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Von blanken Banken zu neuen Chancen

Der europäische Finanz­markt hat strukturelle Veränderungen durchlebt. Europäische Banken verdienen endlich wieder Geld. Was dies für Anlegerinnen und Anleger bedeutet, erfahren Sie im Beitrag von Anlage­spezialist Jens Schweizer.

Text: Jens Schweizer

Bild: Getty Images

Haben Sie sich beim sinnierenden Enten­füttern auf einer Parkbank schon einmal gefragt, was Ihnen fehlt im Leben? So ging es vergangenes Jahr auch Investoren, die europäische Banktitel nicht länger auf die lange Bank schieben wollten. Die Geldhäuser entwickelten sich vom langjährigen Sorgen- zum Lieblingskind der Anleger, gewohnt überspitzt formuliert von der «Banca non grata» zum hofierten Portfolio-Ehrengast. 

Rückkehr der Profitabilität: Zins- und Kommissions­geschäft im Fokus

Europäische Banken haben nämlich das Geldverdienen wieder gelernt. Dies zeigt sich an den branchenweit steigenden Gewinnen und Eigenkapital­renditen. Die Gewinne sprudeln vor allem im Zins- und Kommissionsgeschäft. Im Zinsgeschäft wird an der Zinsdifferenz zwischen den kurzfristigen Einlagen und längerfristigen Krediten verdient. Die endlich wieder nach oben verlaufende Zins­kurve und das positive Zinsniveau führen zu steigenden Margen im für europäische Banken wichtigen Zins­geschäft. Dazu kommt, dass sich die Kredit­vergabe durch die wieder besseren wirtschaftlichen Aus­sichten belebt. Die Erträge aus dem Kommissions­geschäft profitieren von den zwar anhaltend volatilen, aber aufwärts­strebenden Finanz­märkten, die die in den letzten Jahren ausgebauten Vermögensverwaltungs­dienstleistungen und den Wertschriften­handel begünstigen. Das europäische Banken­system ist auch gesünder aufgestellt, da Lehren aus der Finanz- und Schulden­krise gezogen wurden. Der Anteil notleidender Kredite ist tief, und die Kapital- und Liquiditäts­ausstattungen sind ausgiebig. 

Herausforderungen am Horizont: Staats­verschuldung und technologische Disruption

Europäische Banken haben aber auch weiterhin offene Flanken. Zu den Herausforderungen zählt sicherlich die rasant steigende öffentliche Verschuldung. Von einer erneuten Staatsschulden­krise oder einer unerwartet schwachen wirtschaftlichen Entwicklung wären Banken mehrfach betroffen. Nebst einer wieder unvorteilhaften Zinssituation, schwächeren Kreditbüchern und abnehmenden Kommissions­erträgen würden die Sicher­heiten der Banken an Wert verlieren, da sie in Zentralbank­guthaben oder meist Staats­anleihen hinterlegt sind. Auch technologische Entwicklungen wie künstliche Intelligenz (KI), Blockchain und Quantencomputer bergen sowohl Chancen als auch Risiken. Während sie langfristig die Produktivität steigern dürften, könnten sie kurzfristig disruptive Auswirkungen haben. Dazu kommt, dass zwar eine Bankenunion in Europa besteht, der Markt dennoch weiterhin fragmentiert ist und von nationalen Bestrebungen dominiert wird. Im Banken­geschäft ist Grösse immer wichtiger, was damit zum Nachteil werden kann. Um Banken ranken sich doch noch einige Mythen, und europäische Banktitel waren in Vergangenheit deshalb auch volatiler als der breite europäische Aktienmarkt, ihre Sektorgenossen, die Versicherungen, und Papiere amerikanischer Banken. 

Europäische Banken sind durch den letztjährigen Kursanstieg in Relation zur eigenen Historie durchschnittlich, aber gegenüber dem Gesamtmarkt immer noch günstig bewertet. Auch die Gewinnwachstums­erwartungen stiegen beträchtlich und mussten von Finanz­analysten kontinuierlich und zum Teil stark nach oben korrigiert werden. Die Kassen sind gut gefüllt für Übernahmen oder aktionärs­freundliche Aktivitäten. Die Dividenden­rendite fiel zwar unter 4%, was unter dem Durchschnitt der letzten Jahre von über 5% liegt, ist aber weiterhin um einiges höher als bei den US-amerikanischen Pendants und dem europäischen Gesamtmarkt. 

Gesamthaft spricht einiges für eine weitere anlegerseitige Rehabilitierung europäischer Banken. Ob die Dynamik so ausgeprägt weitergehen kann, ist jedoch zu bezweifeln. Entscheidend für die zukünftige Entwicklung wird die Zins­situation sein. Eigentlich paradox, dass Banken, die für ihr Geschäfts­modell auf Vertrauen setzen, am Aktien­markt lange kein Vertrauen entgegen­gebracht wurde. Europäische Institute sind aber keine blanken Banken mehr, sondern verdienen wieder Geld, wieso also nicht daran teilhaben?

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