Zwischen Marktherausforderungen und strategischer Weichenstellung
Dr. Anja Hochberg, CIO der ZKB, spricht über ihre spannende Aufgabe, ihre Einschätzung zu Wirtschaft und Finanzmärkten, zur Rolle der Vermögensverwaltung sowie über ihre Empfehlungen an die Kundinnen und Kunden.
Text: Nicole Schweizer, Tanja Müller / Bilder: Christian Grund, Getty Images
Dr. Anja Hochberg, wenige Wochen nach Ihrem Start als Chief Investment Officer brach der Iran-Krieg aus. Wie reagieren Sie in Ihrer Rolle als CIO auf solch unerwartete Ereignisse?
Zunächst nicht hektisch und emotional, sondern wohlüberlegt und mit analytischer Schärfe. Wir arbeiten in solchen Fällen mit Szenarien, um erstens mögliche Auswirkungen auf die Portfolios abzuschätzen. Zweitens helfen Szenarien, insbesondere bei schnell wechselnder Datenlage, Handlungsoptionen frühzeitig zu definieren. Apropos frühzeitig: Resilient wird ein Anlageportfolio nicht durch die Anpassungen in der Krise, sondern bereits mit der strategischen Aufstellung. Die gewählte Kombination der Anlageklassen wie beispielsweise Aktien, Obligationen oder Rohstoffe bestimmt zu einem grossen Grad, wie stark Rücksetzer im Portfolio ausfallen und wie lange die Erholungsphase dauert.
Als CIO muss ich jedoch nicht nur die Verantwortung für den Anlageprozess übernehmen, sondern auch sicherstellen, dass wir zeitnah und verständlich mit Kundinnen und Kunden kommunizieren. Auch hier helfen klar definierte Prozesse, ein eingespieltes Team und eine gewisse Krisenerfahrung. So konnten wir bereits einen Tag nach Ausbruch des Iran-Krieges am Sonntag-Abend unsere Kundinnen und Kunden über unsere Einschätzung informieren.
Die angespannte geopolitische Lage sorgt weiterhin für Unsicherheit. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Entwicklung der Wirtschafts- und Finanzmärkte, und wie lautet Ihre Empfehlung?
Ganz ohne Kratzer wird die globale Wirtschaft wohl die seit drei Monaten erhöhten Erdölpreise nicht verkraften. Der private Konsum und die Investitionsbereitschaft ausserhalb des KI-Sektors leiden. Zudem könnten die inter nationalen Notenbanken vor dem Hintergrund der anziehenden Inflation wieder restriktiver werden. In der Schweiz sollte dies kein Thema sein, aber die Europäische Zentralbank dürfte die Leitzinsen anheben. In den USA gehen wir von einer Verschiebung der Zinssenkungen aus. Die Börsen haben sich gleichwohl recht schnell erholt. Dahinter stecken aktuell nicht nur die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges, sondern die weiterhin robusten Gewinne der Unternehmen, insbesondere im IT-Bereich. Die Erfahrungen der vergan genen Jahre, z.B. bei Corona oder beim «Liberation Day», zeigen, dass investiert zu bleiben oder nachzukaufen bei temporären Marktrückschlägen eine gute Empfehlung ist.
Anlagekundinnen und Anlagekunden haben die Möglichkeit, ihr Portfolio noch gezielter an ihren persönlichen Werten und Wünschen auszurichten.
Dr. Anja Hochberg, Chief Investment Officer der Zürcher Kantonalbank
Neue Entwicklungen spielen auch im Anlagegeschäft eine wichtige Rolle. Wie identifiziert die Zürcher Kantonalbank solche Veränderungen und wie fliessen diese in die Gestaltung der Anlagelösungen ein?
Der wichtigste Input sind für uns die Bedürfnisse unserer Kundinnen und Kunden. Diese können sich zum einen bei der bestehenden Kundschaft über die Zeit ändern. Zum anderen prägen auch die Erwartungen unserer neuen Kundschaft unsere Angebotslandschaft. Das können neue Inhalte, z.B. in Form von neuen Anlag eklassen, oder eine neue Form der Auslieferung sein.
Eine noch ausgeprägtere Individualisierung ist ein solches Bedürfnis. Als nahe Bank sind wir prädestiniert, diese Themen aufzunehmen und in unseren Anlagelösungen zu reflektieren. Spannende Ideen sind der Anfang. Gute Ideen werden erst mit den dazugehörigen Prozessen, z.B. auch beim Risikomanagement oder bei der Umsetzung in der Systemlandschaft, zu einem guten Angebot.
Wie geht die Zürcher Kantonalbank mit diesem Bedürfnis nach Individualität um und wie können die Kundinnen und Kunden davon profitieren?
Individuell waren unsere Anlageportfolios schon, mehrheitlich gestützt auf die unterschiedliche Risikoneigung unserer Kundschaft. Bei höchst individuellen Portfolios, so wie wir sie jetzt anbieten, gehen wir einen Schritt weiter. Kunden können in einem bestehenden Portfolio sehr persönliche Akzente setzen, die ihre Präferenzen z.B. für ein bestimmtes Anlagethema oder eine Anlageklasse individuell reflektieren.
Dabei verlieren wir jedoch nie die bewährten Grundlagen des soliden Anlagehandwerks aus den Augen: Diversifikation, eine klare und langfristig ausgerichtete Anlagestrategie sowie ein verantwortungsvoller Umgang mit Chancen und Risiken bleiben für uns von zentraler Bedeutung. Anlagekundinnen und -kunden haben so die Möglichkeit, ihr Portfolio noch gezielter an ihren persönlichen Werten und Wünschen auszurichten. Auf diese Weise profitieren unsere Kundinnen und Kunden nicht nur von individuell zugeschnittenen Anlagelösungen, sondern auch von einem intensiveren Austausch, der es uns ermöglicht, die Bedürfnisse unserer Kundinnen und Kunden noch besser zu verstehen und individuell umzusetzen. Damit entsteht ein persönliches Anlageerlebnis, das die Kundin und den Kunden mit ihren Bedürfnissen in den Mittelpunkt stellt.
Wie nehmen Ihre Kundinnen und Kunden das Angebot an, und welches Feedback haben Sie bisher dazu erhalten?
Die positiven Rückmeldungen unserer Kundinnen und Kunden bestätigen, dass unser erweitertes Angebot nicht nur durchdacht und professionell umgesetzt ist, sondern auch genau auf die individuellen Bedürfnisse und Wünsche unserer Kundschaft abgestimmt wurde. Dieses Feedback zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind, um unseren Kundinnen und Kunden einen echten Mehrwert zu bieten und sie aktiv in die Gestaltung ihrer Anlagelösungen einzubinden. Als CIO freue ich mich sehr, dass wir unsere Anlageexpertise noch zielführender in den Dienst der Kundinnen und Kunden stellen können.
Abschliessend noch eine persönliche Frage: Sie arbeiten in einer herausfordernden Umwelt, haben Familie, einen Lehrauftrag an der Uni Zürich und engagieren sich als Stiftungsrätin oder im Beirat der Fondsfrauen. Wie halten Sie Ihre persönliche Balance?
Ausgewogenheit ist nicht nur mein berufliches, sondern ein höchst persönliches Motto. Ich finde meinen Ausgleich bei meiner Familie, beim Spaziergang mit dem Hund – zum Reflektieren sehr zu empfehlen –, beim gemeinsamen Urlaub, aber auch beim regelmässigen Stadionbesuch beim BVB 09 in Dortmund, etwas, was mich sehr erdet.