Höhere US-Langfristrenditen: Gründe und Implikationen
US-Langfristrenditen sind auf den höchsten Stand seit 2007 gestiegen. Verschiedene Faktoren helfen den Anstieg zu erklären. Dabei sind höhere Wachstumserwartungen für die USA ein wesentlicher Treiber. Hohe Realrenditen bieten Chancen. Inflationsgeschützte US-Staatsanleihen und Bondregionen mit vergleichsweise hohen Renditen und soliden Finanzen sind attraktiv.
Text: Elias Hafner
Die Renditen 30-jähriger US-Staatsanleihen sind im August zeitweise auf über 5.3% gestiegen und haben damit den höchsten Stand seit 2007 erreicht. Da sich die langfristigen Inflationserwartungen in den vergangenen Monaten trotz Iran-Konflikt und höherer Energiepreise wenig verändert haben, ist dieser Anstieg vor allem auf höhere Realrenditen zurückzuführen (vgl. Grafik 1). Welche Erklärungsansätze gibt es für den jüngsten Anstieg und welche Anlageimplikationen lassen sich daraus ableiten?
Fiskalpolitische Sorgen
Zum einen wird argumentiert, wachsende fiskalpolitische Sorgen rund um die US-Staatsverschuldung hätten die Risikoprämien erhöht, die Marktteilnehmer für langfristige Kredite an die USA verlangen. Dieses Argument ist nicht von der Hand zu weisen.
Grafik 1: Höhere Realzinsen treiben Langfristrenditen nach oben
Renditen 30-jähriger US-Staatsanleihen
Die Situation der öffentlichen Finanzen der USA hat sich über die letzten Jahre merklich verschlechtert: die Verschuldung ist deutlich angestiegen und es besteht ein hohes strukturelles Haushaltsdefizit. Und steigende Staatsanleihenrenditen verschärfen das Problem. Allerdings gab es zuletzt kaum Neuigkeiten, welche gerade jetzt die Sorgen neuerlich auf das Tapet bringen. Zwar stand der mittlerweile auf USD 40'000 Milliarden angewachsene Schuldenstand zuletzt in den Schlagzeilen, grundsätzlich war das Erreichen dieser Marke aber schon länger absehbar. Dass der jüngste Renditeanstieg hauptsächlich darauf zurückzuführen ist, erscheint wenig plausibel, da gleichzeitig auch die Renditen von Staatsanleihen vergleichsweise niedrig verschuldeter Länder gestiegen sind. Zudem signalisiert der MOVE-Index, dass die Volatilität am US-Anleihenmarkt sich weiter auf moderatem Niveau bewegt – eine breit angelegte Reaktion auf fiskalpolitische Risiken spiegelt sich also bislang nicht in den Marktschwankungen noch in den Kreditausfallprämien wider (vgl. Grafik 2).
Grafik 2: Wenig Nervosität am Bondmarkt
MOVE-Volatilitätsindex
Geldpolitische Unsicherheit
In eine ähnliche Richtung weist die These zunehmender Unsicherheit über den künftigen Kurs der Geldpolitik – einerseits durch die Abschaffung der Forward Guidance und andererseits durch die Aussicht auf einen Abbau der Fed-Bilanz. Ein Bilanzabbau würde geringere Käufe von US-Staatsanleihen durch die Fed bedeuten und die Renditen entsprechend nach oben treiben, primär am langen Ende der Zinskurve. Fed-Gouverneur Kevin Warsh betont schon länger seine Präferenz für eine schlankere Bilanz, um in künftigen Krisen wieder mehr Handlungsspielraum zu haben. Der jüngste Anstieg der Laufzeitenprämie und parallel dazu die steilere Zinskurve kann als Evidenz dafür gesehen werden. Allerdings wäre zu erwarten, dass sich die Unsicherheit auch in höheren erwarteten Renditeschwankungen widerspiegeln würden.
Höheres Wachstum durch KI
Ein weiterer Erklärungsansatz ist, dass der Markt dank der Fortschritte im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) mit einem dauerhaft höheren Potenzialwachstum in den USA rechnet und die aktuelle Geldpolitik weiterhin als stimulierend einstuft. In der Folge würden mittelfristig höhere Leitzinsen erwartet, um die Inflation im Zaum zu halten. Am Terminmarkt wurden zuletzt aufgrund etwas schwächerer US-Wirtschaftsdaten die Zinserhöhungserwartungen über die nächsten zwölf Monate leicht reduziert. Gleichzeitig stiegen die längerfristigen Zinserwartungen aber weiter an (vgl. Grafik 3). Für diese aus wirtschaftlicher Sicht positive Interpretation spricht ebenfalls, dass die Zinsbewegung mit den neuerlich starken Investitionszahlen der US-Technologiefirmen (Hyperscaler) zusammenfiel.
Grafik 3: Kurzfristig ausgepreist, längerfristig mehr eingepreist
Zinserwartungen basierend auf Swap-Sätzen
Die Ankündigung von US-Finanzminister Scott Bessent am 19. August 2026, die Rückkäufe von langfristigen US-Staatspapieren verdoppeln zu wollen, hat den Renditeanstieg zumindest kurzfristig gestoppt. Bessent begründete die höheren US-Langfristrenditen mit einer dünnen Liquidität über den Sommer. Auch haben insbesondere die Hyperscaler in diesem Jahr ihre Kapitalnachfrage deutlich ausgeweitet und konkurrieren mit der Nachfrage nach Kapital die Staatsanleihen. Angebotsseitig sind allerdings die Sommermonate für Anleihen in der Regel eher vorteilhaft, da saisonal bedingt weniger neue Papiere auf den Markt kommen, was diese Begründung etwas entkräftet. Bessents Ankündigung kann aber als Ausdruck steigender Besorgnis interpretiert werden. Der Finanzminister dürfte sich zudem nachfrageseitig Sorgen machen, dass US-Staatsanleihen auf ein nachlassendes Investoreninteresse treffen. Beispielsweise hat Japan, der grösste ausländische Gläubiger der USA, zuletzt tiefere Treasury-Bestände ausgewiesen und es gibt Bestrebungen von Seiten der japanischen Regierung, künftig verstärkt Inlandinvestitionen zu fördern.
Implikationen für den Obligationenmarkt
Insgesamt ist der Renditeanstieg bei den langfristigen US-Staatsanleihen wohl auf eine Kombination verschiedener Faktoren zurückzuführen. Wir halten es für plausibel, dass die Erwartung für ein höheres Produktivitäts- und damit ein höheres Potenzialwachstum der US-Wirtschaft einen guten Teil des Anstiegs erklären kann (vgl. Grafik 4). Die langfristigen Realrenditen sind auf ein hohes Niveau gestiegen und bieten auch Chancen. Da seit dem Ausbruch des Iran-Krieges die Langfristsätze auch in anderen Währungsräumen deutlich angestiegen sind, welche weniger stark vom KI-Boom profitieren bzw. wo der Trend sich bei den öffentlichen Finanzen weniger negativ präsentiert, besteht unserer Meinung nach teils mehr Renditerückgangspotenzial.
Grafik 4: Höheres Potenzialwachstum = höhere Renditen
Naive Herleitung der 10-jährigen Staatsanleihenrenditen (Potenzialwachstum + Inflationserwartung)
Angesichts der anhaltend lockeren Fiskalpolitik in den USA steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass ein Teil der hohen Staatsverschuldung langfristig über eine höhere Inflation entwertet wird. Zudem spricht vieles dafür, dass ein durch KI getriebenes Wachstum die Inflation in der nächsten Zeit eher anheizen dürfte. Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass der jüngste Renditeanstieg nicht von einem Anstieg der Inflationserwartungen begleitet wurde. Aus unserer Sicht ergibt sich daraus derzeit ein attraktives Umfeld für inflationsgeschützte US-Staatsanleihen (TIPS).