Wie der Ukraine-Krieg die Entwicklungen an den Finanzmärkten bestimmt

Die kurzzeitige Erholung an den Börsen von letztem Freitag kam zum Stillstand, nachdem über das Wochenende weitere Sanktionen gegen Russland verhängt wurden.

Text: Christoph Schenk, CIO Zürcher Kantonalbank

«Die Weltwirtschaft präsentiert sich trotz allem weiterhin in einer sehr robusten Verfassung»: Christoph Schenk, CIO.

Das Szenario eines Blitzkrieges in der Ukraine steht auf wackligen Beinen. Die geopolitische Unsicherheit hat weiter zugenommen und bei Anlegern steigt die Befürchtung, dass der Ausschluss einzelner russischen Banken aus dem Swift-Clearing-System nicht nur negative Auswirkungen auf den russischen, sondern auch auf den globalen Finanzmarkt haben könnte.

Rubel nach Sanktionen im Sinkflug

Der unmittelbarste Effekt auf die auferlegten Sanktionen erfuhr der russische Rubel. Dieser gab seit Bekanntgabe der Sanktionen nochmals kräftig nach. Insbesondere, weil das Einfrieren von rund der Hälfte von Russlands Währungsreserven im Ausland den Handlungsspielraum, der ansonsten gut aufgestellten russischen Zentralbank, stark begrenzt hat. Die Erhöhung des russischen Leitzinses von 9,5 auf 20 Prozent, sowie die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen, um die Kapitalflucht aus Russland zu unterbinden, konnten den freien Fall des Rubels abfedern. Eine Rezession mit hoher Inflation in Russland ist aufgrund des geldpolitischen Schocks jedoch unausweichlich geworden.

Der europäische Markt spürt die Nähe zu Russland

Die auferlegten Sanktionen belasteten auch die Finanzmärkte ausserhalb Russlands. Allerdings ist das Verhalten der Anleger sehr differenziert und rational entlang der geopolitischen Entwicklung. Neben dem Rubel stehen insbesondere die europäischen Aktienmärkte im Fokus der Anleger. Dabei gilt: Je stärker die potenziellen Verflechtungen mit dem russischen Rohstoff- und Finanzmarkt, desto höher die Skepsis der Anleger. Beim Finanzsektor könnten die Sanktionen vereinzelt Kollateralschäden bei europäischen Banken verursachen. Das lässt sich in der kurzen Zeit aber nicht abschliessend beurteilen.

Wir können festhalten, dass seit der Finanzkrise die Stabilität der Banken allgemein deutlich gestiegen ist, so dass keine systemrelevanten Verwerfungen am Finanzsektor zu erwarten sind. Dass der europäische Energiesektor trotz erhöhter Öl- und Gaspreise ebenfalls unter Druck geraten ist, hängt damit zusammen, dass Sektor-Schwergewichte wie BP und Shell sich von ihren Engagements in Russland abwenden. Das Abstossen von Beteiligungen an russischen Rohstoffproduzenten stellt allerdings einen Einmaleffekt für das jeweilige Unternehmen dar.

Unterstützung erfuhren die europäischen Märkte hingegen von den Sektoren Grundstoffe, Versorger und Industrie. Grundstoffe und Versorger können dank der Preissetzungsmacht auch bei erhöhten Rohstoffpreisen gut wirtschaften und die Industrie profitiert nicht zuletzt vom fast über Nacht entstandenen politischen Willen, die Rüstungsausgaben zu erhöhen. Bei den Aktien halten wir in der Eurozone sowie in der Schweiz eine neutrale taktische Quote und sind über alle Sektoren breit investiert.

Rohstoffe sind nicht Gegenstand der Sanktionen

Russlands Rezession wird wegen seines geringen Anteils am Welt-BIP einen überschaubaren Einfluss auf das globale Wirtschaftswachstum haben. Russlands Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung liegt bei circa 1,7 Prozent und ist damit kleiner als diejenige des US-Bundesstaates Texas. Auch die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Russland und Europa inklusive Schweiz sind viel unbedeutender, als dies die Bewegungen am Aktienmarkt suggerieren.

Aus wirtschaftlicher Sicht stehen vor allem Russlands Erdöl- und Gasexporte im Vordergrund. Diese machen rund 15 Prozent der weltweiten Erdöl- und Gasproduktion aus. Der Finanzsektor ist ebenfalls vom Rohstoffhandel betroffen. Jedoch wurde der Rohstoffhandel von der EU bis heute nicht sanktioniert. Das heisst, bisher ist die europäische Wirtschaft vor allem von indirekten Effekten der Sanktionen betroffen. Der mögliche Ausschluss von Russland aus dem Welthandel sorgt dafür, dass die Inflationserwartungen und somit die Rohstoffpreise erhöht bleiben und dass sich der erwartete Inflationsrückgang weiter verzögert.

Die Weltwirtschaft präsentiert sich trotz allem weiterhin in einer sehr robusten Verfassung, so dass sie nicht am Rande einer Rezession steht. Vor diesem Hintergrund kann die gegenwärtig schlechte Stimmung am Aktienmarkt schnell ins Positive drehen, weshalb wir unsere taktische Positionierung mit einem leichten Übergewicht in den Aktien nicht aufgeben. Die geopolitischen und humanitären Folgen der Invasion Russlands in die Ukraine werden noch lange nachhallen und sie werden uns auch noch eine Weile in unserer strategischen Analyse begleiten.

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