Hat die Kohle etwa doch eine Zukunft?
Lange galt die Stromerzeugung durch Kohle als Auslaufmodell, von dem sich immer mehr Industrieländer verabschiedeten. Kommt es nun angesichts steigendem Strombedarfs und einer neuen Akzeptanz für fossile Rohstoffe zu einer Umkehr dieses Trends?
Text: Silke Humbert
Der Ausspruch «Drill, baby, drill!» hat mit «Mine, baby, mine!» einen kleinen Bruder bekommen. Kohle gilt in den Industrieländern als Auslaufmodell – doch könnte es im Zuge steigender Stromnachfrage tatsächlich zu einem Revival der Kohle kommen?
Absolute Zunahme von Kohle….
Man kann nicht über Kohle schreiben, ohne auf China einzugehen. Während die Nachfrage nach Kohle in der EU und notabene auch in den USA in den letzten 25 Jahren um 60 Prozent gesunken ist, stieg der Kohleverbrauch in China im gleichen Zeitraum um fast 300 Prozent an. Kohle wird heutzutage grösstenteils für die Stromerzeugung benutzt. Und der Strombedarf ist in China im Vergleich zu den westlichen Ländern rasant gestiegen: Von 2000 bis 2024 hat er sich im Reich der Mitte versiebenfacht. Um seinen immensen Strombedarf zu decken, ist China zweigleisig gefahren und hat neben erneuerbaren Energien auch auf Kohlekraftwerke gesetzt. Schliesslich sind die Kosten für die Kohleverstromung in China tief, auch weil es den Grossteil seiner Kohle selbst fördert. Global sind im Jahr 2025 etwa 8.85 Milliarden Tonnen Kohle verbraucht worden – so viel wie noch nie zuvor.
… steht relativer Abnahme bei der Stromerzeugung gegenüber
Der wachsende Stromverbrauch beschränkt sich nicht nur auf China, sondern betrifft die ganze Welt. Es ist allerdings nicht davon auszugehen, dass der steigende Strombedarf vermehrt durch Kohlekraftwerke gedeckt werden wird. Wie ein Blick zurück zeigt, stieg der Anteil erneuerbarer Energien bei der weltweiten Stromerzeugung stetig an (vgl. Grafik). Gleichzeitig sank der Anteil an Kohle zur Stromerzeugung graduell. Vermutlich wurde im Jahr 2025 erstmals weniger Strom mit Kohle erzeugt als mit erneuerbaren Energien. Ein Blick auf die Kosten macht das verständlich: Global gesehen sind die durchschnittlichen Stromgestehungskosten (LCOE) von Photovoltaik und Windkraftanlagen an Land mittlerweile nur noch halb so teuer wie die von Kohle.
Abnehmender Anteil der Kohle für die Stromerzeugung
Globaler Kohlebedarf in Megatonnen, Anteile für die Stromerzeugung (rechte Skala)
Kurzfristige Erleichterung kann Kostennachteile nicht kompensieren
Über eine halbe Milliarde USD investiert die amerikanische Regierung neu in den Kohlesektor. Ein Grossteil der Gelder fliesst in die Nachrüstung alter Kohlekraftwerke. Kurzfristig könnte das angesichts des steigenden US-Strombedarfs tatsächlich etwas Erleichterung für das strapazierte Netz bedeuten. Langfristig sind hingegen auch in den USA die Stromgestehungskosten von Kohlekraftwerken etwa doppelt so hoch wie bei der Stromerzeugung mit Photovoltaik und Onshore-Windkraft. Zudem ist in den USA Gas deutlich günstiger als Kohle. Auf lange Sicht lohnt sich die Investition in die Kohlebranche also nicht. «Kohlen nach Newcastle tragen» lautet ein englisches Sprichwort für eine überflüssige Handlung, da Newcastle upon Tyne über viele Jahrhunderte ein bedeutendes Bergbaugebiet war. In den letzten Jahren ist selbst dort die Kohleförderung überflüssig geworden. 2024 hat Grossbritannien die Kohleverstromung endgültig beendet.