SNB-Zinsschritt: «Inflation wird wieder in die Schranken gewiesen»

Die Ära der Negativzinsen gehört in der Schweiz nun der Vergangenheit an. Was das für die Inflation bedeutet und wann der nächste Zinsschritt wahrscheinlich ist – eine Einschätzung von David Marmet, Chefökonom Schweiz bei der Zürcher Kantonalbank.

David Marmet, Chefökonom Schweiz

Knapp achtjährige Ära geht zu Ende

Als letzte europäische Zentralbank hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) heute ihren Leitzins wieder ins positive Territorium angehoben. Damit geht eine knapp achtjährige Epoche zu Ende.

Blicken wir zurück: Im Dezember 2014 hatte die SNB erstmals angekündigt, einen Negativzins von –0,25 Prozent auf den Giroguthaben bei der Nationalbank einzuführen. Einen Monat später hob sie den Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro auf und senkte zugleich den Zins für Guthaben auf den Girokonten auf –0,75 Prozent.

Mit dem heutigen Entscheid, den SNB-Leitzins um 75 Basispunkte auf 0,5% anzuheben, werden nun auch die Giroguthaben bei der SNB erstmals bis zu einer bestimmten Limite positiv verzinst.

Dies ist notwendig, um den für die Hypothekargeschäfte wichtigen Referenzzinssatz Saron an das gewünschte Niveau zum SNB-Leitzins heranzuführen. Zusätzlich wird die SNB liquiditätsabschöpfende Massnahmen einsetzen.

Die SNB verfügt somit über die erforderlichen Instrumente, um trotz strukturellem Liquiditätsüberschuss und aufgeblähter Bilanz ihre Geldpolitik durchzusetzen.

Inflation wird wieder in die Schranken gewiesen

Der Schweizer Franken hat nach dem SNB-Entscheid von heute Morgen leicht abgewertet.

Im Vorfeld der geldpolitischen Lagebeurteilung waren Erwartungen aufgekeimt, dass die SNB noch forscher vorgehen wird. So hatte sich die Schwedische Riksbank diese Woche gezwungen gesehen, ihren Leitzins um 100 Basispunkte zu erhöhen. Von solchen Notfallmassnahmen sieht die SNB zurecht ab.

Zwar notiert die Schweizer Inflation mit 3,5 Prozent deutlich höher als von der SNB angepeilt (Zielband von 0 bis 2 Prozent), aber im internationalen Vergleich fällt die Schweizer Teuerung immer noch verhalten aus.

Zudem dürfte sich gemäss der heute von der SNB aktualisierten Inflationsprogose die Teuerung ab dem zweiten Quartal 2023 abschwächen und im Laufe des Jahres wieder im Zielbereich der SNB notieren.

Die SNB rechnet in diesem Jahr mit einer durchschnittlichen Inflationsrate von 3,0 Prozent und für nächstes Jahr mit einer Rate von 2,4 Prozent. Die Zürcher Kantonalbank prognostiziert ähnliche Inflationsraten: 3,1 Prozent für 2022 und 2,2 Prozent für 2023.

Weitere Zinserhöhungen werden folgen

Bereits im Juni 2022 hatte die SNB, für die meisten Marktteilnehmer überraschend, auf die steigenden Inflationsraten mit einer Zinserhöhung von 50 Basispunkten reagiert.

Dank diesem frühen Schritt und der nun heute erfolgten zusätzlichen Zinsanhebung kann die SNB auch in Zukunft ihre angestrebte Politik der «ruhigen Hand» weiterführen.

Gemäss unseren Einschätzungen wird es indes nicht der letzte Zinsschritt im aktuellen Erhöhungszyklus gewesen sein. Bereits im Dezember dürfte die nächste Erhöhung im Umfang von 75 Basispunkten erfolgen.

Auch für den März 2023 rechnen wir mit einem weiteren Schritt von 50 Basispunkten, so dass der Leitzins – und somit auch der Saron – ab dem Frühjahr 2023 bei 1,75 Prozent notieren dürfte.

Diese Zinserhöhungen werden die Konjunktur bremsen und auch Auswirkungen auf den Hypothekarmarkt zeitigen. Gemäss unseren Prognosen wird sich das Bruttoinlandprodukt von 2,5 (2022) auf 1,0 Prozent (2023) abschwächen. Eine wichtige Wachstumsstütze wird jedoch weiterhin die Nettozuwanderung sein.