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Dynamische Schwellen­länder und versteckte Champions

Globale Schwellen­länderaktien bieten Chancen aufgrund ihres anhaltenden robusten Wirtschafts­wachstums, der attraktiven Bewertungen und des schwächeren US-Dollar. Abseits des Rampen­lichts der grossen asiatischen Nationen haben die osteuro­päischen Schwellen­länder Trümpfe in der Hand.

Text: Jörn Spillmann, Anlagestratege

Aerial view of Shanghai City highways
Osteuropäische Länder verzeichnen ein relativ hohes Wirtschaftswachstum und profitieren von der Erholung Europas (Bild: Getty Images)

Der Begriff «Emerging Markets» oder «aufstrebende Märkte» weckt Gedanken an Fortschritt, Aufbruch und Dynamik. Er wurde in den frühen 1980er-­Jahren eingeführt und beschreibt diese Länder fast treffender als der Begriff «Schwellen­länder», der lediglich den Übergang zum Industrieland betont. Diese drei Eigen­schaften zeigen sich besonders deutlich in der Entwicklung des MSCI Emerging Market Index. Er startete Ende der 1980er-Jahre mit gerade einmal zehn Ländern, deckt aber inzwischen bereits 24 Länder ab und ist zum wichtigsten Referenz­index der Schwellen­länder geworden – ein Prozess, der jedoch nicht geradlinig verlief. Immer wieder schieden Länder aus dem Index aus, teilweise vorüber­gehend, während andere aufgenommen wurden, darunter auch zuvor Ausge­stossene.

Dies verdeutlicht, dass Fortschritt, Aufbruch und Dynamik immer auch mit gewissen Risiken einhergehen. Dennoch hat sich die Gruppe der Schwellen­länder modernisiert und präsentiert sich heute insgesamt gefestigter. Der schnell wachsende Anteil asiatischer Märkte bildet dabei eine zentrale Grundlage für ihr Erstarken. Insgesamt zeigt sich, dass die Schwellen­länder 2025 die Industrie­staaten an den Aktienmärkten überholt haben. Ähnlich dürfte es 2026 aussehen. Dies ist auf den beein­druckenden strukturellen Wandel der aufstrebenden Länder in den vergangenen Jahrzehnten sowie auf die zunehmende Stärke der asiatischen Märkte in den boomenden Bereichen der Künstlichen Intelligenz zurückzuführen.

Aber auch abseits der grossen Bühne Asiens passiert Entscheidendes: Schwellen­länder mit geringeren Technologie­anteilen verzeichnen bemerkenswerte Fortschritte. Sie bieten länder­spezifische Vorteile, die einen grossen Hebel auf die Geschäfts­tätigkeit der lokal ansässigen Unternehmen und deren Gewinn­entwicklung entfalten können. 

Jörn Spillmann

Schwellenländer mit geringeren Anteilen an Techno­logie verzeichnen bemerkens­werte Fortschritte

Jörn Spillmann, Anlagestratege

Schwellen­länder profitieren stärker von der Dollar­schwäche als Industrie­staaten

Die ganze Welt blickt auf den US-Dollar, dessen Wechsel­kurs die globale Wirtschaft beeinflusst. Sollte sich die US-Währung in den kommenden Monaten wie erwartet weiter abschwächen, würden die Schwellen­märkte davon stärker profitieren als die Industrie­staaten. Dies ist darauf zurückzu­führen, dass sie ihre Aussenhandels­geschäfte zum grossen Teil in US-Dollar abwickeln und Waren somit günstiger importieren können. Darüber freuen sich die Konsumentinnen und Konsumenten vor Ort, doch auch anderen spielt die Entwicklung in die Hand – den Zentral­banken der Schwellen­länder, denn mit den günstigeren Import­gütern sinkt auch die Inflation. Dies verschafft ihnen beim relativ hohen Zinsniveau Spielraum für Zins­senkungen, was insgesamt das Wirtschafts­wachstum ankurbelt. Eine gegenüber dem US-Dollar stabile oder sogar aufwertende Währung kann daher als Vertrauens­beweis gewertet werden, der sich bei den Schwellen­ländern in einem grösseren Wachstums­vorsprung gegenüber den Industrie­staaten widerspiegeln dürfte.

Osteuropa auch ohne Informations­technologie stark

Eine Region mit besonders interessanten Perspektiven ist Osteuropa. Die Sektor­struktur dieser Region unterscheidet sich deutlich von jener der globalen Schwellen­länder. Die grösste Abweichung liegt bei den Finanz­dienstleistern, deren Gewichtung in Osteuropa mit über 50 Prozent mehr als doppelt so hoch ist. Dagegen fehlt hier mit der Informations­technologie (IT) der im Schwellen­länderindex grösste Sektor komplett (vgl. Grafik).

Europäische Schwellenländer ohne IT, dafür mit mehr Finanzdienstleistern

Vergleich Sektoranteile MSCI Global Emerging Markets und MSCI Eastern Europe (Oktober 2025)

 

Quellen: Zürcher Kantonalbank, LSEG Datastream

Auf den ersten Blick scheint darin eine doppelte Heraus­forderung zu liegen: das Verpassen der KI-Rally und ein Klumpen­risiko bei Finanz­dienstleistern. Tatsächlich stehen die osteuro­päischen Aktien­märkte beim Thema KI an der Seitenlinie. Allerdings waren ihre Kurszuwächse 2025 auch ohne KI sogar höher als die des globalen Schwellen­länderindexes, was auf ihre starke binnen­wirtschaftliche Entwicklung zurückzuführen ist. Ein Blick auf die hohe Gewichtung der Finanz­dienstleister als zweite Heraus­forderung stellt gleichzeitig eine Chance dar, bei der das Risiko bewusst eingegangen wird. Denn die Geschäfts­tätigkeit der Finanz­dienstleister erstreckt sich über alle Bereiche und ist vor allem in aufstrebenden Volks­wirtschaften eng mit der binnen­wirtschaftlichen Entwicklung verknüpft. Und die sieht in den osteuro­päischen Ländern aktuell gut aus. Erstens verzeichnen sie ein relativ hohes Wirtschafts­wachstum und profitieren von der Erholung Europas. Als Mitglied­staaten der Europäischen Union erhalten sie zudem Zuschüsse aus dem Wieder­aufbaufonds, die zusätzliche Wachstums­impulse liefern. Zweitens treiben osteuro­päische Länder weniger Handel mit den USA, wodurch sie auch weniger vom Zollstreit betroffen sind. Und drittens haben sie ihre Inflation im Griff, was den Zentral­banken Spielraum für Zins­senkungen gibt.

Unternehmens­gewinne steigen in Osteuropa stärker

Verlauf der Konsensus-­Schätzungen (indexiert: 31.12.2024 = 100)

 

Quellen: Zürcher Kantonalbank, LSEG Datastream

Die soliden Fundamental­daten in osteuro­päischen Ländern spiegeln sich in stabilen oder steigenden Wechsel­kursen gegenüber dem Euro und dem US-Dollar wider. Noch wichtiger für Aktionäre ist allerdings die überdurch­schnittlich hohe Dynamik der Unternehmens­gewinne (vgl. Grafik). Trotz des höheren Gewinn­wachstums sind die Bewertungen der europäischen Schwellen­länder weiterhin deutlich niedriger als die des gesamten Schwellen­länderindexes. Dies gilt insbesondere für Polen, das mit einer Gewichtung von rund 70 Prozent dominiert. Damit sind sie weniger anfällig für Korrekturen und bieten auch in den kommenden Monaten attraktive Chancen für Aktien­anlagen.

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