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Halbzeit im Anlagejahr 2026

Die längste Fussballwelt­meisterschaft ist vorbei, und während sich die Fussball­welt zurücklehnt, beginnt im Anlagejahr 2026 die zweite Halbzeit. Wir blicken auf die erste Jahres­hälfte zurück, prüfen unsere Erwar­tungen und passen den Kurs an. Themen wie Künstliche Intelli­genz und Energie bleiben zentral, während die Geldpolitik restriktiver wird und in den USA die Zwischen­wahlen näher rücken.

Text: Manuel Ferreira

Mann in Fussballtrickot köpfelt einen Fussball nach oben, hinten jubeln Fans
Bild: istock/GettyImages

Wegen der langen FIFA-Fussball­weltmeisterschaft liess die übliche Sommerruhe dieses Jahr etwas länger auf sich warten und an den Finanz­märkten fällt es Anleger­innen und Anlegern schwer, den Autopiloten zu aktivieren. Die angespannte Lage im Nahen Osten, wo die für den globalen Ölhandel wichtige Strasse von Hormus zum Spielball des Konflikts zwischen dem Iran und den USA geworden ist, sorgt dafür, dass sich an den Börsen Gewinn­mitnahmen und Kauf­gelegenheiten häufiger als üblich in der Sommer­ferienzeit tauschen. Filtert man dieses Grund­rauschen allerdings aus, erkennt man ein weiterhin konstruktives Anlage­umfeld.

Der positive Gewinnzyklus der Unternehmen ist intakt und deren Bericht­erstattung für das zweite Quartal 2026 hat gerade erst begonnen. Obwohl die Gewinn­erwartungen der Anleger­innen und Anleger erhöht sind, sind sie nicht überzogen. Finanz­analysten gehen davon aus, dass das Enttäuschungs­potenzial beim Rückblick eher gering ist. Demgegenüber bietet der Ausblick auf die zweite Jahres­hälfte mehr Chancen als Risiken.

Gut temperierte Konjunktur und Geldpolitik

Die aktuell positive Gewinn­dynamik der Unternehmen stimmt uns auch für die zweite Jahreshälfte zuversichtlich. In der aggregierten Betrachtung wird diese zwar etwas abnehmen, allerdings zugunsten eines breiter abgestützten Gewinn­wachstums. Die Gewinn­dynamik verlagert sich vom Technologie­sektor allmählich auf die anderen Sektoren. Im Fachjargon sprechen wir in diesem Zusammen­hang von einer zunehmenden Marktbreite. Sie zeichnet sich durch ein über alle Sektoren besser verteiltes Gewinn­wachstum aus. Dies wirkt der hohen Markt­konzentration im Technologie­sektor entgegen, der die kräftige Aktien­markterholung seit Beginn des Krieges im Iran angeführt hat, und verbessert die Diversi­fikation im Portfolio.

Damit die Gewinne breiter abgestützt sind, müssen allerdings mindestens zwei Bedingungen erfüllt sein: Die Konjunktur darf nicht an Traktion verlieren und die Liquiditäts­versorgung muss positiv bleiben. Trotz der geopoli­tischen Widrigkeiten signalisieren die wirtschaft­lichen Indikatoren eine rege Aktivität und der Arbeitsmarkt weist die richtige Temperatur auf. Er ist robust, droht glücklicher­weise aber nicht zu überhitzen, sondern kühlt sich viel mehr etwas ab. Im aktuellen Umfeld ist die grösste Sorge der Notenbanken eine wieder aufkeimende Inflation. Auch ein anziehender Arbeitsmarkt würde eine straffere Geldpolitik verlangen. Der Inflations­anstieg ist auf die höheren Energiepreise zurück­zuführen und kann ohne Anzeichen eines anziehenden Lohn­wachstums als temporär und exogen eingeordnet werden. Gleichwohl müssen die Notenbanken ihre Bereitschaft aufrecht­erhalten, dezidiert gegen ein inflationäres Umfeld einzuschreiten. Entgegen unseren Erwartungen zu Jahres­beginn, als wir noch von Zins­senkungen in den USA ausgingen, sind die Notenbanken wieder restriktiver geworden. So hat die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Leit­zinsen im Juni bereits angehoben und für die nächste Sitzung im September einen weiteren Zinsschritt in Aussicht gestellt. Auch in den USA geht mittler­weile die Mehrheit der Markt­teilnehmer von Zins­erhöhungen in den kommenden Monaten aus. Zwar glauben wir, dass eine Zins­erhöhung in den USA nicht nötig ist, jedoch schafft die aktuell restriktivere Haltung der Notenbanken im Moment mehr Stabilität als Stress, was vielleicht nicht ganz intuitiv ist. In Abwesenheit offen­sichtlicher rezessiver Kräfte spricht ein Umfeld mit einer erhöhten, eng überwachten Inflation eher für Aktien als für Obligationen. Deshalb akzentuieren wir anlage­technisch die bereits bestehende strategische Bevorzugung von Aktien gegenüber Obligationen und Liquidität mit einer taktischen Über­gewichtung.

Künstliche Intelligenz geht in die nächste Runde

Künstliche Intelligenz (KI) spaltet weiterhin die Gemüter. Und zwar nicht nur im Zusammen­hang mit der Frage, ob wir uns in einer «Techblase» befinden. Die technolo­gische Entwicklung kurbelt den Investitions­zyklus an und schafft damit einerseits Zuversicht für die Real­wirtschaft. Andererseits entstehen jedoch auch Unsicher­heiten über den Nutzen und die Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft. Die Hoffnung, dass die aus der neuen Technologie entstandenen Produktivitäts­gewinne punktuelle Friktionen am Arbeits­markt überkompen­sieren werden, ist unserer Meinung nach gerechtfertigt. Ohne dabei den kritischen Blick zu vernachlässigen, müssen wir uns als professionelle Anleger, die sich an der allgemeinen Markt­entwicklung messen lassen müssen, die Frage stellen: Können wir es uns leisten, nicht in dieses zukunfts­trächtige Thema zu investieren? Die Antwort ist nein. Wir werden auch in der zweiten Jahreshälfte in den KI-Trend investieren, wollen unser Engagement im Technologie­sektor aber dosieren und besser diversifizieren. KI kann eine ähnlich revolutionäre Wirkung entfalten wie die Erfindung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert, die Elektri­fizierung der Welt in den 1920er-Jahren und das Einläuten des kommerziellen Internet­zeitalters in den 1990er-Jahren. All diese Errungen­schaften haben drei Dinge gemeinsam: Sie zogen zu Beginn ihrer Entwicklung viel Investitions­kapital an. Dies führte entweder zum Aufbau von Überkapa­zitäten mit entsprechendem Angebots­überschuss oder zu einer Überbe­wertung der Unternehmen. Nach dem Platzen der Blase blieb eine «unsichtbare Infrastruktur» zurück, die für die Gesellschaft und Wirtschaft dennoch ungemein nützlich blieb, während die Gewinn­spanne der Unternehmen, welche diese Infrastruktur bereitstellen, sank. Deshalb ist Wachsamkeit oberstes Gebot.

Die Geschichte wiederholt sich vielleicht nicht, aber sie reimt sich. Die sorglose Aussage, dass es dieses Mal anders ist, wollen wir vermeiden. Deshalb beobachten wir die Entwicklungen im Technologie­sektor über die gesamte Wertschöpfungs­kette hinweg genau. Das heisst, wir verlagern unsere Anlagen bei Bedarf zwischen Zulieferern, Anbietern von Infrastruktur und Werkzeug­herstellern, anstatt nur in das Unternehmen zu investieren, welches das Endprodukt herstellt. Diese Anlage­strategie ist aus dem Zeitalter des Goldrausches bekannt. Denn bevor Goldgräber auch nur eine Unze des gelben Metalls aus dem Boden geholt hatten, hatten sich die Hersteller von Schaufeln und Spitzhacken bereits eine goldene Nase verdient. Und zwar völlig unabhängig davon, welche Goldschürfer letztlich das Rennen machten. Wenn wir diese Analogie auf den KI-Trend anwenden, dann entsprechen heutige «Hyperscaler» wie die Erbauer von Daten­rechenzentren, Energielie­feranten und Chip-Produzenten den Anbietern von Schürfwerkzeugen für die Goldsuche. KI-Applikationen stellen die Goldschürfer dar und die entsprechenden Unternehmen werden heute noch gar nicht an der Börse gehandelt. Aus diesem Grund erregen die Börsengänge von OpenAI oder Anthropic so viel Aufmerksamkeit.

Drei Themen zur Energiewende

Ausbau erneuerbare Energien

Die Energiegewinnung aus Sonne, Wind, Wasser und Geothermie steht weiterhin im Zentrum der Energiewende. Für die Solar- und Windenergie prognostiziert die internationale Energieagentur (IEA) die grössten Investitionszuwächse. Die Wertschöpfungskette der erneuerbaren Energien ist sehr umfangreich.

Elektrifizierung und Stromnetze

Die Energieerzeugung und der Verbrauch müssen vermehr orts- und zeitunabhängig sein. Daher sind Speichertechnologien und leistungsfähige Stromnetze notwendig. Die IEA rechnet für die nächsten fünf Jahren in diesen Bereichen mit einem jährlichen Investitionsanstieg von heute USD 400 Mrd auf USD 600 Mrd.

Ausbau emissionsarme Energien

Die Klimakonferenz im Jahr 2023 (COP28) markierte ein Umdenken zur Atomenergie und hat diese trotz des radioaktiven Abfallmaterials wieder als CO2-arme, alternative Energiequelle ins Spiel gebracht. 22 Länder bekundeten ihre Absicht, den Einsatz von Kernenergie bis 2050 zu verdreifachen.

Geopolitik treibt die Energie­wende

Eine erneute Energie- bzw. Ölkrise stand nicht in unserem Plot für den Jahresausblick 2026. Zwar hatten wir Energie als treibendes Anlagethema beschrieben, aber der Kontext war ein anderer. In unserem Anlage­ausblick für den Energies­ektor stand der steigende Bedarf nach Strom im Vordergrund. Neben den strukturellen Treibern wie der globalen Elektrifi­zierung und das Erreichen der Klimaziele sorgt der steigende Energiebedarf im Zusammen­hang mit KI-Investitionen für ein Revival der Energie­wende. Unternehmen, die über alle Wertschöpfungs­etappen Lösungen und eine Moderni­sierung der alternativen Erzeugung von und Versorgung mit Energie bereit­stellen, weckten bereits nach dem «Liberation Day» im April 2025 zusammen mit der KI-Rally das Interesse der Investoren­gemeinschaft. Nach dem Ausbruch des Iran-Kriegs steht das Interesse für das Anlage­thema Energiewende besonders auch im Zusammenhang mit der geostrate­gischen Sicherung der Energie­versorgung und der Substitution fossiler durch alternative Energie­träger.

Der steigende Strombedarf und die Energie­wende sind deshalb Anlagethemen, die wir weiterhin in unseren Portfolios berücksichtigen. Geopolitische Konflikte, technologische Entwicklungen und die zunehmende Elektrifi­zierung der Wirtschaft verändern die Prioritäten vieler Staaten grundlegend. Strom wird zur entscheidenden Ressource des 21. Jahrhunderts. Länder, die ihre Strom­versorgung sicher, günstig und technologisch modern gestalten können, werden in Zukunft wirtschaftliche und geopolitische Vorteile besitzen. Es ist davon auszugehen, dass die strategisch und politisch motivierten Investitionen in die gesamte Wertschöpfungs­kette der Energie­erzeugung und Energie­versorgung zunehmen werden. Und zwar von der Forschung für neue und alternative Strom­erzeugung über die dazu benötigten Rohstoffe und Infra­struktur bis hin zum optimierten Endverbrauch. Wir teilen die Investitions­möglichkeiten in das Thema Energie­wende in drei Felder auf: Erneuerbare Energien, Elektrif­izierung und Stromnetze sowie Atomenergie.

Manuel Ferreira, Chefstratege Zürcher Kantonalbank (Bild: Andreas Guntli)

Beim Geldanlegen bleibt eine breite Diversi­fikation wichtig

Manuel Ferreira, Chefstratege

Wo liegen die Herausforderungen?

Technologie­unternehmen stehen im Wettbewerb zueinander und Investoren schauen genauer hin, wie gut sich ihre Investitionen rentieren. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass das eine oder andere Tech-Unternehmen taumeln könnte. Umso wichtiger ist die Anlage­diversifikation bereits auf der Ebene der Sektoren. Aufgrund des Iran-Kriegs und vor allem wegen des unsicheren Handels­verkehrs durch die Strasse von Hormus bleibt die globale Energie­versorgung angespannt. Eine Normalisierung des Ölangebots aus dem Nahen Osten wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Zwar erwarten wir keine globale Energiekrise, aber Ölpreise zwischen 70 und 90 US-Dollar pro Fass werden bleiben vorerst die neue Realität. Natürlich stellen die erhöhten Energiepreise eine Heraus­forderung für die Inflations­entwicklung und somit für die Notenbanken dar.

Die Neukalibrierung der Geldpolitik ist kein linearer Prozess. Wir sind der Meinung, dass besonnenes Handeln der Notenbanken die Märkte stabilisieren kann. Falls sich die Inflation aber beispielsweise aufgrund sich verstärkender Zweitrunden­effekte im Zusammen­hang mit erhöhten Ölpreisen zum Risiko entwickelt, wird auch die US-Notenbank die Zinsen erhöhen. Beruhigend hierbei ist, dass am Zinsterminmarkt bereits zwei Zinser­höhungen durch die US-Notenbank (Fed) erwartet werden. Zu guter Letzt könnten auch die Zwischen­wahlen (Midterm Elections) in den USA im November für etwas Volatilität im Vorfeld sorgen. Umfragen deuten darauf hin, dass die Demokraten die Mehrheit im Repräsentanten­haus und die Republikaner die Mehrheit im Senat stellen werden. In der Vergangenheit zeigte sich ein gespaltenes Parlament für die Finanzmärkte meist vorteilhaft, da keine grundlegenden wirtschafts­politischen Entscheidungen getroffen werden konnten. Im aktuellen Umfeld könnte die hohe US-Verschuldung jedoch eine Finanz­konsolidierung oder allgemein mehr Haushalts­disziplin einfordern. Auch hier bedarf es einer differenzierten Einordnung. Was auf den ersten Blick eine Wachstums­verlangsamung zur Folge haben könnte, würde gleichzeitig die Inflationserwartungen senken, den Druck auf die Notenbanken reduzieren und die Renditen am Kapitalmarkt sowie die Kapitalkosten für Fremd­finanzierungen senken. Eine solche Entwicklung würden wir ähnlich wie die Neukalibrierung der Geldpolitik als stabilisierend für die Wirtschaft werten. In der Vergangenheit hat die Volatilität an den Aktien­märkten im Vorfeld der Zwischen­wahlen tendenziell zugenommen. Nach den Wahlen sank sie in der Regel wieder, unabhängig davon, welche Partei die Mehrheit im Kongress erlangte.

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