Das einstige Armenhaus Europas
Die Schweiz erlebte im 19. Jahrhundert eine Auswanderungswelle aufgrund von Armut und Perspektivlosigkeit. Heute ist sie dank wirtschaftlicher Stärke ein begehrtes Ziel für Zuwanderer aus Europa.
Text: Rolando Seger
Mit der schrittweisen Einführung der Personenfreizügigkeit stieg die Zuwanderung in die Schweiz ab dem Jahr 2002 kontinuierlich an. Bürgerinnen und Bürger aus der EU und den EFTA-Staaten mit gültigem Arbeitsvertrag durften hier arbeiten und leben. Besonders viele Zuwanderer kamen aus Deutschland, Italien, Portugal und Frankreich. Für hochqualifizierte Fachkräfte in den Sektoren Finanzwirtschaft, Technologie, Gesundheitswesen und Pharmaindustrie war und ist die Schweiz ein attraktives Ziel. Seit dem Jahr 2000 wuchs die Einwohnerzahl in der Schweiz von etwa 7,2 Millionen auf über 9 Millionen. Der Grossteil dieses Wachstums geht auf die Arbeitsmigration zurück.
Für viele ist es heute kaum vorstellbar, dass die Schweiz einmal schwere Zeiten erlebte, in denen die Menschen das Land in Scharen verliessen. Die Auswanderungswelle im 19. Jahrhundert war eine Folge von Armut, wirtschaftlicher Not, Überbevölkerung in ländlichen Gebieten, Missernten und Hungersnöten. Die landwirtschaftlichen Flächen reichten nicht aus, um alle Menschen zu ernähren, und Arbeitsplätze gab es auch nicht genug. Die einsetzende Industrialisierung führte zu einem Strukturwandel, durch den traditionelle Berufe verdrängt wurden. Viele Landwirte und Handwerker verloren so ihre Lebensgrundlage.
Soziale Absicherung gab es kaum und die Menschen waren auf sich allein gestellt. Zudem herrschten politisch und gesellschaftlich instabile Verhältnisse, was ebenfalls dazu beitrug, dass viele Menschen in der Hoffnung auf ein besseres Leben in Übersee ihre Schweizer Heimat verliessen. Kommunen, die für den Lebensunterhalt ihrer verarmten Bürger aufkommen mussten, beteiligten sich sogar an den Kosten für deren Auswanderung, um sich zukünftiger Fürsorgeverpflichtungen zu entledigen.
Die Auswanderungswelle
Allein im Jahr 1888 verliessen über 31'000 Menschen die Schweiz. Bevorzugte Auswanderungsziele waren die USA, Kanada, Argentinien und Brasilien. Diese Länder warben sogar aktiv um Einwanderer, versprachen günstiges Land, Arbeitsmöglichkeiten und ein besseres Leben in Wohlstand. Besonders in den USA lockte der «American Dream». Viele Auswanderer liessen sich im Mittleren Westen der USA nieder, um der Armut und Perspektivlosigkeit in der Schweiz zu entfliehen. Zum Beispiel in Ohio, Wisconsin und Illinois, wo sie sich als Farmer neue Existenzen aufbauten. Auf der Suche nach Arbeit und einem neuen Leben zog es Emigranten aber auch nach Frankreich und Deutschland. Oft folgten weitere Menschen ihren ausgewanderten Verwandten oder Bekannten, die in der Ferne bereits Fuss gefasst hatten. Die dadurch gewachsenen Netzwerke erleichterten die Auswanderung für die Nachkommenden enorm. Lokal entstanden in der Folge ganze Dorfgemeinschaften und Kolonien, in denen Landessprachen und Schweizer Traditionen noch bis heute gepflegt werden.
Die «fünfte Schweiz»
Erst um die Jahrhundertwende nahm die Auswanderung allmählich ab, da sich die wirtschaftliche Lage in der Schweiz verbesserte und die fortschreitende Industrialisierung sowie die Urbanisierung neue Arbeitsmöglichkeiten boten. Die Gemeinschaft der im Ausland lebenden Schweizerinnen und Schweizer wird als «fünfte Schweiz» bezeichnet und wächst stetig. Laut «Swissinfo» lebten Ende 2024 knapp 827'000 Schweizer Staatsangehörige im Ausland, was etwa 11,2 % der gesamten Schweizer Bevölkerung entspricht. Etwa zwei Drittel davon wohnen heute in Europa. Zu den beliebtesten Ländern gehören Frankreich, Deutschland, Italien, Grossbritannien und Spanien.