«Zürcher Wirtschaft im Fokus»
Die halbjährlich erscheinende Publikation «Zürcher Wirtschaft im Fokus» des Economic Research der Zürcher Kantonalbank liefert fundierte volkswirtschaftliche Analysen zu Wirtschaft und Gesellschaft mit Schwerpunkt Kanton Zürich. Fokus diesmal: der FIFA-Effekt im Zürcher Bruttoinlandprodukt (BIP) und Zürich als Hochlohnstandort.
Interview: Tanja Müller
Kevin Gismondi, Sie haben in dieser Ausgabe die kantonalen Unterschiede des BIPs analysiert. Was fällt auf?
Kevin Gismondi: Bemerkenswert ist, dass nur vier Kantone fast die Hälfte des Schweizer BIPs erwirtschaften: Zürich, Bern, Waadt und Genf. Weiter zeigt sich das Bild, dass die elf grössten Kantone zusammen bereits auf 80 Prozent des BIPs kommen und die übrigen 15 Kantone nur 20 Prozent zum BIP beitragen.
Welches Bild zeigt sich für Zürich?
Kevin Gismondi: Auf kantonaler Ebene erbringt Zürich die grösste wirtschaftliche Leistung und Wertschöpfung. Der Kanton verfügt über einen überdurchschnittlich grossen Tertiärsektor. Zürichs Tertiärsektor allein – und das ist erstaunlich – umfasst fast ein Viertel der gesamtschweizerischen Wirtschaftsleistung im Dienstleistungssektor. Es sind denn auch die Dienstleistungsbranchen, die am meisten zum Zürcher BIP-Wachstum beitragen. Für das Zürcher Wachstum entscheidend sind vor allem die privaten Dienstleistungen, die ~70% des BIP ausmachen – hier beobachten wir auch alle vier Jahre den sogenannten FIFA-Effekt.
Welchen Einfluss hat eine FIFA-Weltmeisterschaft auf das BIP des Kanton Zürichs?
Kevin Gismondi: Der Europäische Fussballverband (UEFA), das Internationale Olympische Komitee (IOC) und der Weltfussballverband (FIFA) haben ihren Hauptsitz in der Schweiz. Diese Organisationen verbuchen alle zwei Jahre durch den Verkauf von Übertragungs- und Markenrechten bei Europameisterschaften (EM), Weltmeisterschaften (WM) und während der Olympischen Spiele sehr hohe Einnahmen. Für ein kleines Land wie die Schweiz – und umso mehr für den Kanton Zürich, in dem die FIFA ihren Hauptsitz hat – sorgen diese Einnahmen für Schwankungen des BIP. Konkret beeinflusst eine Fussball-Weltmeisterschaft der Männer die Wachstumsrate des Zürcher BIP alle vier Jahre asymmetrisch. In einer groben Berechnung macht der Sport-Event-Effekt in Zürich zwischen 0.7 und 1 Prozentpunkten aus. Der Sport-Event-Effekt fällt in Zürich somit stärker aus als in der Gesamtschweiz mit rund 0.3 Prozentpunkten.
David Marmet, Sie haben sich der Thematik der regional unterschiedlichen Lohnniveaus angenommen. Welche Erkenntnisse liefern Ihre Analysen?
David Marmet: Löhne bewegen die Gemüter. Was bei den Debatten aber kaum diskutiert wird, ist die Tatsache, dass innerhalb der Schweizer Regionen grosse Lohnunterschiede bestehen. Im Jahr 2022 lag der Median-Bruttolohn in der Schweiz bei CHF 6'788. Das bedeutet: 50 Prozent der Schweizer Beschäftigten verdienen weniger und 50 Prozent mehr. In Zürich liegt dieser Medianlohn mit CHF 7'229 über 6 Prozent höher als der Schweizer Durchschnitt. Das Tessin fällt mit einem um knapp 18 Prozent tieferen Medianlohn von CHF 5'590 deutlich ab. Zwischen Zürich und Tessin besteht demnach ein Lohngefälle von 30 Prozent.
Wie lassen sich die regionalen Lohnunterschiede erklären?
David Marmet: Die regionalen Lohnunterschiede in der Schweiz lassen sich durch mehrere Faktoren erklären. Der Branchenmix spielt dabei eine Rolle, reicht aber nicht aus, da auch innerhalb derselben Branchen erhebliche regionale Unterschiede bestehen. Regionen mit höherem Fachkräftemangel, wie die Zentralschweiz, verzeichnen oft ein stärkeres Lohnwachstum. Auch die Arbeitsproduktivität liefert nur begrenzt Erklärungsansätze, da lohnschwache Regionen wie das Tessin trotz hoher Produktivitätszuwächse kaum Lohnanstiege verzeichnen. Auch soziodemografische Merkmale und Lebenshaltungskosten könnten eine Rolle spielen, sind aber bislang unzureichend untersucht. Insgesamt zeigt sich, dass die Ursachen für das Lohngefälle komplex sind.
Diese regionalen Lohnunterschiede sind also auch innerhalb der unterschiedlichen Branchen festzustellen?
David Marmet: Genau, die regionalen Unterschiede innerhalb einer Branche sind teilweise beträchtlich. Eine Branche, in der hohe Löhne ausbezahlt werden, sind die Finanzdienstleistungen – der gesamtschweizerische Median-Lohn liegt hier bei CHF 10'491. Auf den ersten Blick erstaunlich ist, dass die Region Zürich hier nicht das höchste Lohnniveau aufweist, sondern die Genferseeregion mit CHF 11'667. Zürich folgt mit kleinem Abstand. Die niedrigsten Löhne bei den Finanzdienstleistungen zahlen Unternehmen im Espace Mittelland mit CHF 8'217 – das sind 22 Prozent weniger als der Schweizer Durchschnitt.