SNB: Vorerst keine Zinserhöhung
Trotz starkem Wachstum und schwächerem Franken hält die SNB am Nullzins fest – was das für die künftige Entwicklung der Zinsen und Renditen bedeutet.
Text: David Marmet und Elias Hafner
Unveränderte Zinspolitik trotz vorhandenem Handlungsspielraum
Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat heute entschieden, ihren Leitzins unverändert bei 0% zu belassen. Dies ist wenig überraschend, hatten doch im Vorfeld alle befragten Ökonomen mit diesem Entscheid gerechnet. Dabei hätte die SNB durchaus einen gewissen Handlungsspielraum gehabt. Erstens ist die Schweizer Wirtschaft im 2. Quartal 2026 so stark gewachsen wie letztmals in der Nach-Covid-Zeit vom Herbst 2021. Sowohl der Privatkonsum als auch die Investitionen verzeichneten solide Zuwächse. Die wichtigsten konjunkturellen Frühindikatoren signalisieren zudem ein positives Wirtschaftswachstum für die nächsten Monate, wenn auch mit abgeschwächter Dynamik. Zweitens schwächt sich der Schweizer Franken seit einem halben Jahr gegenüber wichtigen Währungen ab. Handelsgewichtet hat er seit der letzten geldpolitischen Lagebeurteilung der SNB vom 18. Juni um über 2% an Wert verloren. Dies nicht zuletzt, weil die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins erhöht hat und die Zinsdifferenz inzwischen bei 250 Basispunkten liegt. Dies bedeutet den höchsten Wert seit Bestehen der Einheitswährung. Drittens steigen die Konsumentenpreise auch in der Schweiz. Der Anstieg der Teuerung im August war deutlich stärker als von den Marktteilnehmern erwartet.
Und dennoch hat die SNB ihren Leitzins nicht angehoben – unserer Ansicht nach zurecht. Der zentrale Grund dafür ist ihre aktuelle Einschätzung zur mittelfristigen Inflationsentwicklung mit einer nur leichten Anhebung der Inflationsprognose. Ging die Notenbank im Juni noch davon aus, dass die Teuerung 2027 bei unverändertem Leitzins bei 0.6% und im Jahr 2028 bei 0.7% zu liegen kommen würde, erwartet sie nun eine Inflationsrate sowohl für 2027 als auch für 2028 von 0.8%. Die Prognose befindet sich über den gesamten Zeitraum im Bereich der Preisstabilität. Die Gefahr, dass es aufgrund der erhöhten Teuerung bei der Energie zu Zweitrundeneffekten kommen könnte, wird in der SNB-Medienmitteilung nicht thematisiert. In der Vergangenheit hatte die SNB ihren Leitzins erst dann angehoben, wenn die Inflationsprognosen gegen den oberen Rand des Zielbandes tendierten. Dies ist aktuell nicht der Fall.
Aufgeschoben ist nicht aufgehoben
Die dargestellten Gründe, dass die SNB durchaus Spielraum für Zinserhöhungen hat, gelten mit dem heutigen Entscheid umso mehr. Wie die SNB in ihrer Medienmitteilung schreibt, geht sie davon aus, dass die Weltwirtschaft über die kommenden Quartale moderat wachsen wird. Und auch für die Schweizer Wirtschaft erwartet sie ein moderates Wachstum. Die monetären Bedingungen sind aufgrund der Frankenabschwächung in den letzten Monaten lockerer geworden. Da die Zinsdifferenz zur Eurozone und zu den USA historisch überdurchschnittlich hoch bleibt, wird der Schweizer Franken mittelfristig nur leicht aufwerten. Die importierte Inflation wird das Schweizer Preisniveau stützen. Dies spricht dafür, dass die bisherige expansive Geldpolitik nicht mehr nötig sein wird. Unserer Ansicht nach öffnet sich für die SNB ein Zeitfenster, um erste Schritte in Richtung einer Normalisierung der Geldpolitik einzuleiten.
Neu gehen wir davon aus, dass die SNB bei ihrer geldpolitischen Lagebeurteilung im März 2027 dieses Zeitfenster nutzt, um einen ersten Zinsschritt anzukündigen. Den eingeleiteten Normalisierungsprozess dürfte sie anschliessend bis September 2027 fortführen. Wir rechnen im nächsten Jahr mit drei Zinsschritten von jeweils 25 Basispunkten. Mit einem Zinsniveau von 0.75% wäre die Geldpolitik wohl immer noch leicht expansiv, aber bereits recht nahe am neutralen Gleichgewichtszins. Und dies gäbe der SNB den nötigen Spielraum, um bei konjunktureller Eintrübung, bei geopolitischen Verwerfungen oder bei Marktturbulenzen den Leitzins zu senken, ohne die unpopuläre Negativzinspolitik implementieren zu müssen.
Renditen der Schweizer Staatsanleihen werden steigen
Ausgehend von einem im internationalen Vergleich tiefen Niveau, bedeuten die Normalisierungsschritte der SNB für die Renditen mittelfristig Aufwärtsdruck. Zwar werden am Terminmarkt im Verlauf des nächsten Jahres Zinserhöhungen in einem gewissen Umfang vorweggenommen, wir gehen jedoch mittelfristig nicht von einer deutlichen Verflachung der Zinskurve aus. Gleichzeitig hat über die letzten Wochen und Monate die Differenz zum globalen Renditeniveau nochmals zugenommen, insbesondere auch zum europäischen Ausland. Zumindest in der Vergangenheit konnte sich die Schweizer Zinslandschaft nicht gänzlich von einem deutlichen Anstieg bei den Renditen im Ausland entziehen. Konkret erwarten wir neu bei den zehnjährigen Schweizer Staatsanleihen einen Anstieg der Rendite bis Ende 2026 auf 0.6% (bisher 0.4%) und auf Sicht von zwölf Monaten auf 1.0% (0.4%). Der Aufwärtsdruck dürfte sich entsprechend auf die übrigen Sätze auf dem CHF-Kapitalmarkt übertragen.