Indien: Das nächste China?

Das südasiatische Land umfasst die zweitgrösste Bevölkerung der Welt und verfügt über die Grundvoraussetzung, China als globalen Produktionsstandort im niedrig qualifizierten Bereich abzulösen. Um das enorme Potenzial entfalten zu können, sind jedoch umfangreiche Reformen notwendig. Erfahren Sie mehr im Beitrag von Marina Zech, Senior Economist Emerging Markets bei der Zürcher Kantonalbank.

Text: Marina Zech

Industriearbeiter in Indien
Während andere Länder im Laufe ihres wirtschaftlichen Aufstiegs den Strukturwandel vom Landwirtschafts- zum Industrie- und schliesslich zum Dienstleistungssektor durchlaufen, hat Indien die sekundäre Stufe quasi ausgelassen. (Bild: Getty)

Dank des beträchtlichen Humankapitals konnte sich China als Werkbank der Welt etablieren und zur zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen. Mittlerweile hat das Reich der Mitte aber an Wettbewerbsfähigkeit eingebüsst und ist vor allem im gering qualifizierten Industriebereich harter Konkurrenz ausgesetzt. Hinzu kommt, dass im geopolitisch aufgeladenen Umfeld in den vergangenen Jahren das Bedürfnis nach einer demokratischen Alternative zu China gewachsen ist. Als grösste Demokratie der Welt erscheint Indien auf den ersten Blick eine geeignete Option zu sein.

Bevölkerungstechnisch kann das südasiatische Land locker mithalten. China umfasst mit 1'423 Millionen nur wenig mehr Einwohner. Zudem profitiert das Land von der demografischen Dividende, also einer jungen und wachsenden Bevölkerung. Doch das koloniale und sozialistische Erbe hat seine Spuren hinterlassen. Reformbemühungen haben aktuell einen schwierigen Stand.

Tiefe Innovationsfähigkeit

Während der britischen Besatzung von 1858 bis 1947 wurde Indien vom bedeutenden Textilexporteur zum Rohstofflieferanten der Krone degradiert. Die Kolonialherrschaft war wenig an einer konkurrenzfähigen Industrie interessiert, denn die indische Kolonie sollte nicht die heimische Produktion auf dem Weltmarkt konkurrenzieren. Durch seine Grösse war Indien zudem ein attraktiver Exportmarkt für britische Hersteller. Mangelnde Produktivität und Innovationsfähigkeit wurden durch den Einsatz zusätzlicher Arbeitskräfte ausgeglichen. Die ernorme Verfügbarkeit von günstigem Humankapital machte Bemühungen um grössere Effizient überflüssig. So erlitt das Land während der Kolonialzeit sogar einen industriellen Rückschritt.

Fehlendes Industriewissen

Nach der Unabhängigkeit 1947 konnte Indien daher nicht mit den asiatischen Tigerstaaten wie Südkorea und Taiwan mithalten. Diese trumpften nicht nur mit günstigen Arbeitskräften auf, sondern auch mit industriellem Know-how. Damals wie heute stellen mangelnde Kenntnisse im Industriebereich ein grosses Problem dar. Die Analphabetenrate ist noch immer hoch und Bildungsstätten stossen angesichts des rasanten Bevölkerungswachstums an ihre Grenzen.

Tertiärbildung ist vorwiegend einer ausgewählten Elite vorbehalten, die bevorzugt im exportorientierten Dienstleistungssektor beschäftigt ist. Unternehmen rund um die Welt haben Geschäftsprozesse nach Indien ausgelagert. Der Erfolg im Tertiärsektor absorbiert allerdings eine Vielzahl an qualifizierten Arbeitskräften, die im Industriesektor benötigt werden. Die grosse Lücke zwischen hoch und tief qualifizierten Beschäftigten hält denn auch ausländisches Kapital fern und erschwert den Wissenstransfer aus dem Ausland.

Bürokratie und stark fragmentierte Unternehmenslandschaft

Nach dem Ende der britischen Besatzung wurden grosse Teile der Wirtschaft verstaatlicht und trotz der Liberalisierung in den 1980/90er Jahren ist noch immer ein beträchtlicher Teil in öffentlicher Hand. Unter dem wettbewerbsverzerrenden staatlichen Einfluss leidet die Wirtschaft noch heute. Die Situation wurde sogar verschlimmert, indem der Unternehmenslandschaft ein komplexes Regelwerk aufgezwungen wurde.

Unternehmen ächzen aber nicht nur unter der enormen Bürokratie, sondern auch unter dem starken Protektionismus. Hohe Importzölle und komplexe Einfuhrbestimmungen sollten ursprünglich die heimische Industrie schützen. Doch sie verteuern auch den Import von dringend benötigtem Produktionsmaterial. Nicht zuletzt wegen der hohen Komplexität richten insbesondere kleinere Betriebe ihre Produktion nicht auf den Exportmarkt aus. Der Binnenmarkt wäre zwar gross, es fehlt jedoch eine breite, kaufkräftige Mittelschicht. Kleinbetriebe können daher kaum Skaleneffekte ausnutzen, weshalb die Unternehmenslandschaft stark fragmentiert bleibt.

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