Simulation im Gleisgebiet

Ausbilden, einüben, forschen, testen: Im Eisenbahn­betriebslabor Schweiz können alle Elemente des Bahn­betriebs realitätsnah nachgebildet werden.

Text: Patrick Steinemann / Bilder Severin Jakob | aus dem Magazin «ZH» 1/2023

Heinrich Brändli, Initiant des Eisenbahnbetriebslabors Dübendorf
Heinrich Brändli, Initiant des Eisenbahnbetriebslabors, hinter einer der Modellanlagen in Dübendorf.

Der Unfall ereignet sich zwischen den Bahnhöfen Ypslikon und Zetthausen: Ein Güterzug verliert bei voller Fahrt die Hälfte seiner Tanklastwagen. Eine kurze Aufregung in der Betriebsleitstelle – dann handelt der Zugverkehrsleiter schnell und pragmatisch: Er kriecht auf allen vieren unter den Tischen mit den Gleistrassen durch und hängt die Wagen mit geübten Handgriffen wieder an.

Zum Glück ereignet sich der «Unfall» nur im Massstab 1:87 auf einer der zwei Modellanlagen des Eisenbahnbetriebslabors Schweiz (EBL) beim Flugplatz Dübendorf. Was auf den ersten Blick wie der Traum jedes Modelleisenbahnfreundes aussieht, ist weit mehr: eine Simulationsanlage, auf der dynamische Beschleunigungs- und Bremsvorgänge von Zügen durchgespielt werden können. Eine Miniaturwelt, in der die Modellweichen von echten Relais gesteuert werden. Und in der die Streckenfreigaben der 750 Meter langen Modellbahngeleise mit der gleichen Software disponiert werden, die auch bei der grossen SBB im Einsatz ist.

Heinrich Brändli, Initiant und Verwaltungsrat des EBL, schmunzelt, als er die Wiederankopplungsaktion beobachtet: «Eigentlich wäre dieser ‹Unfall› eine ideale Ausgangslage für eine Ausbildungseinheit von Berufsfachleuten im öffentlichen Verkehr, die hier im EBL stattfindet.» Probleme analysieren, Prozesse einüben, Unfallsituationen ­bewältigen – anschaulich, interaktiv und realitätsnah: Das alles können die echten Zugverkehrsleiter, Lokführerinnen oder Eisenbahntechniker im EBL.

Besserer Lerneffekt

Zwar könnten heute viele Situationen auch in rein digitalen Zugsimulatoren am Bildschirm durchgespielt werden, sagt Brändli. «Der Lerneffekt ist aber ein ganz anderer, wenn eine Fehlmanipulation am Steuerpult zu einem ‹echten› Zusammenstoss zweier Züge auf der Modellanlage gleich daneben führt.»

Brändli, einst als Bahnbetriebsdisponent bei der SBB ausgebildet, hat das EBL 2021 ins Leben gerufen. Die zwei Modellbahnanlagen hat er von ihren früheren Standorten an der ETH Zürich und in einem SBB-Schulungszentrum nach Dübendorf verlegen lassen. Beim Aufbau, Unterhalt und Betrieb unterstützen ihn neben zwei fest angestellten rund 25 ehrenamtliche Mitarbeitende.

Das EBL dient auch als Testanlage für die Forschung: So lassen etwa Studierende der Fachhochschule Nordwestschweiz über GPS gesteuerte Züge mit kurzem Abstand über die Modellanlage fahren. «In der Realität wären solche Tests nicht oder nur sehr aufwendig durchzuführen», sagt Brändli. Sind die Forschenden wieder weg, übernehmen auch mal Betriebswirtschafterinnen das EBL und führen Management-Ausbildungen durch. Oder Schüler feiern Erfolgserlebnisse, wenn ihre in der Projektwoche erstellten Fahrpläne im Modell­bahnbetrieb tatsächlich funktionieren.

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