CIO-Meinung: Weckruf an der Zapfsäule
Steigende Spritpreise treffen uns im Alltag – doch sie sind mehr als nur ein Ärgernis an der Zapfsäule. Sie entlarven unsere gefährliche Abhängigkeit von fossilen Energien und Krisenregionen. Der Schmerz im Portemonnaie könnte genau der Impuls sein, der endlich den längst überfälligen Wandel in unserer Energieversorgung auslöst.
Text: Dr. Anja Hochberg
Schock an der Zapfsäule, weil die Preise für Benzin und Diesel neue Höchststände erreichen. Volltanken wird zur finanziellen Belastung. Genau hier zeigt sich ein bekannter Mechanismus: Oft ändern wir erst dann etwas, wenn es wirklich notwendig ist. In der Theorie nennt man das «Consumer Smoothing Hypothesis». Sie geht davon aus, dass der Mensch seinen gewohnten Lebensstandard auch in Zeiten temporärer Krisen beibehalten will.
Das kann etwas Gutes haben – genau dann, wenn ein kurzfristiger Schock eintritt. Passt man sein Konsumverhalten direkt an und gibt beispielsweise aufgrund eines temporär eingeschränkten Einkommens weniger aus, würde man den Originalschock in der Volkswirtschaft quasi multiplizieren. Glättet man hingegen seinen Konsum und geht davon aus, dass es auch wieder Verbesserungen beim Einkommen gibt, wirkt dies automatisch als Stabilisator im System.
Wenn Glätten schadet statt nützt
Anders ist es hingegen bei strukturellen Veränderungen. Hier hilft eine Glättung nicht, sondern verzögert im Gegenteil wichtige Anpassungsprozesse. Fossile Brennstoffe sind ein solches Thema. Zum einen sind sie endlich und belasten unsere CO2-Bilanz. Zum anderen zeigt uns die aktuelle Entwicklung deutlich, wie abhängig wir nach wie vor davon sind. Der Energiemix in der Schweiz weist zwar deutlich weniger fossile Brennstoffe auf als die USA, Europa oder China. Gleichwohl wird der Preis auf dem Weltmarkt verhandelt und trifft damit auch uns. Der vorgezeichnete Weg ist alternativlos: Weg von fossilen Energieträgern und hin zu einer geringeren Abhängigkeit von Krisenregionen, einer verlässlichen, sauberen und bezahlbaren Energieversorgung – auch bei der Elektrizität.
Investitionen in erneuerbare Energie sind kein «nice to have» mehr, sondern zwingend nötig
Dr. Anja Hochberg, CIO
Zögern wird immer teurer
Solange Strom und Treibstoff verlässlich und günstig fliessen, fehlt der Druck zur Veränderung. Langfristige Investitionen in erneuerbare Energien, Netzausbau, Speichertechnologien und höhere Energieeffizienz sind der Weg zu mehr Unabhängigkeit. Zu lange wurden sie als «nice to have» behandelt – wichtig, aber nicht dringend. Heute zeigt sich, wie teuer dieses Zögern ist. Die Folgen des Iran-Kriegs führen uns schonungslos vor Augen, wie fragil unsere Energieversorgung und die globalen Lieferketten sind. Jede Eskalation, jede Blockade wichtiger Transportwege und politische Spannungen in ölreichen Regionen schlagen direkt auf die Preise durch. Jede verzögerte Investition in erneuerbare Energien, in Wärmepumpen, Speicher, Netze, Effizienz und in intelligente Mobilität verlängert unsere Abhängigkeit von Krisenregionen und damit die Phase der Schmerzen. Sie machen deutlich, dass unser bisheriges Modell der Energieversorgung langfristig nicht zukunftsfähig ist. Bleiben Sie energetisch!