Vier Länder, viele Chancen: Mercosur als Wachstumsmarkt für Schweizer Exporteure
Für viele Schweizer KMU ist der Mercosur noch ein weisser Fleck auf der Exportlandkarte. Dabei stehen dahinter vier dynamische Volkswirtschaften mit klaren Investitionsprioritäten und einem hohen Bedarf an spezialisierten Industrie- und Technologielösungen, wie sie Schweizer Unternehmen anbieten.
Text: Claude Lauper
Wenn über das Freihandelsabkommen zwischen den EFTA-Staaten und dem Mercosur gesprochen wird, stehen meist Zölle und Marktzugang im Fokus. Das ist nachvollziehbar: Nach Ablauf der Übergangsfristen könnten rund 96 Prozent der Schweizer Exporte in die Mercosur-Staaten zollfrei werden.i
Die eigentliche Chance beginnt jedoch schon vor dem Inkrafttreten des Abkommens. Sie zeigt sich in wirtschaftlichen Entwicklungen, die bemerkenswert gut zu den Stärken vieler Schweizer Unternehmen passen:
- Brasilien setzt mit der Industriepolitik «Nova Indústria Brasil» bis 2033 auf Reindustrialisierung, Digitalisierung, Gesundheitsversorgung, Infrastruktur und Dekarbonisierung.ii
- Argentinien rückt dank seiner Lithiumvorkommen stärker in den Fokus globaler Energie- und Rohstoffketten.iii
- Uruguay positioniert sich mit einem nahezu vollständig erneuerbaren Strommix als Standort für grüne Industrie und Wasserstoffprojekte.iv
- Paraguay verbindet günstige, saubere Wasserkraft mit Investitionen in Logistik, Stromnetze und industrielle Integration.v
Der Mercosur ist allerdings kein einheitlicher Markt. Es handelt sich um vier Länder mit vier unterschiedlichen Profilen. Der gemeinsame Nenner: Unternehmen und öffentliche Institutionen suchen Lösungen, um produktiver, effizienter, nachhaltiger und international wettbewerbsfähiger zu werden.
Wo Schweizer Unternehmen punkten können
Genau hier können Schweizer Unternehmen ansetzen – nicht zwingend über den günstigsten Preis, sondern über messbaren Mehrwert. Zum Beispiel mit:
- Anlagen, die Ausfälle reduzieren
- Technologien, die Energie oder Wasser sparen
- Sensorik, die Produktionsprozesse präziser steuert
- Medizintechnik, die Diagnostik verbessert
- Automatisierung, die Fachkräftemangel abfedert
- spezialisierte Industrielösungen, die Qualitätsstandards erhöhen
Für Schweizer KMU kann der Mercosur damit mehr sein als ein zusätzlicher Absatzmarkt. Die Region bietet die Chance, ausserhalb gesättigter Märkte zu wachsen, Abhängigkeiten von einzelnen Regionen zu reduzieren und sich früh in Wertschöpfungsketten zu positionieren, die für Europa künftig wichtiger werden dürften – etwa bei kritischen Rohstoffen, erneuerbaren Energien, Agrartechnologie oder nachhaltiger Industrieproduktion.
Mit seinen vier dynamischen Wachstumsmärkten bietet der Mercosur Schweizer KMU eine greifbare Chance, unabhängiger von einzelnen Märkten und damit wettbewerbsfähiger zu werden.
Claude Lauper, Leiter International Business & Risk Management bei der Zürcher Kantonalbank
Gute Vorbereitung ist entscheidend
Gleichzeitig wäre es falsch, die Region zu romantisieren. Lateinamerika ist weiterhin von strukturellen Herausforderungen geprägt: schwaches Produktivitätswachstum, komplexe Regulierung, teils volatile Währungen, Infrastrukturengpässe, politische Unsicherheiten sowie unterschiedliche Steuer- und Zollsysteme.vi Wer im Mercosur erfolgreich sein will, braucht deshalb mehr als ein gutes Produkt.
Entscheidend ist eine sorgfältige Vorbereitung. Dazu gehören:
- klare Marktpriorisierung statt «Mercosur als Ganzes»
- sorgfältige Auswahl lokaler Partner
- Verständnis für regulatorische Anforderungen
- saubere Vertragsgestaltung
- belastbare Zahlungs- und Lieferbedingungen
- realistische Einschätzung von Wechselkurs-, Compliance- und Länderrisiken
Gerade KMU sollten früh klären, ob sie direkt exportieren, mit Distributoren zusammenarbeiten oder schrittweise eine lokale Präsenz aufbauen wollen.
Freihandelsabkommen als zusätzlicher Hebel
Das Freihandelsabkommen könnte die Ausgangslage deutlich verbessern. Tiefere Zölle, vereinfachter Marktzugang und mehr Rechtssicherheit würden Schweizer Anbieter wettbewerbsfähiger machen. Profitieren werden aber vor allem jene Unternehmen, die ihre Hausaufgaben bereits gemacht haben.
Wer abwartet, bis alle Rahmenbedingungen perfekt sind, riskiert, zu spät zu kommen. Wer die Entwicklungen in den einzelnen Mercosur-Ländern schon heute analysiert und konkrete Chancen prüft, kann sich früh positionieren. Denn Marktanteile entstehen selten erst durch ein Abkommen. Sie entstehen dort, wo Unternehmen reale Bedürfnisse besser lösen als ihre Wettbewerber.
Best Practice Fachveranstaltung: Mercosur und Schlüsselmärkte Südamerikas
Erfahren Sie aus erster Hand, wie Schweizer Unternehmen heute bereits erfolgreich in der Region agieren und welche strategischen Überlegungen besonders wichtig sind. Die Best Practice Fachveranstaltung «Mercosur und Schlüsselmärkte Südamerikas» findet am 30.9.2026 statt. Gastgeber ist der Verband swiss export, die Zürcher Kantonalbank ist Main Partner.