Seltene Erden: Wie schnell kann die Abhängigkeit reduziert werden?
China dominiert den Markt. Können neue Projekte weltweit die Abhängigkeit brechen?
Text: Silke Humbert
Ruhig und unspektakulär verlief das Treffen der Staatsoberhäupter der USA und Chinas vor wenigen Wochen – ein deutlicher Kontrast zu den Spannungen der vergangenen Jahre. Seit der Eskalation um die Handelszölle im vergangenen Sommer herrscht zwischen den beiden Ländern eine Art Waffenruhe. Eine zentrale Rolle in den Beziehungen spielt Chinas dominierende Position bei der Förderung und Verarbeitung seltener Erden, die für zahlreiche Schlüsseltechnologien unverzichtbar sind. Das erklärte Ziel vieler Länder ist es nun, diese
Abhängigkeit zu reduzieren. Wie kommen sie dabei voran?
Eine Welle an neuen Investitionen, …
China ist derzeit für über 80% des weltweiten Abbaus und mehr als 90% der globalen Verarbeitung seltener Erden verantwortlich. Aktuell gibt es eine Welle von Investitionen und Projekten, die darauf abzielen, neue Quellen für seltene Erden zu erschliessen und die Verarbeitungskapazitäten auszubauen. Besonders die USA und Australien zeigen hierbei die grössten Ambitionen und treiben den Ausbau ihrer bestehenden Kapazitäten voran. Auch Länder in Lateinamerika, wie Brasilien und Chile, sowie mehrere afrikanische Staaten arbeiten an der Erschliessung neuer Abbaugebiete. In Europa sind es vor allem Norwegen, Grönland, Estland und Frankreich, die entsprechende Projekte vorantreiben. Neben dem Abbau entstehen weltweit auch neue Raffinerien, allerdings in deutlich geringerem Umfang als Minen. Raffinerien sind kapitalintensiver und umweltschädlicher als Minen. Für die Verarbeitung sogenannter schwerer seltener Erden gibt es derzeit weltweit nur eine einzige Raffinerie ausserhalb Chinas. Sie befindet sich in Australien und deckt lediglich einen kleinen Bruchteil des globalen Bedarfs.
… doch die Abhängigkeit wird noch lange bleiben.
Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass die Angebotslücke beim Abbau seltener Erden ausserhalb Chinas bis ins Jahr 2035 auf 17% sinken könnte (vgl. Grafik). Bei der Verarbeitung gestaltet sich die Situation jedoch deutlich schwieriger. Laut IEA wird die Angebotslücke in diesem Bereich bis 2035 weiterhin bei rund 50% liegen. Besonders kritisch bleibt die Versorgung mit schweren seltenen Erden. Hier wird eine Angebotslücke von über 70% im Jahr 2035 prognostiziert. Die Kluft bei der Abhängigkeit zwischen Abbau und Verarbeitung wird sich also weiter vergrössern. Der Grund dafür liegt in der enormen Komplexität des mehrstufigen Verarbeitungsprozesses. Seltene Erden unterscheiden sich chemisch oft nur minimal voneinander, was eine äusserst präzise Trennung erfordert. In diesem Bereich verfügt China über einen erheblichen Wissensvorsprung. Das Land hat zahlreiche Experten, eine Vielzahl an Patenten und hochspezialisierte Technologien, die unter die Exportkontrollen fallen. Besonders die schweren seltenen Erden spielen eine zentrale Rolle in modernen Technologien. Dank ihrer einzigartigen magnetischen Eigenschaften sind sie essenziell für nahezu alle Ortungssysteme und finden Einsatz in Drohnen, Kampfflugzeugen und Elektroautos.
Reduktion der Abhängigkeiten kommt langsam voran
Angebot ausserhalb Chinas und resultierende Angebotslücke in 2035
Fazit: der Weg ist lang
Chinas Dominanz im Bereich der seltenen Erden ist kein Naturgesetz. Tatsächlich waren es bis in die 1980er-Jahre die USA und andere Länder ausserhalb Chinas, die den Markt beherrschten. Die aktuellen Initiativen zur Diversifizierung der Lieferketten zeigen zwar Fortschritte, doch es sind noch mehr Bemühungen nötig, um sich aus der Abhängigkeit lösen zu können.