«Mich zieht es ins Bild hinein»

Die Zürcher Kantonalbank fördert die Kreativwirtschaft im Kanton und sammelt Zürcher Gegenwartskunst. Eine Serie über die Neuankäufe. Chris Sandercock, Leiterin Fachstelle Kunst, wählt zum Auftakt aus.

Text: Markus Wanderl

Chris Sandercock, Leiterin Fachstelle Kunst
Chris Sandercock, Leiterin Fachstelle Kunst bei der Zürcher Kantonalbank (Bild: Flavio Pinton)

In den Katakomben des Standortes City der Zürcher Kantonalbank lagert ein Schatz: Akkurat in einem speziellen Vorrichtungssystem aufgereiht und gut belüftet findet sich dort etwa in extra Räumen gesammelte Kunst. Es sind viele der über 60 Neuanschaffungen aus 2020 darunter. Und wir wollen eine Auswahl davon vorstellen.

Alle Kunstwerke wurden als stimmige Ergänzung der bestehenden Sammlung der Bank ausgewählt – und viele harren noch eines Ausstellungsortes. Auch jenes Bild, das Chris Sandercock besonders mag. So lässt es sich wohl guten Gewissens formulieren: besonders mag. Denn auf jene Frage hin, ob sie das Bild von Shirana Shahbazi gern zuhause aufgehangen sähe, sagt sie schmunzelnd – und vielleicht mit einem Augenzwinkern: «Ja, gern, aber das würde ich von allen Bildern sagen, die wir ankaufen.»

«Wir» – das ist überhaupt ein gutes Stichwort. Denn in dieser Kunstserie, die heute ihren Auftakt nimmt, werden die Kunstkommissionsmitglieder der Zürcher Kantonalbank und das Team der Fachstelle Kunst im Verlaufe des Jahres jeweils jenes neuangekaufte Kunstwerk vorstellen, das sie besonders mögen, das sie spontan ins Herz geschlossen haben, oder – bringen wir es doch einmal auf den Punkt – eines, das ein Muss für die Sammlung ist.

Manchmal wird es dann doch genau das sein: ein Lieblingskunstwerk. Aber nicht für Chris Sandercock. Wie gesagt: Dafür mag sie einfach zu viele: besonders. «In dem Augenblick, in dem ich weiss, dass ein Werk unsere Kunstsammlung bereichern würde, bin ich ganz bei genau diesem Werk.» So formuliert sie es.

Doch warum ist ihre Wahl nun auf das Bild von Shirana Shahbazi gefallen? Man hört Chris Sandercock zu – und möchte das Bild am Schluss daheim hängen haben.

Shirana Shahbazi, Ohne Titel, 2020, C-Print auf Aluminium, 150 x 120 cm, Ed. 1/5 + 1 AP
Shirana Shahbazi, Ohne Titel, 2020, C-Print auf Aluminium, 150 x 120 cm, Ed. 1/5 + 1 AP

«Als allererstes sprechen mich die Farben an – wie intensiv einige leuchten. Das Nachtblau, das Zitronengelb. Das Sonnengelb umgeben von warm leuchtendem Orangerot. Mich interessiert, wie das Spiel mit Licht und Schatten das Bild in geometrische Flächen unterteilt. Die ausgewogen komponierte Fotografie mutet wie eine Collage an. Erst mit der Zeit erschliesst sich die Tiefe des Bildes und die Komplexität des Bildaufbaus. Mich zieht es geradezu in das Bild hinein.

Shirana Shahbazi spielt bewusst mit der Frage der Bildwirklichkeit. Dafür hat sie ihre leere, weiss getünchte und doch durch das Mauerwerk strukturierte Studiowand genutzt. Auf diese Wand hat sie eine Fotografie von Keramikfliesen, die sie einst in Portugal in einer Kachelfabrik aufgenommen hat, projiziert. Dieses projizierte Bild hat sie in geometrische Flächen aufgebrochen, indem sie farbige und farbig beleuchtete Paneele vor die Wand gestellt hat. Und so ergeben sich eben jene Segmente, wie sie auf dem Bild zu sehen sind: Die gesamte Vorgehensweise führt dazu, dass es aussieht wie aus verschiedenen Elementen zusammengestellt, wie eine Collage – dabei ist es eine analoge fotografische Aufnahme der geschilderten Installation im Studio der Künstlerin. Die farbigen Flächen entziehen sich dem Betrachter immer wieder, es wird nicht klar, wo der Raum beginnt, wo er endet.

Auch Shirana Shahbazis Schaffen wurde von Corona auf den Kopf gestellt. Eigentlich wollte sie im Frühling 2020 nach Teheran reisen, in ihre Geburtsstadt, aber das ging dann nicht mehr – und so blieb ihr die Arbeit im Zürcher Atelier. Mit ihrer Offenheit und Flexibilität hat die Künstlerin den Störfaktor dennoch als Impuls für ihre Arbeit nutzen können. In ihrem Studio hat sie angefangen, ausgewählte Bilder aus ihrem bestehenden Fundus, aufgeladen mit Erinnerungen und Orten, mit dem Hier und Jetzt zu verbinden – mit dem Gedanken, aus alledem etwas Neues zu erschaffen: aus Vergangenem eine neue Bildwelt. Mit kraftvoll leuchtenden Farben!»

Shirana Shahbazi

Werke von Shirana Shahbazi (*1974), die 2015 den farbigen Terrazzoboden im Bankratssaal gestaltet hat, sind weltweit in den Sammlungen bedeutender Institutionen vertreten, wie im Museum of Modern Art in New York oder der Tate Modern in London, aber auch im Kunsthaus Zürich oder im Aargauer Kunsthaus. Zudem waren ihr diverse Einzelausstellungen gewidmet, zuletzt etwa im Kunsthaus Hamburg (2018); im Istituto Svizzero, Mailand (2018) oder in der Kunsthalle, Bern (2014). 2019 gewann sie den Prix Meret Oppenheim, den wohl wichtigsten Kunstpreis hierzulande, der vom Bundesamt für Kultur verliehen wird.

Kreativwirtschaft im Kanton unterstützen

Die Zürcher Kantonalbank fördert im Sinne des Leistungsauftrages die Kreativwirtschaft im Kanton und sammelt seit bald zwanzig Jahren Zürcher Gegenwartskunst. Über 1'000 Werke, die diesem Konzept entsprechen, nennt unsere Bank ihr Eigen. Die Entscheidung, ob und welche neuen Werke angekauft werden, trifft die Fachstelle Kunst unter Einbeziehung der Kunstkommission nach sorgfältiger Abwägung.

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