Unveränderte Nullzinspolitik
Der Leitzins bleibt unverändert bei 0%, und auch die Verzinsung der Sichtguthaben ändert sich nicht. Devisenmarktinterventionen werden vorerst als weniger notwendig erachtet.
Text: David Marmet
In den ersten Monaten dieses Jahres war eine der Aufgaben für SNB-Präsident Martin Schlegel interessierten Kreisen zu erklären, wieso die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Hürde für Negativzinsen als hoch erachtet. Nach dem Ausbruch des Iran-Krieges und der dadurch gestiegenen Energiepreise kippten die Markterwartungen: Minuszinsen waren kein Thema mehr, es wurden Zinserhöhungen eingepreist. Mit der Hoffnung, dass nun ein Rahmenabkommen zwischen den USA und Iran unterzeichnet wird, haben sich diese Zinsfantasien wieder verflüchtigt. Entsprechend hatte das Direktorium der SNB an der heutigen Medienkonferenz ein leichtes Spiel, den geldpolitischen Entscheid zu erklären. Die SNB belässt den Leitzins unverändert bei 0%. Auch die Sichtguthaben werden zu gleichen Konditionen wie bis anhin verzinst. Bei ihrer letzten geldpolitischen Lagebeurteilung vom März 2026 hatte die SNB noch betont, dass sie eine erhöhte Bereitschaft habe, am Devisenmarkt zu intervenieren. Neu formuliert sie etwas gewunden, dass diese Bereitschaft bei Bedarf erhöht sei. Dies deutet darauf hin, dass die SNB Interventionen in nächster Zeit als weniger notwendig als bisher erachtet. Die zwei folgenden Gründe stehen im Vordergrund.
Zinsdifferenz zur Eurozone nahe Höchststand
Zum einen hat sich die Zinsdifferenz zur Eurozone weiter ausgeweitet, da die Europäische Zentralbank ihrerseits den Leitzins Anfang Juni um 25 Basispunkte angehoben hat. So liegt aktuell die Zinsdifferenz bei 2.25 Prozentpunkten. Dies sollte den Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken zumindest dämpfen, zumal in der über 25-jährigen Geschichte des Euros diese Differenz einzig im Jahr 2024 kurzzeitig leicht höher war. Es ist zu erwarten, dass nach einer nachhaltigen geopolitischen Entspannung im Nahen Osten die Finanzmarktteilnehmer wieder vermehrt auf die makroökonomischen Daten achten werden. Die Notwendigkeit dezidierter Devisenmarktinterventionen seitens der SNB wird dadurch geringer.
Starker Schweizer Franken geldpolitisch erwünscht
Zum anderen hat die SNB ihre bedingte Inflationsprognose leicht nach oben revidiert. So stieg die Inflation seit der letzten Lagebeurteilung geringfügig stärker an als von der SNB prognostiziert. Zudem blieb die Strasse von Hormus länger geschlossen, als von den meisten Politikauguren erwartet. Dies wird sich nun allmählich auch auf weitere Güter, ausserhalb des Energiesektors, auswirken. Die SNB prognostiziert für 2026 und 2027 jeweils eine durchschnittliche Inflation von 0.6% und für 2028 eine von 0.7%. Bei diesen leicht steigenden Inflationsraten ist ein anhaltend starker Schweizer Franken geldpolitisch nicht unerwünscht, da er die importierte Inflation dämpft. Die monetären Bedingungen, also das Zusammenspiel zwischen Zinsniveau und Wechselkurs, bleiben so stabil. Ein geldpolitisches Hüst und Hott kann vermieden werden, und dies gibt den Unternehmen und Haushalten Planungssicherheit.
Konjunkturrisiken bleiben erhöht
Die SNB betont, dass der globale Wirtschaftsausblick weiterhin bedeutenden Risiken unterliegt. So könnten zum einen die Rohstoffpreise deutlich höher zu liegen kommen als erwartet. Zum anderen könnte die Lage im Nahen Osten die Wirtschaftsaktivität stärker bremsen. Erstere würden eine restriktivere, letztere eine expansivere Geldpolitik implizieren. Für die Schweiz scheinen sich diese in verschiedene Richtungen wirkenden Kräfte weitgehend zu neutralisieren. Physikalisch gesprochen ist die resultierende Gesamtkraft schwach. Das «geldpolitische Kräfteparallelogramm» erlaubt es der SNB, bei ihrer Nullzinspolitik zu bleiben und Devisenmarktinterventionen nur nadelstichartig, sprich bei unerwarteten Aufwertungsschüben, durchzuführen.
Wir erwarten keine Anpassung der Geldpolitik im Jahr 2026
Der unsichere globale Wirtschaftsausblick bedingt auch für die SNB, dass sie vorerst «auf Sicht fährt». So erläuterte das SNB-Direktorium an der heutigen Medienkonferenz, dass die dem geldpolitischen Entscheid zugrunde liegenden Prognosen mit grosser Unsicherheit behaftet seien. Das Hauptrisiko für die Wirtschaftsaussichten in der Schweiz bleibt also die Entwicklung der Weltwirtschaft. Doch auch der bis anhin ungelöste Handelskonflikt mit den USA kann den Schweizer Konjunkturhimmel verdüstern. Umso wichtiger ist es, dass die SNB ihre Politik der ruhigen Hand fortführt und genau beobachtet, ob der raue geopolitische Wind in der Tendenz schönes oder schlechtes Wetter bringen wird. Die Zeit des geldpolitischen Handelns wird zweifelsohne kommen. Wir sind indes der Meinung, dass dies nicht in diesem Jahr notwendig sein wird. Der SNB-Leitzins wird gemäss unserer Einschätzung auch Ende 2026 auf dem heutigen Niveau von 0% liegen.