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Im Spannungsfeld von künstlicher Intelligenz und Demografie

Die künstliche Intelligenz birgt Potenzial für Fortschritt und Wachstum, weckt aber auch Ängste vor Arbeitsplatz­verlusten und Desinformation. Die bisherigen Entwicklungen und Analysen legen nahe, dass die positiven Aus­wirkungen auf den Arbeitsmarkt überwiegen. Somit könnten im Idealfall auch die grossen demo­grafischen Veränderungen zumindest teilweise aufgefangen werden.

Text: Martin Weder

human hand touching robotic hand
Künstliche Intelligenz beherrscht die Schlagzeilen (Bild: Getty Images)

Kaum ein Thema beschäftigt Unternehmen, Finanzmärkte und Medien derzeit so sehr wie die künstliche Intelligenz (KI). Die stark steigenden Gewinne und Investit­ionen der grossen Tech-Firmen sowie die zahlreichen Anwendungs­möglichkeiten in verschiedenen Branchen beflügeln seit einiger Zeit die Fantasien der Anlegerinnen und Anleger.

Den Hoffnungen auf Fortschritt und Wachstum stehen aber auch weit verbreitete Ängste und Sorgen über damit verbundene Arbeitsplatz­verluste, wirtschaftliche Unsicherheit sowie Verbreitung von Desinformation und Manipulation gegenüber. Beide Elemente entsprechen dem Muster vergangener technolo­gischer Fortschritte. So gibt es Parallelen zur Entwicklung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert. Die Begeisterung über das neue Transport­mittel führte dazu, dass Eisenbahn­unternehmen in den USA und in Grossbritannien den Aktienmarkt dominierten. Gleichzeitig gab es in der frühen Phase aber auch viele Unfälle sowie den weit verbreiteten Glauben, dass die hohe Geschwindigkeit und der Lärm körperliche und psychische Erkrankungen auslösen.

Ähnlich verhielt es sich zu Beginn der PC-Revolution in den 1970er- und 1980er-Jahren sowie beim Internet-Boom in den 1990er-Jahren. Das deutsche Nachrichten­magazin «Der Spiegel» betitelte im Jahr 1978 beispielsweise eine Ausgabe zur Computer-Revolution mit «Fortschritt macht arbeitslos». Die Geschichte scheint sich somit zu wiederholen. Oder ist dieses Mal bei der KI tatsächlich alles anders? 

Gute Ausgangs­lage stimmt zuversichtlich

Bevor wir einen Blick in die Zukunft werfen, lohnt sich ein Blick auf die aktuelle Lage und die bestehenden Trends am Arbeitsmarkt. So liegt die Arbeitlosenrate in den meisten Industrie­ländern derzeit auf einem tiefen Niveau. Dies liegt nicht etwa daran, dass viele Menschen die Arbeitssuche aufgegeben oder ihren Anspruch auf Arbeitslosen­unterstützung verloren haben. Vielmehr befindet sich die Erwerbs­beteiligung derzeit auf einem Rekordhoch. In den vergangenen Jahren hat vor allem bei den Frauen und bei den Angestellten im Alter von über 55 Jahren die Beschäftigung deutlich zugenommen. Weitere Trends sind die anhaltende Zunahme von Teilzeitarbeit sowie generell kürzere Arbeitszeiten, wobei Unter­suchungen zeigen, dass dies in den meisten Fällen den Bedürfnissen der Angestellten entspricht und somit freiwillig erfolgt. Aufgrund der konjunkturellen Verlangsamung und der hohen politischen Unsicherheit hat das Beschäftigungs­wachstum in den vergangenen Monaten aber deutlich abgenommen. Es sind weniger offene Stellen verfügbar, und vor allem junge Menschen haben vermehrt Mühe bei der Stellensuche. Insgesamt befindet sich der Arbeitsmarkt aber in einer guten Verfassung und sollte damit auch allfällige Schocks zumindest teilweise absorbieren können.

KI führt laut Firmen zu höherer Beschäftigung

Prognosen zu den Aus­wirkungen der KI auf den Arbeitsmarkt sind in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Die meisten davon sind jedoch spekulativ, darauf ausgerichtet, viel Aufmerksam­keit zu generieren, oder stark von der jeweiligen Weltan­schauung der Autoren getrieben. Aussage­kräftiger dürfte hingegen die Studie des World Economic Forum (WEF) aus dem vergangenen Jahr sein, da sie auf einer Erhebung bei über 1'000 grossen Unternehmen aus 55 Ländern mit 14 Millionen Angestellten beruht. Demnach erwarten die befragten Unternehmen, dass die KI bis 2030 zu einem Verlust von rund 9 Millionen Arbeits­plätzen führen wird. Gemessen an der aktuellen Beschäftigung von 1,2 Milliarden ist dieser Effekt nicht dramatisch. Gleichzeitig sollen mit der KI aber auch 11 Millionen neue Arbeitsstellen geschaffen werden. So nimmt bereits heute die Nachfrage nach KI- und Machine-­Learning-Spezialisten, Software- und Anwendungs­entwicklern oder Daten­analysten stark zu. Im Gegensatz zur Robotik und autonomen Systemen wird bei der KI per Saldo somit mit einer Zunahme der Beschäftigung gerechnet. Gemäss der Umfrage werden neben technischen Fähigkeiten in Zukunft kognitive und analytische Fähigkeiten, aber auch kreatives Denken, Flexibilität und Resilienz noch stärker gefragt sein. Umgekehrt dürften leicht automatisierbare Tätigkeiten unter Druck kommen. Ein besonders starker Beschäftigungs­rückgang ist gemäss WEF unter anderem bei Post- und Bank­angestellten, Daten­erfassern, Kassierern, Buchhaltern, Sach­bearbeitern, Juristen oder Telefon­verkäufern zu erwarten. 

Leicht beschleunigter Struktur­wandel

Zeitnahe Arbeitsmarkt­daten für die USA zeigen, dass sich die Berufsstruktur seit der Einführung von ChatGPT im Herbst 2022 nicht wesentlich schneller verändert hat als in früheren Phasen mit neuen bedeutenden Technologien wie dem Computer in den 1980er-Jahren und dem Internet in den 1990er-Jahren (vgl. Grafik). So üben derzeit rund 5 Prozent aller Angestellten einen anderen Beruf aus als noch vor drei Jahren, während es zu Beginn des Internet-Booms zum gleichen Zeitpunkt 3,8 Prozent% waren. Die KI wirkt bis jetzt somit nicht übermässig disruptiv. Dazu kommt, dass sich der US-Arbeitsmarkt im historischen Vergleich derzeit eher langsam verändert. Die grössten Umwälzungen gab es in der Nachkriegszeit der 1940er- und 1950er-Jahre. Geprägt vom hohen Wirtschafts­wachstum und neuen Bedürfnissen hat sich die Berufs­struktur damals sehr schnell verändert. Seither hat die Dynamik kontinuierlich abgenommen. Das ist allerdings auch nicht verwunderlich: Mehr als drei Viertel aller Beschäftigten arbeiten mittlerweile im Dienstleistungs­sektor, wo Produktivitäts­steigerungen schwieriger zu erreichen sind als in der Industrie und der Landwirtschaft. Dementsprechend steigt auch die Arbeits­produktivität viel langsamer als früher. In vielen Ländern nimmt die Beschäftigung derzeit vor allem im Gesundheits- und Bildungs­wesen sowie in der öffentlichen Verwaltung deutlich zu. Dabei handelt es sich um einen starken strukturellen Trend, den auch die KI nicht von heute auf morgen beenden wird. 

KI bisher ohne dramatische Auswirkungen

Anteil der Beschäftigten in einem neuen Beruf in Prozent

Quellen: Zürcher Kantonalbank, Yale Budget Lab, CPS

Zahlreiche Hürden für Durch­bruch der KI

Trotz des grossen Potenzials gibt es für einen raschen Durchbruch der KI in der Praxis zahlreiche Hürden. Zunächst braucht es für neue Technologien ein über­zeugendes Geschäfts­modell. Was banal klingt, ist bei der KI bisher noch keine Selbst­verständlichkeit. So ermittelte das Massachusetts Institute of Technology (MIT), dass 95 Prozent der Firmen bei der Anwendung von KI trotz höherer individueller Produktivität bisher keinen nennens­werten Effekt auf den Gewinn feststellen konnten. Die vom WEF befragten Unternehmen sehen fehlende Fähigkeiten oder Fachkräfte als das grösste Problem bei der Anwendung von KI. An zweiter Stelle folgen die Unternehmens­kultur und der Widerstand gegen Veränderungen. Ein weiterer Faktor ist die Zeit. Die vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, dass sich neue Technologien meistens schrittweise und nicht schlagartig durchsetzen. Computer und Internet haben beispielsweise nicht zu einem Produktivitäts­sprung geführt. Stattdessen gab es stetige, graduelle Verbesserungen. Darüber hinaus muss eine neue Technologie auch in der breiten Bevölkerung auf Akzeptanz stossen. Bedenken über einen unzureichenden Datenschutz, eine fehlende Regulierung und KI-Halluzinationen müssen ernst genommen werden. Mit neuen Technologien entstehen gleichzeitig auch neue Bedürfnisse und wachsende Anforderungen. So haben E-Mails die Kommunikation deutlich einfacher und effizienter gemacht. Gleichzeitig hat jedoch auch der Umfang der Kommunikation stark zugenommen und damit einen grossen Teil der Effizienz­gewinne wieder zunichtegemacht. 

Demografie verstärkt Fachkräfte­mangel

Die KI ist jedoch nicht der einzige Megatrend mit grossem Einfluss auf den Arbeitsmarkt. Mindestens ebenso wichtig ist die demografische Entwicklung. Im Gegensatz zur KI sorgen tiefere Geburten­raten, eine längere Lebens­erwartung und der schrittweise Austritt der geburten­starken Jahrgänge aus dem Erwerbsleben für deutlich weniger Schlagzeilen und Aufregung. Diese Veränderungen laufen vielmehr leise und langsam im Hintergrund ab. Sie sind deswegen aber nicht weniger wichtig. Das Jahr 2025 war dabei ein Wendepunkt: Erstmals in der Nachkriegszeit nahm in den Industrie­ländern die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (20 bis 64 Jahre) nicht mehr zu. Ab 2026 wird sie kontinuierlich abnehmen. In einigen Ländern wie Japan hat dieser Prozess zwar schon länger begonnen, neu findet er jedoch auf breiter Front statt. Die Prognosen der Vereinten Nationen sehen für Italien und Japan bis zum Jahr 2050 beispielsweise einen markanten Rückgang der erwerbstätigen Bevölkerung von über einem Viertel vor (vgl. Grafik). Für die Schweiz wird mit einem Minus von rund 9 Prozent gerechnet. Da viel mehr Menschen den Arbeitsmarkt verlassen als neu Eintretende nachkommen, wird sich der Fachkräfte­mangel graduell verschärfen. Selbst in Ländern wie Kanada und den USA, in denen die Erwerbs­bevölkerung dank anhaltender Zuwanderung weiter steigen soll, nimmt das Wirtschafts­wachstum in der Tendenz ab. Gleichzeitig steigen die öffentlichen Ausgaben für die Altersrenten sowie das Gesundheits­wesen deutlich, wobei immer weniger Erwerbs­tätige für immer mehr Rentnerinnen und Rentner aufkommen müssen.

Bevölkerung im erwerbs­fähigen Alter nimmt ab

Veränderung bis 2050

Quellen: Zürcher Kantonalbank, UNPD

Keine einfachen Gegen­mittel in Sicht

Im Gegensatz zur KI sind die Prognosen bei der Demografie mit deutlich weniger Unsicherheit behaftet. Dies liegt daran, dass demografische Veränderungen gradueller Natur sind und sich die wichtigsten Einfluss­faktoren nicht abrupt ändern. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass sich ein Rückgang der Erwerbs­bevölkerung und eine starke Zunahme der Anzahl der Rentnerinnen und Rentner kaum vermeiden lassen. Eine höhere Zuwanderung würde die Alterung der Gesellschaft und die damit verbundenen wirtschaft­lichen und finanziellen Heraus­forderungen zwar mildern. Um einen bedeutenden Einfluss zu haben, müsste sie jedoch deutlich höher ausfallen als im langjährigen Durchschnitt. Angesichts der Tatsache, dass viele Länder mit den gleichen Heraus­forderungen kämpfen, scheint dies unrealistisch, zumal es gegen eine starke Zunahme der Zuwanderung auch erheblichen politischen und gesellschaft­lichen Widerstand geben dürfte. Auch bei der Geburtenrate, die in den Industrie­ländern bei durchschnittlich 1,4 Kindern liegt und um 50 Prozent steigen müsste, um einen Bevölkerungs­rückgang zu vermeiden, ist trotz teilweise grosszügiger staatlicher Leistungen keine Verbesserung in Sicht. Zudem würde sich selbst ein sprunghafter Anstieg der Geburten­rate erst in 20 bis 25 Jahren auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar machen und käme damit viel zu spät. Längere Arbeits­zeiten widersprechen dem gegen­wärtigen Trend, während höhere Steuern oder eine Anhebung des Renten­alters in der Bevölkerung ausser­ordentlich unpopulär sind. 

Die Zukunft der Arbeit bleibt ungewiss

 Für den Arbeitsmarkt und das allgemeine Wohlstands­niveau hat die demografische Entwicklung somit weitreichende Auswirkungen. Falls es den westlichen Ländern nicht gelingt, die Erwerbs­beteiligung und die Arbeits­produktivität weiter zu erhöhen, dürfte nicht nur das Wirtschafts­wachstum, sondern auch der Lebensstandard abnehmen. Hier kommt die KI ins Spiel. Im Idealfall sorgt sie für eine höhere Arbeits­produktivität sowie mehr Innovation. Sie würde damit einen wichtigen Beitrag leisten, um die demografischen Heraus­forderungen bewältigen zu können. Vielleicht schafft die KI es aber auch nicht, die zahlreichen praktischen Hürden zu überwinden und die hoch­gesteckten Erwartungen zu erfüllen. So könnte es sein, dass sie den Fachkräfte­mangel in Bereichen wie Gesundheit, Bildung und Ingenieur­wesen nicht behebt, sondern lediglich den Struktur­wandel dort beschleunigt, wo er ohnehin stattfindet. Mit grosser Wahrschein­lichkeit resultiert weder ein dystopisches Szenario mit Massen­arbeitslosigkeit noch ein Schlaraffen­land, in dem alle Probleme und Aufgaben per Knopfdruck erledigt werden können. KI dürfte sich vor allem als nützliches Arbeits­instrument und als wichtiger persönlicher Assistent erweisen. Wie die Zukunft der Arbeit genau aussehen wird, kann schlussendlich niemand voraussagen. Aber sie wird nicht von den klugen und einflussreichen Köpfen im Silicon Valley gestaltet, sondern hängt von unzähligen einzelnen Entscheidungen und damit von uns allen ab. Oder wie es Dr. Emmett Brown, der exzentrische Wissen­schaftler und Erfinder einer Zeitmaschine in der Film-Trilogie «Zurück in die Zukunft» aus den 1980er-Jahren formuliert hatte: «Die Zukunft ist noch nicht geschrieben. Sie kann verändert werden!»     

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