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Geo­politik treibt Energie­wende

Elektrifizierung, Digitalisierung und Energie­wende erhöhen den Strom­bedarf kontinuierlich. Mit dem Nahost­konflikt rückt zudem die geostrategische Sicherung der Energie­versorgung in den Vorder­grund und damit die Bereit­schaft, stärker in die Energie­wende zu investieren – aber möglichst breit.

Text: Manuel Ferreira

Manuel Ferreira, Chefstratege Zürcher Kantonalbank
Bild: Christian Grund

Von Öl- zu Strom­intensiv

Die Energie­struktur der Welt­wirtschaft hat sich über die Jahrzehnte verändert. Moderne Volks­wirtschaften werden zunehmend strom- und weniger ölintensiv. Früher hing das Wirtschafts­wachstum stärker vom Ölverbrauch ab, etwa im Transport­sektor oder in der Industrie. Heute ist der Beitrag des Dienstleistungs­sektors am Brutto­inlandprodukt grösser und digitale Technologien, Rechen­zentren, Elektro­mobilität und automatisierte Produktions­systeme spielen eine immer grössere Rolle. Diese Entwicklungen benötigen vor allem grosse Mengen an elektrischem Strom. Eine Entwicklung, die bereits vor dem Krieg in der Ukraine vorgespurt war. Mit der Idee fossile Energie­träger langfristig zu ersetzen und die CO -Emissionen zu senken, setzt Europa stark auf den Ausbau von Wind- und Solar­energie sowie auf Elektro­mobilität. Und während China massiv in Solar- und Batterie­technologien investierte, versuchten die USA unter der letzten Regierung unter anderem mit Förder­programmen für Elektro­autos und grüne Technologien den Übergang zu einer klima­freundlicheren Wirtschaft zu beschleunigen. Zu einem gewichtigen Treiber des steigenden Strom­bedarfs ist nun die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz geworden. Moderne KI-Systeme benötigen enorme Rechenkapazitäten, die wiederum einen sehr hohen Energie­verbrauch verursachen. Seit 2023 beobachten wir eine Entkopplung der Strom­produktion bzw. -nachfrage von der wirtschaftlichen Wachstums­dynamik (vgl. Grafik). 

Strom­produktion entkoppelt sich von Wirtschafts­wachstum

Jahres­veränderungsraten in %

Quellen: Zürcher Kantonalbank, LSEG Datastream

Grosse Rechen­zentren verbrauchen bereits heute so viel Strom wie ganze Städte. Da KI in Zukunft in immer mehr Bereichen eingesetzt wird – etwa in der Industrie, im Gesundheits­wesen, im Finanzsektor oder in der Forschung – wird der weltweite Strom­bedarf gemäss Schätzungen von Bloomberg New Energy Finance (BNEF) bis 2035 um 30 Prozent steigen. Dadurch wird die sichere Versorgung mit Elektrizität zu einer zentralen Voraussetzung für wirtschaftliche Stabilität und Wettbewerbs­fähigkeit. Dies erhöht den Druck auf Staaten, ihre Strom­produktion auszubauen und gleichzeitig stabile Netze und Speicher­systeme zu entwickeln (vgl. Grafik). 

Versorgungs­sicherheit löst Klima­wandel ab

Vor dem Krieg in der Ukraine standen die Energie­politik und Investitionen in erneuerbare Energien vor allem im Zeichen des Klima­wandels. Seither liegt die Priorität in der strukturellen Sicherung der Energie­versorgung. Die Unsicherheit im Nahen Osten verstärken nun diese Entwicklung. Der Einsatz des Energie­handels als politisches Druckmittel zeigt, dass Energie nicht mehr nur ein wirtschaftlicher Faktor, sondern wieder eine strategische Frage der nationalen Sicherheit ist. Die Sicherung der Energie­versorgung stellt daher eine geostrategische Notwendig­keit dar. Insbesondere in Regionen wie Europa, Indien und Asien, die allesamt Netto­importeure fossiler Energie­träger sind, ist damit zu rechnen, dass sie ihre Abhängigkeit von anderen Öl- und Gas­exporteuren in der Energie­erzeugung reduzieren werden. Das dürfte zu einem beschleunigten Ausbau erneuer­barer Energien und zu einer stärkeren Diversifikation der Energie­quellen führen. Was wie «alter Wein in neuen Schläuchen» daherkommt und früher ein erklärtes Ziel der Klima­politik war, wird nun zur politischen Priorität im Rahmen der nationalen Sicherheit.

Eine sichere Strom­versorgung ist auch aus struktureller Sicht eine Notwendigkeit, denn die wirtschaftliche Einbindung neuer Technologien wie künstliche Intelligenz und Automati­sierung ist sehr energie­intensiv. Versorgungs­sicherheit mit unterschiedlichen Strategien In der Sicherung der Energie­versorgung unterscheiden sich die Strategien der grossen Wirtschafts­räume teilweise stark voneinander. Die USA verfolgen einen technologie­offenen Ansatz. Einerseits investieren sie, entgegen der Agenda der aktuellen US-Administration, weiterhin in erneuerbare Energien wie Solar- und Windkraft sowie Batterien und andere grüne Technologien – wenn auch weniger als die anderen Regionen. Andererseits setzen sie gleichzeitig weiterhin auf Erdgas und die Ölproduktion, um ihre Energie­unabhängigkeit zu sichern. Zusätzlich gewinnt die Kern­energie wieder an Bedeutung, da sie als stabile und CO2-arme Stromquelle betrachtet wird. China verfolgt eine langfristige und strategisch zentral gesteuerte Energie­politik. Das Land ist heute weltweit führend bei der Produktion von Solar­panels, Batterien und Elektro­autos. Gleichzeitig baut China seine Strom­produktion massiv aus, um den wachsenden Energie­bedarf der Industrie und der Digitalisierung zu decken. Obwohl China weiterhin auf Kohle­kraftwerke setzt, investiert das Land stärker als jede andere Volks­wirtschaft in erneuerbare Energien. Ziel ist es, technologische Führerschaft zu erreichen und gleichzeitig die Abhängigkeit von Energie­importen zu reduzieren. 

Investitionen in die Energie­sektoren nehmen zu

in Milliarden USD nach Energie­sektoren

*nach Erzeugungsmethoden, Energieträger und Verteilung Quellen: Zürcher Kantonalbank, International Energy Agency (IEA)

Europa setzt besonders stark auf erneuerbare Energien und Energie­effizienz beim End­verbraucher. Der Ausbau von Wind- und Solar­energie soll nicht nur dem Klima­schutz dienen. Es ist für Europa zusammen mit der Kern­energie, die in der Statistik unter emissionsarme Energie­erzeugung aufgeführt wird, die einzige Möglichkeit, die Abhängigkeit von fossilen Energie­importen zu verringern. Gleichzeitig investiert Europa in die Infrastruktur für die Energie­versorgung. Allerdings steht Europa vor Heraus­forderungen, da der Ausbau der Infrastruktur oft langsamer verläuft als geplant und die Strom­preise teilweise hoch bleiben. Japan und Südkorea verfügen kaum über eigene fossile Rohstoffe und Japan war nach der Fukushima-­Katastrophe lange Zeit skeptisch gegenüber der Kernenergie. Beide setzen heute auf einen breiten Energiemix. Neben erneuer­baren Energien spielt die Wieder­inbetriebnahme von Kernkraft­werken eine wichtige Rolle. Zudem investiert Japan stark in Wasserstoff­technologien und ähnlich wie Europa in energie­effiziente Industrie­prozesse, um die Versorgungs­sicherheit langfristig zu gewährleisten.

Gesamte Wertschöpfungs­kette mit Investitions­bedarf

Insgesamt zeigt sich, dass die globale Energie­politik heute nicht mehr ausschliesslich vom Klima­schutz geprägt ist. Geopolitische Konflikte, technolo­gische Entwicklungen und die zunehmende Elektrifizierung der Wirtschaft verändern die Prioritäten vieler Staaten grundlegend. Strom wird zur entscheidenden Ressource des 21. Jahrhunderts. Länder, die ihre Strom­versorgung sicher, günstig und technologisch modern gestalten können, werden in Zukunft wirtschaftliche und geopolitische Vorteile besitzen. In Europa und Asien stehen dabei Investitionen in alternative Produktions­methoden und Energie­träger für die Strom­erzeugung im Vordergrund. Im Bereich der Energie­übertragung besteht Bedarf nach Modernisierung und Ausbau der Versorgungs­infrastruktur sowie nach Effizienz­steigerungen beim Verbrauch. Zudem reduziert das Vorantreiben der Elektro­mobilität die Importab­hängigkeit von fossilen Treibstoffen. Es ist davon auszugehen, dass die strategisch und politisch motivierten Investitionen in die gesamte Wertschöpfungs­kette der Energie­infrastruktur hoch bleiben und sogar zunehmen werden.

Unternehmen, die Lösungen für eine Moderni­sierung der Energie­erzeugung und -versorgung bereitstellen, weckten bereits vor Ausbruch des Krieges im Iran das Interesse der Investoren­gemeinschaft. Leitindizes, die die Aktien­kurse dieses Wirtschafts­zweigs abbilden, weisen seit dem «Liberation Day» im April 2025 eine Überrendite gegenüber denen des herkömmlichen Energie­sektors auf. Dies ist einerseits auf die geopolitischen Spannungen, andererseits auf die enormen Investitionen im stromintensiven KI-Bereich zurückzuführen. Die Aufhebung der Strafzölle unmittelbar nach dem «Liberation Day» beflügelte die KI-Investitionen; Der damit verbundene Energie­bedarf lenkte das Investitionskapital in Richtung «Clean Energy Transition». Die Kursavancen nach Ausbruch des Irankriegs stehen dagegen stärker im Zusammenhang mit der geostrategischen Sicherung der Energie­versorgung und der Substitution fossiler durch alternative Energie­träger. 

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