Geopolitik treibt Energiewende
Elektrifizierung, Digitalisierung und Energiewende erhöhen den Strombedarf kontinuierlich. Mit dem Nahostkonflikt rückt zudem die geostrategische Sicherung der Energieversorgung in den Vordergrund und damit die Bereitschaft, stärker in die Energiewende zu investieren – aber möglichst breit.
Text: Manuel Ferreira
Von Öl- zu Stromintensiv
Die Energiestruktur der Weltwirtschaft hat sich über die Jahrzehnte verändert. Moderne Volkswirtschaften werden zunehmend strom- und weniger ölintensiv. Früher hing das Wirtschaftswachstum stärker vom Ölverbrauch ab, etwa im Transportsektor oder in der Industrie. Heute ist der Beitrag des Dienstleistungssektors am Bruttoinlandprodukt grösser und digitale Technologien, Rechenzentren, Elektromobilität und automatisierte Produktionssysteme spielen eine immer grössere Rolle. Diese Entwicklungen benötigen vor allem grosse Mengen an elektrischem Strom. Eine Entwicklung, die bereits vor dem Krieg in der Ukraine vorgespurt war. Mit der Idee fossile Energieträger langfristig zu ersetzen und die CO -Emissionen zu senken, setzt Europa stark auf den Ausbau von Wind- und Solarenergie sowie auf Elektromobilität. Und während China massiv in Solar- und Batterietechnologien investierte, versuchten die USA unter der letzten Regierung unter anderem mit Förderprogrammen für Elektroautos und grüne Technologien den Übergang zu einer klimafreundlicheren Wirtschaft zu beschleunigen. Zu einem gewichtigen Treiber des steigenden Strombedarfs ist nun die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz geworden. Moderne KI-Systeme benötigen enorme Rechenkapazitäten, die wiederum einen sehr hohen Energieverbrauch verursachen. Seit 2023 beobachten wir eine Entkopplung der Stromproduktion bzw. -nachfrage von der wirtschaftlichen Wachstumsdynamik (vgl. Grafik).
Stromproduktion entkoppelt sich von Wirtschaftswachstum
Jahresveränderungsraten in %
Grosse Rechenzentren verbrauchen bereits heute so viel Strom wie ganze Städte. Da KI in Zukunft in immer mehr Bereichen eingesetzt wird – etwa in der Industrie, im Gesundheitswesen, im Finanzsektor oder in der Forschung – wird der weltweite Strombedarf gemäss Schätzungen von Bloomberg New Energy Finance (BNEF) bis 2035 um 30 Prozent steigen. Dadurch wird die sichere Versorgung mit Elektrizität zu einer zentralen Voraussetzung für wirtschaftliche Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit. Dies erhöht den Druck auf Staaten, ihre Stromproduktion auszubauen und gleichzeitig stabile Netze und Speichersysteme zu entwickeln (vgl. Grafik).
Versorgungssicherheit löst Klimawandel ab
Vor dem Krieg in der Ukraine standen die Energiepolitik und Investitionen in erneuerbare Energien vor allem im Zeichen des Klimawandels. Seither liegt die Priorität in der strukturellen Sicherung der Energieversorgung. Die Unsicherheit im Nahen Osten verstärken nun diese Entwicklung. Der Einsatz des Energiehandels als politisches Druckmittel zeigt, dass Energie nicht mehr nur ein wirtschaftlicher Faktor, sondern wieder eine strategische Frage der nationalen Sicherheit ist. Die Sicherung der Energieversorgung stellt daher eine geostrategische Notwendigkeit dar. Insbesondere in Regionen wie Europa, Indien und Asien, die allesamt Nettoimporteure fossiler Energieträger sind, ist damit zu rechnen, dass sie ihre Abhängigkeit von anderen Öl- und Gasexporteuren in der Energieerzeugung reduzieren werden. Das dürfte zu einem beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien und zu einer stärkeren Diversifikation der Energiequellen führen. Was wie «alter Wein in neuen Schläuchen» daherkommt und früher ein erklärtes Ziel der Klimapolitik war, wird nun zur politischen Priorität im Rahmen der nationalen Sicherheit.
Eine sichere Stromversorgung ist auch aus struktureller Sicht eine Notwendigkeit, denn die wirtschaftliche Einbindung neuer Technologien wie künstliche Intelligenz und Automatisierung ist sehr energieintensiv. Versorgungssicherheit mit unterschiedlichen Strategien In der Sicherung der Energieversorgung unterscheiden sich die Strategien der grossen Wirtschaftsräume teilweise stark voneinander. Die USA verfolgen einen technologieoffenen Ansatz. Einerseits investieren sie, entgegen der Agenda der aktuellen US-Administration, weiterhin in erneuerbare Energien wie Solar- und Windkraft sowie Batterien und andere grüne Technologien – wenn auch weniger als die anderen Regionen. Andererseits setzen sie gleichzeitig weiterhin auf Erdgas und die Ölproduktion, um ihre Energieunabhängigkeit zu sichern. Zusätzlich gewinnt die Kernenergie wieder an Bedeutung, da sie als stabile und CO2-arme Stromquelle betrachtet wird. China verfolgt eine langfristige und strategisch zentral gesteuerte Energiepolitik. Das Land ist heute weltweit führend bei der Produktion von Solarpanels, Batterien und Elektroautos. Gleichzeitig baut China seine Stromproduktion massiv aus, um den wachsenden Energiebedarf der Industrie und der Digitalisierung zu decken. Obwohl China weiterhin auf Kohlekraftwerke setzt, investiert das Land stärker als jede andere Volkswirtschaft in erneuerbare Energien. Ziel ist es, technologische Führerschaft zu erreichen und gleichzeitig die Abhängigkeit von Energieimporten zu reduzieren.
Investitionen in die Energiesektoren nehmen zu
in Milliarden USD nach Energiesektoren
Europa setzt besonders stark auf erneuerbare Energien und Energieeffizienz beim Endverbraucher. Der Ausbau von Wind- und Solarenergie soll nicht nur dem Klimaschutz dienen. Es ist für Europa zusammen mit der Kernenergie, die in der Statistik unter emissionsarme Energieerzeugung aufgeführt wird, die einzige Möglichkeit, die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten zu verringern. Gleichzeitig investiert Europa in die Infrastruktur für die Energieversorgung. Allerdings steht Europa vor Herausforderungen, da der Ausbau der Infrastruktur oft langsamer verläuft als geplant und die Strompreise teilweise hoch bleiben. Japan und Südkorea verfügen kaum über eigene fossile Rohstoffe und Japan war nach der Fukushima-Katastrophe lange Zeit skeptisch gegenüber der Kernenergie. Beide setzen heute auf einen breiten Energiemix. Neben erneuerbaren Energien spielt die Wiederinbetriebnahme von Kernkraftwerken eine wichtige Rolle. Zudem investiert Japan stark in Wasserstofftechnologien und ähnlich wie Europa in energieeffiziente Industrieprozesse, um die Versorgungssicherheit langfristig zu gewährleisten.
Gesamte Wertschöpfungskette mit Investitionsbedarf
Insgesamt zeigt sich, dass die globale Energiepolitik heute nicht mehr ausschliesslich vom Klimaschutz geprägt ist. Geopolitische Konflikte, technologische Entwicklungen und die zunehmende Elektrifizierung der Wirtschaft verändern die Prioritäten vieler Staaten grundlegend. Strom wird zur entscheidenden Ressource des 21. Jahrhunderts. Länder, die ihre Stromversorgung sicher, günstig und technologisch modern gestalten können, werden in Zukunft wirtschaftliche und geopolitische Vorteile besitzen. In Europa und Asien stehen dabei Investitionen in alternative Produktionsmethoden und Energieträger für die Stromerzeugung im Vordergrund. Im Bereich der Energieübertragung besteht Bedarf nach Modernisierung und Ausbau der Versorgungsinfrastruktur sowie nach Effizienzsteigerungen beim Verbrauch. Zudem reduziert das Vorantreiben der Elektromobilität die Importabhängigkeit von fossilen Treibstoffen. Es ist davon auszugehen, dass die strategisch und politisch motivierten Investitionen in die gesamte Wertschöpfungskette der Energieinfrastruktur hoch bleiben und sogar zunehmen werden.
Unternehmen, die Lösungen für eine Modernisierung der Energieerzeugung und -versorgung bereitstellen, weckten bereits vor Ausbruch des Krieges im Iran das Interesse der Investorengemeinschaft. Leitindizes, die die Aktienkurse dieses Wirtschaftszweigs abbilden, weisen seit dem «Liberation Day» im April 2025 eine Überrendite gegenüber denen des herkömmlichen Energiesektors auf. Dies ist einerseits auf die geopolitischen Spannungen, andererseits auf die enormen Investitionen im stromintensiven KI-Bereich zurückzuführen. Die Aufhebung der Strafzölle unmittelbar nach dem «Liberation Day» beflügelte die KI-Investitionen; Der damit verbundene Energiebedarf lenkte das Investitionskapital in Richtung «Clean Energy Transition». Die Kursavancen nach Ausbruch des Irankriegs stehen dagegen stärker im Zusammenhang mit der geostrategischen Sicherung der Energieversorgung und der Substitution fossiler durch alternative Energieträger.