August in der Kundenhalle im Hauptsitz der Zürcher Kantonalbank vom Eingang aus gesehen rechts eine manns- oder warum nicht frauhohe Transportkiste hochkant platziert ist, ist pure und bestimmt auch zentimetergenaue Absicht.

Ein Blick hinein ins poetische Ideenreich von Pipilotti Rist – in der Kundenhalle, Standort City. (Bild: Flavio Pinton)

Poetisches Ideenreich

Wer bisher keinen Blick durch die eine vorhandene Öffnung in die Kiste hineingeworfen hat, mag das noch unbedingt tun. Versprochen ist ein Ausflug ins poetische Ideenreich der Künstlerin Pipilotti Rist. Eine verwunschene Miniaturlandschaft aus Moosen, Flechten und Borke ist zu sehen, von Rists Team in der gesamten Schweiz zusammengetragen; und dahinter, ans Wandinnere, ist ein Video projiziert etwa mit traumwandlerischen Makroansichten vom Leben in Zürcher Seen und Gebieten. Die Künstlerin appelliert hier unbedingt an unsere Sinne, will sie wachkitzeln, uns auch betören. So sehen wir etwa vor unseren Augen, wie ein Baum im Wachsen begriffen ist. Überhaupt Naturen aus gänzlich unterschiedlichen (Frosch-)Perspektiven zeigt uns Pipilotti Rist. Dass wiederum auf Bildsequenzen die Sonne augenscheinlich die Energie durch Blattäderchen schiessen lässt, erlaubt die Mutmassung: Pipilotti Rist mag die Kraft der Wärme.

Im Grossformat 2015 als Auftragsarbeit für die Rückwand hinter der früheren Treppenbrüstung des alten Kafi Züri erdacht, hat das Kunstwerk «Wir verwurzeln (Seelenfarben)» während der vergangenen drei Jahre den Weg hin zur Miniaturform genommen. Die Schrumpfung hat hier dem Erhalt gedient.

Das Kunstwerk in seiner Ursprungsform einst im Kafi Züri. Bild: Nina Mann

Es kam so: Im Zuge der Neugestaltung des Kafi Züri musste Pipilotti Rists damals grossformatigere Installation 2018 weichen. Rist hatte das Video mit den fünf davor gestellten Pflanzen genau für jene Kafi-Umgebung geschaffen, zwar wurde über die eine oder andere alternative Räumlichkeit noch nachgedacht, es sollte sich aber kein anderer Ort mehr ergeben, es eben in jener Beschaffenheit zu zeigen. Es lässt sich nun einmal nicht alles beliebig hierhin oder dorthin verpflanzen.

Was die Verwurzelung aber ausmacht, welcher Kriterien es bedarf, damit sie glückt, und was es braucht, um nach dem Wurzeln schlagen, womöglich fernab der Heimat, weiter zu wachsen, zu gedeihen oder sogar aufzublühen – das blieben die Fragen, die Pipilotti Rist auch in den letzten drei Jahren zu beantworten suchte. Und war es lange die Idee, das Kafi dann eben in einer Transportkiste in Kleinformat zu zeigen, also als einen puppenstubenartigen Flecken mitsamt Minitischen, -stühlen und -tassen, so entschied sich Rist dann doch anders: Es wurde jene schon beschriebene verwunschene Moos- Flechten- und Borke-Landschaft.

Bitte lächeln

Im Ursprung, 2015, stand die Idee einer Begegnungsstätte – ausgerechnet eine Bank – wir! – wollte einen Raum schaffen, der erst einmal klassisch ein Ort für Gespräche zwischen dir und mir ist und ein Ort für Speis und Trank – und ebenso ein Platz, an dem sich auch geistig ernähren liesse. Denn wohin führt etwa der Weg des Fremden, des also mitunter für den Moment Entwurzelten? Dorthin, wo er eben all das geballt kriegen kann – und am besten ein Lächeln noch dazu. Ankommen, sich wohl fühlen, warme Momente spüren und natürliche Freundlichkeit, ohne dies kein Verwurzeln, kein Wachsen und kein Gedeihen, nirgends.

Sich vom Störfaktor nicht beeindrucken zu lassen, sondern auf neugierig-spielerische Weise neue Lösungen zu finden, offen und flexibel zu bleiben, mitunter querzudenken – so hat es Chris Sandercock, Leiterin Fachstelle Kunst, auf einer Vernissage pointiert zum Ausdruck gebracht, wie jener Prozess, den Pipilotti Rist und ihr Team bewältigt haben, beispielhaft vonstattengegangen ist. Und nun steht sie da in der Kundenhalle, die Kiste, ist sogar originalgetreu mit einem «Fragile-Aufdruck» versehen – und sorgt für rege Aufmerksamkeit bei unseren Kundinnen und Kunden, wie zu hören ist.

Das «Chischtli» sorgt für rege Aufmerksamkeit in der Kundenhalle. Bild: Flavio Pinton

Als die Kiste neulich zum Hauptsitz transportiert wurde, kam sie übrigens direkt aus der Stickstoffkammer, dies, um den Kleinstlebewesen im Pflanzenwerk den Garaus zu machen. Nun muss sich «unser Chischtli», wie es vom Team Pipilotti Rists liebevoll bezeichnet wird, und in dem Chris Sandercock all die Attribute wie «Nähe, Freundlichkeit, Wärme, miteinander Wachsen, Gedeihen, sich entwickeln» vereint sieht, nur noch am neuen Standort verwurzeln. Dafür wird alle Zeit der Welt sein.

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