Ungleicher Zugang zu Bildung spaltet Gesellschaft

Der rasante gesellschaftliche Wandel und die stetig steigenden Anforderungen beeinflussen die Bildungslandschaft – dies gilt auch für die Schweiz. Ist eine breite Akademisierung unserer Gesellschaft die Lösung? Dieser Frage geht David Marmet, Chefökonom Schweiz, im Beitrag nach.

Text: David Marmet

Langer historischer Saal mit Tischen und Stühlen
«Die Maturitätsquote ist in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen – dies ist insbesondere auf die Einführung der Berufsmaturität zurückzuführen», sagt David Marmet, Chefökonom Schweiz. (Bild: Getty Images)

Untersuchungen des britisch-US-amerikanischen Wirtschaftsnobelpreisträgers Angus Deaton zeigen, dass der Schulabschluss unsere Lebensqualität mitbestimmt. So leben gut ausgebildete Menschen deutlich länger. In den USA haben sich zum Beispiel die Todesfälle wegen Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie Selbstmord bei Menschen ohne Hochschulabschluss seit den 1990er-Jahren verdreifacht, während sie bei den besser Ausgebildeten stabil geblieben sind.

Deaton erklärt, dass man früher auch ohne Hochschulabschluss einen interessanten Beruf ausüben konnte. Der rasante gesellschaftliche Wandel im Zuge der Globalisierung und stetig steigende Anforderungen haben dies mittlerweile beinahe unmöglich gemacht.

Zugang zu Bildung nicht für alle gegeben

Ist die Lösung also eine breite Akademisierung unserer Gesellschaft? So einfach ist die Sache freilich nicht, denn selbst höhere Bildung verschärft die Unterschiede. Untersuchungen in Deutschland zeigen, dass sich ab Mitte der 1960er-Jahre die Anzahl der Hochschulen verdreifacht hat. Vom Studienboom haben indes vor allem Kinder von gut situierten und bildungsnahen Familien profitiert. Der Akademisierungsgrad hat sich in dieser Bevölkerungsgruppe nochmals deutlich erhöht.

Angehörige dieser Gruppe erwerben oft auch Diplome an ausländischen Eliteuniversitäten und steigen auf der Einkommensleiter rasch nach oben. Studenten aus Einwanderer- und Arbeiterfamilien sind hingegen weniger zahlreich vertreten und der Akademisierungsgrad dieser Gruppe ist ungleich schwächer gestiegen. Kinder aus bildungsfernen Familien werden schulisch weniger gefördert. Ihnen bleibt der Zugang zu höherer Bildung oft aus sozioökonomischen, finanziellen oder kulturellen Gründen verwehrt. Folglich vergrössert sich in vielen Ländern die Einkommensschere zwischen den beiden Gruppen. Ungleichheiten werden zementiert oder gar verschärft.

Spalten diese ungleichen Voraussetzungen die Gesellschaft in der Schweiz?

Die einen monieren, es brauche möglichst hohe Maturitätsquoten. Dies werde die Gesellschaft gleicher machen. Andere argumentieren, dass die zunehmende Akademisierung den Marktbedürfnissen nicht gerecht werde. Fakt ist, dass die Maturitätsquote in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen ist. Allerdings hat sich die gymnasiale Maturitätsquote kaum verändert. Der Anstieg ist fast vollständig auf die Einführung der Berufsmaturität zurückzuführen, mit der in der Schweiz die Möglichkeit geschaffen wurde, sich über die Berufsbildung für eine tertiäre Bildung zu qualifizieren. Die Einkommensschere wird dadurch tendenziell geschlossen und nicht weiter geöffnet.

Struktureller Wandel verändert die Berufswelt

Die Berufswelt wird ohne Frage komplexer. Geistige Arbeit in den Bereichen Forschung, Engineering und Innovation wird verstärkt nachgefragt und der strukturelle Wandel gewinnt an Dynamik. Dies hat zur Folge, dass gebildete, gut bezahlte und mobile Menschen aufblühen und sich der grosse Rest abgehängt fühlt, wie es der britische Journalist David Goodhart auf den Punkt bringt. Die Entscheidungsträger im schweizerischen Bildungssystem wollen Optionen bieten, die individuelle und flexible Lern- und Entwicklungswege über die gesamte Berufslaufbahn ermöglichen. Die Durchlässigkeit ist dabei essenziell. Auch wenn dies noch keine Garantie für soziale Gleichheit ist, schafft die Schweizer Bildungspolitik dadurch realistische Möglichkeiten und Chancengleichheit, damit die Gesellschaft nicht weiter auseinanderdriftet.

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