Wir erhöhen die Schweizer BIP-Prognosen
Kräftiges Wachstum im 2. Quartal veranlasst uns, die BIP-Prognose für 2026 deutlich zu erhöhen. Zwar stieg die Inflation im August wegen Erdölprodukten, der zugrunde liegende Preisdruck bleibt jedoch moderat.
Text: David Marmet und Kevin Gismondi
Stärkstes BIP-Wachstum seit dem 3. Quartal 2021
Im 2. Quartal 2026 wuchs das Sportevent-bereinigte Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz um 1.5%, nach 0.5% im Vorquartal. Unbereinigt, das heisst mit den Lizenzeinnahmen aus den Sportevents, fiel das Wachstum mit 1.9% noch stärker aus. Nach einem schwachen Jahresauftakt wuchs die Binnennachfrage wieder ansehnlich, wobei sowohl Privatkonsum als auch Investitionen solide Zuwächse verzeichneten. Den grössten Beitrag zum fulminanten Wachstum leisteten jedoch die sehr starken Exporte, was insbesondere auf den kräftigen Impuls der Chemie- und Pharmaindustrie zurückzuführen ist. Ihre Wertschöpfung kann von Quartal zu Quartal erheblich schwanken, was sich nicht unmittelbar konjunkturell interpretieren lässt. Gleichzeitig nahm die Wertschöpfung aber auch im Dienstleistungssektor und in zahlreichen weiteren Branchen zu, im Einklang mit der Aufhellung der Konjunkturindikatoren in den vergangenen Monaten.
Produktion: Grosser Impuls vom Pharmasektor
Produktionsseitig wuchs die Wertschöpfung des Industriesektors im 2. Quartal kräftig. Ausschlaggebend war das verarbeitende Gewerbe (+4.5%). Nach teils schwachen, teils negativen Vorquartalen wuchs die chemischpharmazeutische Industrie im Zuge steigender Exporte und Umsätze ausserordentlich stark (+10.5%). Im übrigen verarbeitenden Gewerbe (+0.7%) resultierte ein moderates Wachstum. Auch die Warenexporte ohne Wertsachen (+5.5%) nahmen überdurchschnittlich zu. Der Dienstleistungssektor (+0.7%, mit Sportevents +1.1%) wuchs moderat, dabei aber breit abgestützt.
Pharmabranche mit kräftigem Wachstumsbeitrag
BIP und Wachstumsbeiträge der produktionsseitigen Komponenten
Verwendung: Exporte nehmen überdurchschnittlich zu
Verwendungsseitig kehrte das Wachstum der inländischen Endnachfrage (+0.5%) nach einem schwachen Vorquartal in den Bereich des historischen Mittels zurück. Sämtliche Hauptkomponenten trugen dazu bei: Die privaten Konsumausgaben (+0.3%) stiegen moderat. Weitere positive Impulse kamen vom Staatskonsum (+0.4%) sowie von den Investitionen (+0.8%). Sowohl die Bau- (+0.7%) als auch die Ausrüstungsinvestitionen (+0.8%) stiegen an. Im Einklang mit dem Wachstum der Binnennachfrage nahmen die Importe ohne Wertsachen (+2.2%) insgesamt zu. Der Sportevent-bereinigte Aussenhandel ohne Wertsachen lieferte mit +1.4 Prozentpunkten einen starken positiven Wachstumsbeitrag. Der positive Beitrag ist auf die steigenden Waren- und Dienstleistungsexporte zurückzuführen.
Der Aussenhandel trieb das Wachstum im 1. Halbjahr an
BIP und Wachstumsbeiträge der verwendungsseitigen Komponenten
Wir erhöhen unsere Schweizer BIP-Prognosen
Das Wachstumstempo im 1. Halbjahr war deutlich über dem Potenzial und teilweise auf Sondereffekte (Aufholeffekte nach den US-Zöllen im 1. Quartal, volatiler Pharmasektor im 2. Quartal) zurückzuführen. Fast die Hälfte des Sportevent-bereingten BIP-Wachstums im 2. Quartal geht auf die chemisch-pharmazeutische Industrie zurück. Zumindest ein Teil davon könnte sich in den Folgequartalen reversieren. Das Wachstumstempo dürfte deshalb die zugrunde liegende Konjunkturdynamik etwas überzeichnen. Aufgrund der vorliegenden Zahlen erhöhen wir unsere Wachstumsprognosen für das Jahr 2026 deutlich von 1.0% auf 2.2% (Sportevent-bereinigt: 1.9%) und jene für das Jahr 2027 von 1.2% auf 1.4% (Sporteventbereinigt: 1.7%). Insgesamt gehen wir damit nur von einer leichten Gegenbewegung im 3. Quartal sowie moderatem Wachstum im Schlussquartal aus.
Erhöhung der BIP-Prognosen
Reales BIP im Vergleich zum Vorjahr in %, Jahresdurchschnitt
Inflation überrascht aufgrund Erdölprodukte nach oben
Die Konsumentenpreise sind im August im Vergleich zum Vormonat um 0.4% gestiegen und damit stärker, als erwartet. Gegenüber dem entsprechenden Vorjahresmonat stieg die Teuerung von 0.4% auf 0.8%. Der Anstieg um 0.4% im Vergleich zum Vormonat ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen, unter anderem auf die höheren Wohnungsmieten (+0.4%). Vor allem gestiegen sind aber die Preise für Benzin (+6.4%), Diesel (+10.0%) und Heizöl (+13.8%). Aber auch ein paar andere Güter haben etwas zugelegt (z.B. Einrichtungs- und Haushaltsgegenstände). Die Überraschung war aber hauptsächlich auf die Energiepreise zurückzuführen, wobei die Auswirkungen auf den Rest des Warenkorbs begrenzt blieben.
Nahostkonflikt, knappe Raffineriekapazitäten und schwächelnder Franken
Der Preisanstieg der Erdölprodukte dürfte einerseits auf die Engpässe bei den Raffineriekapazitäten zurückzuführen sein: Die Preise für destillierte Erdölprodukte entkoppeln sich zunehmend vom Rohölpreis. Andererseits könnten die höheren Frachtraten auf dem Rhein sowie die Frankenabwertung seit März (real handelsgewichtet ca. -4%) den Preiseffekt zusätzlich verstärkt haben. Die Preisanstiege bei sonstigen Waren – welche moderat waren – dürften auf eine Kombination der Frankenschwäche und Weitergabe der höheren Energiepreise zurückzuführen sein.
Zugrunde liegender Inflationsdruck weiter moderat
Trotz der deutlichen Überraschung nach oben im August zeigt sich auf Jahressicht – abgesehen von den importierten Erdölprodukten – ein nach wie vor mildes Inflationsbild. Folgende Jahresraten verdeutlichen dies: (1) Die Inflation ohne Erdölprodukte notiert bei 0.3%. (2) Die Kerninflation notiert bei 0.4%. (3) Die inländischen Preise sind 0.6% teurer als im Vorjahr – nach wie vor im Bereich, der im vergangenen Jahr beobachtet wurde. Die Rate der inländischen Preise ohne Wohnungsmieten ist bei 0.3%. (4) Die Inflation im Dienstleistungssektor bewegt sich weiterhin um die 1%-Marke, ohne dass Anzeichen für eine konkrete Beschleunigung zu erkennen sind. (5) Die importierte Inflation ohne Erdölprodukte ist nach wie vor negativ (-1.0%). Ihr negativer Beitrag an die Inflation ist aufgrund der sechsmonatigen Schwächephase des Frankens zwar leicht rückläufig, aber nach wie vor dämpfend.
Haupttreiber der Inflation sind die Erdölprodukte
Inflation (YoY) und Inflationsbeiträge in Prozentpunkten
Entsprechend ist die Inflation nach wie vor hauptsächlich von den Erdölprodukten getrieben. Wie die Zahlen zeigen, ist der zugrunde liegende Inflationsdruck weiterhin moderat. Er hat sich seit Ausbruch des Nahostkonflikts nur bedingt ausgeweitet und ist insgesamt nur leicht höher.
SNB: Fenster für erste Zinserhöhung könnte sich öffnen
Da die Gesamtinflation im 3. Quartal weiterhin nahe an der Prognose der SNB vom Juni (0.7%) liegt, die Kerninflation gedämpft bleibt und ein geschwächter Arbeitsmarkt das Risiko von Zweitrundeneffekten begrenzt, halten wir an unserer Erwartung fest, dass die SNB den Leitzins auf absehbare Zeit bei 0% belassen wird. Allerdings haben die stärker als erwartet ausgefallene Inflationsrate im August, die sechsmonatige Abwertung des Frankens, das starke Wirtschaftswachstum sowie Aufwärtsrisiken bei den europäischen Energiepreisen das Risikogleichgewicht für Inflation und Zinsen nach oben verschoben. Sollte die Schweizer und auch die europäische Wirtschaft ihren Erholungskurs fortsetzen, könnte sich im Verlauf des nächsten Jahres ein Fenster für eine erste Zinserhöhung öffnen.