Frei erfunden: Das Chamäleon

Die Schriftstellerin Simone Lappert schreibt über blasse Egos und bunte Tattoos, schreiende Farben und stille Taten.

Text: Simone Lappert / Illustration: Dario Forlin | aus dem Magazin «ZH» 1/2022

Illustration zur Kurzgeschichte von Simone Lappert

Lydia sortierte das Gebäck in der Vitrine nach Farben, so gefiel es ihr am besten. Ausser ihr war niemand im Café, nur Hedi Locher sass draussen, die Rentnerin aus dem Haus gegenüber, die jeden Morgen um kurz nach elf einen Cappuccino bestellte und ihn unter der Markise trank, in ihrer knallroten Jacke, egal bei welchem Wetter, bis kurz nach zwölf, wenn die ersten Mittagsgäste eintrudelten.

Lydia hielt das Gesicht in die blasse Frühlingssonne, die den Bäumen nach und nach ihr Grün entlockte, die Kletteraprikose an der Fassade gegenüber wagte sogar schon erste Blüten. Wenigstens die hatten sie stehen lassen, die Männer, die das leer stehende Lokal übernommen hatten. Die Fassade war jetzt neongelb und stach schreiend zwischen den pastellgelben Altstadthäusern hervor, die grüne Holzbank hatte dem Parkplatz für einen Sportwagen weichen müssen. Im Life & Style verkauften sie Proteinpräparate, Bartpflegeprodukte und Whisky, im hinteren Teil des Ladens konnte man sich Tattoos stechen lassen. Nachmittags dröhnten Elektrobeats aus dem Laden und verscheuchten die Vögel, je nach Wind auch die Gäste im Café. Bestimmt würden sie heute wieder kommen und sich aufspielen, die beiden Besitzer, zwei arrogante Mittvierziger in Jacketts und weissen Turnschuhen, mit Pomade im Haar und Tattoos bis hinter die Ohren, ihr ganzes Auftreten brüllte: Winterthur ist zu klein für uns, wir gehören nach New York!

Allmählich füllte sich das Café, und obwohl jetzt auch auf der Terrasse die meisten Tische besetzt waren, beobachtete Lydia, wie Hedi Locher wider Erwarten am Wasserspender ihr Glas nachfüllte und im Zeitschriftenständer nach einer zweiten Zeitung suchte. «Yo.» Jemand schnippte mit den Fingern vor Lydias Gesicht. «Wir warten schon ewig.» Einer der Besitzer vom Life & Style stand vor ihr, es war der mit dem Bart, der fiesere von beiden. Er rollte die Ärmel hoch und entblösste die Brüste einer Meerjungfrau, Sterne, eine Schlange und irgendwas mit Flammen, sein Blick liess sich auf Lydias Dekolleté nieder. «Ihr wisst genau, dass hier Selbstbedienung ist», sagte Lydia und trug hastig die Bestellung zusammen, zwei Spinatquiches und zwei grosse Biere. Mittlerweile stand auch der bartlose Lifestyler am Tresen und musterte sie. «Wie wär’s mit einem Lächeln», sagte er. Lydia ignorierte ihn. «Macht 26.60.» «Bisschen viel für ein Lächeln», sagte der Bärtige, «aber ich geb dir 200, wenn du die Haare aufmachst, mein Freund hier würde dich so gerne mal mit wilder Mähne sehen.» Lydia knallte die Teller mit den Quiches auf den Tresen. «Na komm, du brauchst doch das Geld.» Lydia spürte, wie sie vor Wut errötete. «26.60», wiederholte sie. «Och», sagte der Typ, «guck, jetzt wird sie rot, wie ein prüdes Chamäleon.»

Demonstrativ setzten die beiden sich vor Lydia an die Theke. «Apropos» – der mit dem Bart zog eine Zeichnung aus der Tasche und zeigte sie seinem Kumpel. Es war ein handtellergrosses Chamäleon. Offenbar die Vorlage für ein Tattoo, das er morgen einem weltberühmten DJ aus Paris stechen sollte, ein exklusives Unikat, so viel bekam Lydia zwischen den Bestellungen mit. «Das wird unser Durchbruch», sagte der Bärtige und machte eine Siegerfaust. Dass die beiden selbst unsichere Chamäleons waren, dachte Lydia. Wie sie sich aufplusterten und versuchten, andere mit ihrer bunten Haut einzuschüchtern. Eigentlich mochte Lydia Tattoos, sie hatte sogar mal überlegt, sich am Knöchel eines stechen zu lassen. Aber die beiden versteckten unter all den Symbolen nichts als blasse Egos. Die Angst, bedeutungslos zu sein, unsichtbar.

Illustration zur Kurzgeschichte von Simone Lappert

Nach dem Mittag wurden die Bässe von drüben im Zehnminutentakt lauter. Es war kaum auszuhalten. Gegen halb drei sass nur noch Hedi Locher auf ihrem Stuhl, mittlerweile mit der vierten Zeitung. Lydia hatte genug. Sie legte die Schürze ab und stürmte hinüber zum Life & Style. Als sie vor dem Schaufenster stand, entdeckte sie darin die Zeichnung des Chamäleons. Plötzlich hatte sie eine Idee. Die beiden hatten recht. Sie war ein Chamäleon. Jedenfalls für Typen wie diese. Für die waren Frauen an sich unsichtbar, sie nahmen sie gar nicht wirklich wahr, und wenn, dann nur als Mittel zum Selbstzweck, als gesichtsloses Publikum hinter den grellen Scheinwerfern, die ihre Egos auf sich selber richteten.

Lydia hielt den Atem an und betrat den Laden. Der eine Besitzer drehte sich eine Zigarette, der andere fummelte an der Musikanlage. Flink und zielsicher wie eine Echsenzunge schnellte Lydias Hand in den Hohlraum hinter der Schaufensterscheibe und riss das Chamäleon von den Reisszwecken. Ratsch. Kaltblütig. Und tatsächlich: unbemerkt.

Schnell ging sie zurück zum Café, das Blatt unter der Jacke an die Brust gepresst. Als sie auf der Terrasse ankam, stand Hedi Locher auf, fal­tete die Zeitung zusammen und nickte ihr zu, wie man nach getaner Arbeit nickt. Sie schob den Stuhl zurück. «Bis morgen», sagte sie und tätschelte im Vorbeigehen Lydias Schulter, «morgen wird es schöner.» Sie richtete ihren Kragen und ging mit kleinen Schritten über die Strasse. Die Bässe von drüben verstummten nun und wichen wütendem Gebrüll. Erst jetzt fiel Lydia auf, dass Hedi Lochers Jacke vom morgendlichen Knallrot in ein sattes Lila übergegangen war.

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