Frei erfunden: «Danke, Mirco»

Ein Schulfreund hielt Autor Thomas Meyer einst von einer gefährlichen Mutprobe ab. Nun bedankt er sich bei ihm.

Text: Thomas Meyer / Illustration: Luca Schenardi | aus dem Magazin «ZH» 3/2021

Illustration eines Mannes, der sich aussen ans Geländer einer Brücke klammert

1983, ich war damals neun Jahre alt, bin ich mit meiner Familie von Mellingen im Kanton Aargau nach Wädenswil im Kanton Zürich gezogen. Für mich war es kein Gewinn: Meine neue Lehrerin war eine schon ältere, bösartige Frau, die einen beim geringsten Fehler an den Haaren riss oder eine Kopfnuss verteilte, beides gern aus dem Hinterhalt. Und die meisten meiner neuen Klassenkameraden überboten sich darin, so furchtlos und männlich zu sein wie Colt Sievers, der Stuntman und Detektiv der damals populären Serie «Ein Colt für alle Fälle».

Ich war der kleinste, dünnste und bleichste der Jungs und konnte schon deshalb nicht mit­halten. Erst recht nicht, als die anderen zu masturbieren begannen und aufgeregt davon berichteten, ich aber noch nicht so weit war. Trotzdem wollte ich dazugehören, doch ich erzählte so übertrieben von meinem ersten Orgasmus, dass ich aufflog.

Mein Schulweg führte vom Hangenmoos-Quartier über den «Am Gulmenbach» genannten Fussweg zu einem ziemlich tiefen Tobel, in dem besagter Bach fliesst und über das eine Brücke führt. Jeden Tag überquerte ich sie; zweimal, wenn ich nur morgens Schule hatte, und viermal, wenn auch am Nachmittag Unterricht war.

Meine Kameraden erfanden damals dauernd sogenannte Mutproben, und eines Tages kam einer von ihnen auf die Idee, es wäre eine besonders harte Prüfung, die Brücke über das Gulmentobel von aussen zu überqueren, also am einen Ende über das Geländer zu klettern und auf dem kleinen Vorsprung, auf dem man aussen mit dem halben Fuss abstehen konnte, auf die andere Seite zu gelangen – etwa zwanzig Meter über dem steinigen Bachbett. Es war völlig leichtsinnig und enorm gefährlich, aber genau deshalb für ein paar der Jungs so reizvoll, dass sie es tatsächlich machten. Danach waren sie natürlich die unanfecht­baren Könige der Coolness, wobei das Wort «cool» damals noch gar nicht geläufig war. Ich glaube, wir sagten «gent», gesprochen «tschent», wenn wir von etwas beeindruckt waren.

Illustration von Turnschuhen

Während ich gebannt zusah, wie sich die anderen mit weit aufgerissenen Augen seitwärts Schritt für Schritt von aussen über die ungefähr fünfzig Meter lange Brücke arbeiteten, überlegte ich, es auch zu tun. So könnte ich endlich das langersehnte Ansehen der Gruppe erlangen. Mit Selbstbefriedigung brauchte ich ja nicht mehr zu prahlen. Und mein versuchter Kopfsprung vom Dreimeterbrett hatte laut und schmerzhaft auf dem Bauch geendet.

Einer meiner Schulkameraden hiess Mirco. Nachdem wieder einer von uns die Brücken-Mutprobe hinter sich gebracht und damit anerkennendes Schulterklopfen geerntet hatte, gesellte sich Mirco auf dem restlichen Heimweg zu mir und sagte, ich solle sie keinesfalls versuchen. Es sei zu gefährlich. Und Mutproben seien sowieso doof. Ich erinnere mich an die kurze Begegnung mit ihm, als wäre es letzte Woche gewesen. Ich sehe ihn noch genau vor mir, mit seinen halblangen dunklen Haaren.

Möglicherweise verdanke ich Mirco mein Leben. Ich bin ziemlich sicher, dass ich ohne seine Warnung ebenfalls über das Brückengeländer geklettert wäre, und vermutlich hätte ich mich so ängstlich daran festgeklammert beim Versuch, auf die andere Seite zu gelangen, dass mich auf halbem Weg die Kraft in den Armen verlassen hätte. Und wer weiss, ob die anderen so geistesgegenwärtig gewesen wären, mich noch festzuhalten.

Ich liess es also bleiben und versuchte mich damit abzufinden, nicht mutig, nicht bewundert und nicht geachtet zu sein. Es fiel mir schwer, denn wenn man klein, dünn und bleich ist, finden sich auch immer Leute, die glauben, einen darauf hinweisen zu müssen, bis man irgendwann glaubt, es seien tatsächliche Makel.

Die Brücke über das Gulmentobel habe ich nach dem Ende der 6. Klasse nie mehr betreten. Ich ging danach ins Gymnasium nach Zürich, und mein Schulweg bestand nun daraus, an der Haltestelle Hangenmoos auf das Postauto mit den rie­sigen Rädern zu warten, damit zum Bahnhof Wädenswil zu fahren und mit der brandneuen S-Bahn weiter nach Zürich. Wobei wir der Einführung der Doppelstockzüge noch wochenlang entgegenfiebern mussten – zunächst waren die uralten, verrauchten Triebwagen einfach mit einer Tafel hinter der Windschutzscheibe als «S2» bezeichnet. Das war nicht, was wir uns unter einer modernen S-Bahn vorstellten. Eines Morgens war es dann so weit; von Richterswil her glitt ein dunkelblau glänzender fabrikneuer Zug daher, und natürlich rannten wir sofort hinauf in die obere Etage.

Auf einem Foto im Internet ist zu sehen, dass die Gulmenbrücke jetzt ein zusätzliches, hohes und breites Geländer hat. Und wie erschreckend niedrig das bisherige ist. Kein Wunder, kamen Zehnjährige auf die Idee, da drüberzuklettern. Ein kleines Wunder ist aber, dass einer von ihnen es nicht tat, weil ein anderer ihn davon abhielt.

Danke, Mirco.

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