China: Ein Land mit Plan
China hat es mit seiner Wirtschaftspolitik weit gebracht. Das Reich der Mitte ist heute die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt und in mehreren Industriebranchen Marktführer. Die wiederkehrenden Fünfjahrespläne haben den Weg dafür geebnet. Welche waren wegweisend? Und wird die Strategie des 15. Fünfjahresplans diesen Erfolg fortsetzen können?
Text: Silke Humbert
Die Vision, China mithilfe einer zentral geplanten Wirtschaftspolitik wieder aufzubauen, stand von Anfang an fest: «In etwa 50 bis 75 Jahren, d. h. innerhalb eines Zeitraums von zehn bis 15 Fünfjahresplänen, werden wir China zu einem mächtigen sozialistischen Land machen können», sagte Mao Zedong in den 1950er-Jahren. Auch wie das gehen soll, war für ihn klar: «Wir propagieren Eigenständigkeit, (…) wir können nicht von fremder Hilfe abhängig sein, wir müssen es aus eigener Kraft schaffen.» 75 Jahre später ist China tatsächlich ein mächtiges Land. Hierfür wurden seither unter fünf Staatspräsidenten 14 Fünfjahrespläne entwickelt. Doch wie lässt sich eine Vision in Pläne umsetzen? Ideologische Anfänge Seit den 1950er-Jahren haben sich die Fünfjahrespläne stark gewandelt. Der allererste Plan unter Mao Zedong diente primär der zentralen Steuerung nach sowjetischem Vorbild. Dabei wurde die Wirtschaft massiv staatlich kontrolliert, die Landwirtschaft kollektiviert und der Fokus lag auf dem Aufbau der Schwerindustrie. Er beinhaltete verpflichtende Produktionsquoten bis auf die Ebene einzelner Betriebe. Mao Zedong gilt in China noch heute als Verkörperung der nationalen Einheit und Unabhängigkeit, auch wenn seine Ideen teilweise fatale Folgen hatten: Die Industrialisierungskampagne namens «Grosser Sprung nach vorne» löste eine verheerende Hungersnot aus. Auch die verordnete Kulturrevolution ab 1966 führte zu blutigen sozialen Umwälzungen. Insgesamt waren die Fünfjahrespläne unter Mao Zedong in den Jahren 1953 bis 1980 stark ideologisch geprägt.
Öffnung Richtung Westen
Die Fünfjahrespläne 6 und 7 unter Deng Xiaoping in den Jahren 1981 bis 1990 stellten einen Wendepunkt dar. Denn weniger Ideologie, dafür mehr Pragmatismus waren die bestimmenden Motive. Als besonders folgenreich sollte sich die Annäherung an die USA entpuppen. Für Deng lag der Beweggrund hierfür auf der Hand: Ihm wird die Beobachtung zugeschrieben, dass Länder mit guten Beziehungen zu den USA besser gedeihen als Länder, die dem Vorbild der Sowjetunion folgten. In Chinas neu geschaffenen, regional klar abgegrenzten Sonderwirtschaftszonen galten denn auch marktwirtschaftliche Regeln nach amerikanischem Vorbild. Preise wurden vom Markt bestimmt, ausländische Direktinvestitionen erlaubt, Löhne verhandelt, Unternehmen durften Gewinne erzielen und lokale Behörden erhielten mehr Autonomie. Durch die Begrenzung der marktwirtschaftlichen Prinzipien auf festgelegte Regionen wurden Risiken kontrolliert eingegangen. Was gut funktionierte, konnte später ausgeweitet oder sogar landesweit eingeführt werden. Das Experiment zahlte sich aus. Shenzhen, eine der ersten Sonderwirtschaftszonen und 1980 noch ein Fischerdorf mit ca. 30 000 Einwohnern, ist heute eine High-Tech-Metropole, in der mehr als 18 Millionen Menschen leben.
Aufstieg zur Werkbank der Welt
Mit den folgenden drei Fünfjahresplänen in den Jahren 1991 bis 2005 unter Jiang Zemin wurden die straffen Zügel der vormaligen Planwirtschaft weiter gelockert. Pläne wurden zusehends strategischer und weniger operativ, verbindliche Detailvorgaben durch Zielkorridore ersetzt und Regionen und Unternehmen erhielten mehr Handlungsspielraum. Dank massiver ausländischer Direktinvestitionen und geringer Lohnstückkosten erfuhr China in diesen Jahren ein hohes Exportwachstum. Mit dem Eintritt in die Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 2001 verlagerten westliche Firmen ihre Produktion zunehmend nach China und integrierten das Land in ihre globalen Lieferketten. China wurde zur Werkbank der Welt. Während unter Hu Jintao mit den Plänen 11 und 12 in den Jahren 2006 bis 2015 die Exporte weiter anstiegen, kamen erste Zweifel an der Nachhaltigkeit des bisherigen Wachstumsmodells auf, weil sich das enorm hohe Wirtschaftswachstum ab 2010 sukzessive abschwächte. Es machte sich Angst breit, in die für Schwellenländer typische Falle des mittleren Einkommens zu geraten. Kennzeichnend hierfür ist, dass die eigene Innovationskraft noch nicht ausreicht, um neue Technologien zu entwickeln, während der neue Wohlstand und die stark gestiegenen Löhne dazu führen, dass nicht mehr so günstig produziert werden kann. Als Folge davon verharren Länder auf einem mittleren Einkommensniveau. Zudem wurde den politisch Verantwortlichen bewusst, dass die Abhängigkeit von ausländischer Technologie dem Ziel der Eigenständigkeit widerspricht.
Ausbrechen aus der Werkbank
Die schlagkräftige Antwort auf die Falle des mittleren Einkommens kam von Xi Jinping mit den Fünfjahresplänen 13 bis 14 von 2016 bis heute. Mit der 2015 ins Leben gerufenen Strategie «Made in China 2025» wandelte sich Pekings Industriepolitik von einer breiten zu einer gezielt die Sektorstruktur verändernden Förderung. Dadurch sollte China vom Zulieferer zum Weltmarktführer in festgelegten Schlüsseltechnologien werden. Die Erfolge sind beeindruckend. So haben neue chinesische Unternehmen alteingesessenen ausländischen Firmen Marktanteile abnehmen können und sind heute global wettbewerbsfähig, gerade auch in hochtechnologischen Branchen wie dem Bau von Elektroautos. Das zeigt sich zum Beispiel eindrücklich beim Showroom des Fahrzeugbauers BYD in der Nähe des Zürcher Paradeplatzes. Auch punkto Unabhängigkeit konnten Fortschritte erzielt werden: Die Importabhängigkeiten chinesischer Firmen sind zurückgegangen.
Schnellstes Wirtschaftswachstum in der jüngeren Geschichte der Menschheit
Der wirtschaftliche Erfolg Chinas in den vergangenen Jahrzehnten ist beispiellos. So ist der weltweite Rückgang der Armut hauptsächlich auf den beeindruckenden Aufstieg Chinas zurückzuführen. Laut Weltbank sind dank Chinas Wirtschaftsreformen seit 1978 mehr als 850 Millionen Menschen der Armut entkommen. Zuletzt konnte China 2025 einen rekordhohen Handelsbilanzüberschuss von knapp USD 1.2 Bio verzeichnen – so viel, wie bis heute kein Land in der jüngeren Geschichte gemessen an seiner Wirtschaftsleistung erzielen konnte. Dass China mittlerweile nicht mehr nur kopiert, sondern auch selbst entwickelt, dokumentiert die gestiegene Innovationsfähigkeit des Landes. Ein Blick auf die Patent- und Lizenzgebühren zeigt: Das Reich der Mitte erhält mittlerweile genauso viele Patent- und Lizenzgebühren aus der ganzen Welt, wie es selbst an die USA zahlt. Zwar sind die erhaltenen Lizenzgebühren im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung immer noch kleiner als die anderer Industrienationen, doch China holt rasant auf.
Hohe Produktion, tiefe Nachfrage
Chinas Anteil an der weltweiten Industrie, Konsum und Wirtschaftsleistung (BIP) in %
Chinas Aufstieg zeigt, wie eine zentral geplante Wirtschaftspolitik ein Land zur globalen Wirtschaftsmacht formen kann – doch der Erfolg steht auf wackeligen Beinen.
Silke Humbert, Nachhaltigkeitsökonomin
15. Fünfjahresplan: Ein «Weiter so» birgt Risiken
Trotz – oder vielleicht gerade aufgrund – seines beeindruckenden Wachstums ist es an der Zeit, dass Peking seine Strategie überdenkt, finden viele Experten. Zum einen hat das Exportwachstum der letzten Jahrzehnte zu grossen makroökonomischen Ungleichgewichten in der Welt geführt. Chinas Anteil an der globalen Industrieproduktion beträgt mittlerweile etwa ein Drittel, während der Anteil am weltweiten Konsum mit etwa 10% stark unterdurchschnittlich ist (vgl. Grafik). Für viele Ökonomen ist dieses Ungleichgewicht die Folge davon, dass China die Industrie auf Kosten der privaten Haushalte fördert. Der künstlich schwach gehaltene Wechselkurs, die tiefen Zinsen und repressive Arbeitsgesetze begünstigen allesamt die Industrie, benachteiligen jedoch den chinesischen Arbeitnehmer und Konsumenten. Statt den Industriesektor weiter staatlich zu fördern, könnten finanzielle Mittel schliesslich auch zum Aufbau eines Sozialsystems genutzt werden. Zum anderen wirkt Chinas Wirtschaftsstrategie auch daher problematisch, weil staatliche Investitionen nicht nur zu höheren Schulden führen, sondern auch zu einem immer grösseren Überangebot an Gütern. In der Folge sind die Exportpreise von Chinas Industriegütern im Gegensatz zu denen der restlichen Welt seit Jahren kontinuierlich am Fallen (vgl. Grafik). Als Konsequenz ist die Auslastung in den Fabriken oft tief. Bei den Elektroautos liegt sie zum Beispiel bei nur etwa 50%. Die Profitabilität chinesischer Firmen ist daher seit Jahren rückläufig.
Die schiere Schwemme an chinesischen Produkten auf dem Weltmarkt sorgt überdies zunehmend für Spannungen mit dem Ausland. Zwar profitieren ausländische Konsumenten von günstigen chinesischen Produkten, doch der Verlust einheimischer Arbeitsplätze in der Industrie wiegt aus Sicht der meisten Länder inzwischen schwerer. Die Wissenschaftler David Autor, David Dorn und Gordon Hanson haben präzise beschrieben, wie die Integration chinesischer Firmen in die Weltwirtschaft zu einem Verlust von Arbeitsplätzen in der amerikanischen Industrie geführt hat. Sie warnen davor, dass sich der sogenannte «China-Schock 1.0» der USA als «China-Schock 2.0» in Europa wiederholen könnte.
Chinesische Exportpreise im Sinkflug
Güterexportpreise (USD, 2019=100)
Wunsch nach Eigenständigkeit verbietet Kurswechsel
Aus ökonomischer Sicht wäre eine Stärkung des chinesischen Binnenkonsums zulasten der Industrie zu empfehlen, um das makroökonomische Ungleichgewicht zu beheben. Doch eine Abkehr vom exportorientierten Wachstum hin zu einem starken Sozialstaat findet sich im neuen Fünfjahresplan nicht. Im Gegenteil. Der neue Plan setzt die bisherige Politik fort. Die Förderung der Industrie spielt weiter eine gewichtige Rolle, auch wenn sich der Fokus weg von der verarbeitenden Industrie hin zur Stärkung digitaler Kompetenzen, wie Robotik und künstlicher Intelligenz verlagert. Schliesslich ist der Fokus auf Technologie dem Wunsch nach Unabhängigkeit geschuldet. Xi Jinping hat das Augenmerk auf die Eigenständigkeit Chinas im Vergleich zu seinen Vorgängern gar nochmals verstärkt. In der gegenwärtig angespannten geopolitischen Lage wird die Reduktion von Abhängigkeiten für ihn zum wichtigen Element der nationalen Sicherheitspolitik. Gerade der Handelskonflikt und die strategische Rivalität mit den USA bestärken die chinesische Führung daher in ihrer Haltung und führen dazu, dass der bisherige Kurs fortgesetzt wird. Mao hat immer wieder darüber geschrieben, dass andere Länder die Abhängigkeit Chinas ausnutzen. Die chinesische Führungsriege zeigt mit dem 15. Fünfjahresplan, dass sie alles daran setzt, dass sich diese Erfahrung nicht wiederholt.