Zum Hauptinhalt springen

Hat die Kohle etwa doch eine Zukunft?

Lange galt die Strom­erzeugung durch Kohle als Auslauf­modell, von dem sich immer mehr Industrie­länder verabschiedeten. Kommt es nun angesichts steigendem Strombedarfs und einer neuen Akzeptanz für fossile Rohstoffe zu einer Umkehr dieses Trends?

Text: Silke Humbert

A piece of coal is illuminated by the sun at the Zollverein UNESCO World Heritage Site in Essen, Germany, on January 22, 2026. The pit and surrounding establishments are among the largest sites in Europe for coal and steel production until the 1980s and are declared a UNESCO heritage site. (Photo by Emmanuele Contini/NurPhoto via Getty Images)
Kohle boomt lokal, verliert aber global an Bedeutung (Bild: Getty Images)

Der Ausspruch «Drill, baby, drill!» hat mit «Mine, baby, mine!» einen kleinen Bruder bekommen. Kohle gilt in den Industrie­ländern als Auslaufmodell – doch könnte es im Zuge steigender Strom­nachfrage tatsächlich zu einem Revival der Kohle kommen?

Absolute Zunahme von Kohle….

Man kann nicht über Kohle schreiben, ohne auf China einzugehen. Während die Nachfrage nach Kohle in der EU und notabene auch in den USA in den letzten 25 Jahren um 60 Prozent gesunken ist, stieg der Kohle­verbrauch in China im gleichen Zeitraum um fast 300 Prozent an. Kohle wird heutzutage grössten­teils für die Stromerzeugung benutzt. Und der Strom­bedarf ist in China im Vergleich zu den westlichen Ländern rasant gestiegen: Von 2000 bis 2024 hat er sich im Reich der Mitte versiebenfacht. Um seinen immensen Strombedarf zu decken, ist China zweigleisig gefahren und hat neben erneuer­baren Energien auch auf Kohle­kraftwerke gesetzt. Schliesslich sind die Kosten für die Kohle­verstromung in China tief, auch weil es den Grossteil seiner Kohle selbst fördert. Global sind im Jahr 2025 etwa 8.85 Milliarden Tonnen Kohle verbraucht worden – so viel wie noch nie zuvor.

… steht relativer Abnahme bei der Stromer­zeugung gegenüber

Der wachsende Strom­verbrauch beschränkt sich nicht nur auf China, sondern betrifft die ganze Welt. Es ist allerdings nicht davon auszugehen, dass der steigende Strombedarf vermehrt durch Kohlekraft­werke gedeckt werden wird. Wie ein Blick zurück zeigt, stieg der Anteil erneuerbarer Energien bei der weltweiten Stromer­zeugung stetig an (vgl. Grafik). Gleichzeitig sank der Anteil an Kohle zur Stromer­zeugung graduell. Vermutlich wurde im Jahr 2025 erstmals weniger Strom mit Kohle erzeugt als mit erneuerbaren Energien. Ein Blick auf die Kosten macht das verständlich: Global gesehen sind die durchschnittlichen Stromgestehungs­kosten (LCOE) von Photovoltaik und Windkraft­anlagen an Land mittlerweile nur noch halb so teuer wie die von Kohle.

Abnehmender Anteil der Kohle für die Strom­erzeugung

Globaler Kohlebedarf in Megatonnen, Anteile für die Strom­erzeugung (rechte Skala)

Quellen: Zürcher Kantonalbank, IEA (Zahlen für 2025 sind Schätzungen)

Kurzfristige Erleichter­ung kann Kosten­nachteile nicht kompensieren

Über eine halbe Milliarde USD investiert die amerikanische Regierung neu in den Kohlesektor. Ein Grossteil der Gelder fliesst in die Nachrüstung alter Kohlekraft­werke. Kurzfristig könnte das angesichts des steigenden US-Strombedarfs tatsächlich etwas Erleichterung für das strapazierte Netz bedeuten. Langfristig sind hingegen auch in den USA die Stromgestehungs­kosten von Kohlekraft­werken etwa doppelt so hoch wie bei der Strom­erzeugung mit Photo­voltaik und Onshore-Windkraft. Zudem ist in den USA Gas deutlich günstiger als Kohle. Auf lange Sicht lohnt sich die Investition in die Kohle­branche also nicht. «Kohlen nach Newcastle tragen» lautet ein englisches Sprichwort für eine überflüssige Handlung, da Newcastle upon Tyne über viele Jahrhunderte ein bedeutendes Bergbau­gebiet war. In den letzten Jahren ist selbst dort die Kohle­förderung überflüssig geworden. 2024 hat Grossbritannien die Kohle­verstromung endgültig beendet.

Kategorien

Anlegen