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Europäische Automobil­industrie: Zwischen Hammer und Amboss

Die Gewinne europäischer Autobauer sind in den letzten zwei Jahren stark eingebrochen, als wäre der Konjunktur­motor erheblich ins Stottern geraten. Neben den bestehenden Heraus­forderungen spiegelt dies aber auch die eingeleiteten strategischen Gegen­massnahmen wider.

Jens Schweizer und Felix Jäger

(Getty Images)

Was passiert, wenn Sie bei Ihrem Verbrennerfahrzeug in voller Fahrt den Rückwärtsgang einlegen? Die europäische Autoindustrie hat dies gerade schmerzlich erfahren: Es knirscht gewaltig im Getriebe! Ausgelöst durch eine Kombination aus eigenen strategischen Versäumnissen und ambitionierten politischen Vorgaben durchleben die Autobauer schwierige Zeiten.

Europäische Autobauer verpassten es, die Technologieführerschaft auch in der E-Mobilität zu erlangen, und gerieten in der Folge zwischen Hammer und Amboss von Regierung und Realität. Der im Hinblick auf Elektrifizierung fehlzündenden Industrie wurde mit einem Verbrennerverbot und Emissionsstrafzahlungen ein ehrgeiziger und alternativloser Richtungswechsel auferlegt. Kapazitäten wurden rasch und kostspielig hauptsächlich in der Elektromobilität aufgebaut.

Genau dann dämpfte jedoch eine Vertrauenskrise die Nachfrage nach Elektroautos, sie wurde zum Kolbenklemmer für die Industrie. Dies zwang die Autobauer, bei Absatzzahlen, die immer noch unter dem Niveau von vor der Coronapandemie lagen, in voller Fahrt den strategischen Rückwärtsgang einzulegen und wieder aufwändig in Kapazitäten für Hybridfahrzeuge und Verbrenner zu investieren. Daneben entwickelt sich eine weitere existentielle Herausforderung: Chinas Autobauer verdrängen die Europäer aus ihrem Heimmarkt und preschen selbst auf den europäischen Markt vor. Chinas Autobauer sind auf der technologischen Überholspur vorbeigezogen und haben staatlich subventionierte Überkapazitäten geschaffen, die nun ausserhalb des Reichs der Mitte verkauft werden sollen. Protektionistische Massnahmen und moralische Vorbehalte werden zwar verhindern, dass hiesige Verbraucher in Scharen ins chinesische Lager wechseln, doch die Margen geraten weiter unter Druck.

In Europa besitzen zwischen 70-90 % der erwachsenen Personen einen Führerschein und knapp 300 Millionen Fahrzeuge fahren auf den Strassen. Der Individualverkehr ist ungebrochen beliebt und das Marktpotenzial damit beträchtlich.

Jens Schweizer, Anlagespezialist

Diese strukturellen Ereignisse haben sich auch in den Aktienkursen und den Gewinnen europäischer Autobauer und Zulieferer niedergeschlagen. Die Performance des Branchenindex Stoxx Europe 600 Auto & Parts war in den letzten zwei Jahren weniger als halb so gut wie beim breiten Stoxx Europe 600 Index und entwickelte sich entgegen dem Gesamtmarkt negativ. Die Gewinne pro Aktie sind in den letzten zwei Jahren so rasant geschrumpft, wie man es sonst nur in grösseren konjunkturellen Krisen beobachtet. Davon sind wir aktuell allerdings weit entfernt.

Aus Unternehmens- und Anlegersicht stellt dieser Strukturwandel aber auch eine Chance dar. Europäische Autobauer haben nämlich bereits strategische Anpassungen eingeleitet, beispielsweise die antriebsstrangunabhängigere Produktion, umfangreiche Kostensparprogramme und Redimensionierungen. Dies wird zwar weitere Entlassungen und Geschäftsaufgaben zur Folge haben, aber die Autobauer werden wieder in der Lage sein, Geld zu verdienen. Die Unternehmensgewinne haben sich in den letzten Monaten auch bereits stabilisiert. Die Bewertungen widerspiegeln dies aber noch kaum, da viel Unsicherheit eingepreist ist. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis liegt bei historisch tiefen 0.6. Der Kurswert der Unternehmen liegt deutlich unter dem theoretischen Substanzwert. Auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt unter dem langfristigen Mittel. Alle im Branchenindex Stoxx Europe 600 Auto & Parts enthaltenen Titel werden von Analysten mehrheitlich positiv oder neutral eingestuft. Es scheint, als markiere das Jahr 2025 einen Tiefpunkt.

Was zwischen Hammer und Amboss gerät, zerspringt entweder oder wird neu geformt und dabei gehärtet. Der europäische Autosektor durchlebt tiefgreifende Veränderungen, bringt sich dadurch aber auch wieder in Position, um Geld zu verdienen. Einen Spurhalteassistenten gibt es jedoch nicht. Fahren Sie also besser auf Sicht.

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