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Unverwüstliche Zinsinsel Schweiz

Seit den 1930er-Jahren prägen tiefere Zinsen die Schweiz. Trotz globaler Krisen bleibt die Zinsinsel bestehen – mit Vorteilen für Wirtschaft und Unternehmen.

Text: David Marmet

Bild: Getty Images

Sie wurde schon mehrmals totgesagt, doch die «Zinsinsel Schweiz» lebt. Bei einigen Reden über die Schweizer Wirtschafts- und Geldpolitik wird die Zins­insel als Selbst­zweck verklärt und man bekommt den Eindruck, sie sei beinahe so alt wie der Rütlischwur. Demgegenüber argumentieren andere Experten, die Zinsen würden global inzwischen so stark korrelieren, dass die Zins­insel Schweiz spätestens in der Covid-Pandemie untergegangen sei. Beide Positionen erweisen sich bei näherer Betrachtung als wenig plausibel. 

Seit wann gibt es die Zins­insel Schweiz und wie steht es heute um sie? Unter dem Kunstwort Zinsinsel liegt das Verständnis, dass die nominellen und/oder realen Zinsen strukturell vergleichs­weise tiefer liegen als im Ausland. Es besteht eine systematische und langfristige Abweichung von der ungedeckten Zinsparität. Bei Gültigkeit des Konzepts zur Zins­parität müsste zum Beispiel der Zins­vorteil im Ausland zu einer erwarteten Franken­aufwertung führen, so dass sich die erzielten Renditen ausgleichen. Besteht eine Zinsinsel Schweiz, sind die Anleger also bereit, eine Prämie für das Halten fest­verzinslicher Anlagen in Schweizer Franken zu zahlen.

Verschiedene Studien zeigen, dass die Schweizer Zinssätze im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert indes höher waren als in anderen wichtigen Ländern, die den Goldstandard eingeführt hatten bzw. der lateinischen Münzunion angehörten. Nach dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) änderte sich dieses Muster. So nahmen die wirtschaftlichen Probleme in der Weimarer Republik zu und die Solidität des französischen Staats­haushalts schwand. Spätestens ab dem Jahr 1930 waren die nominalen Zinssätze hierzulande stets niedriger. Die Zinsinsel Schweiz ragte allmählich vorsichtig aus dem Wasser hervor. Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939–1945) verstärkte sich der Tiefzins­effekt in der Schweiz abermals. Auch die Real­zinsen wurden vergleichsweise niedriger. Dabei geht es um die inflations­bereinigten Zinsen. Die Zins­insel Schweiz war definitiv geboren. Selbst nach dem Übergang zu flexiblen Wechsel­kursen im Jahr 1973 blieb der Status bestehen. 

In den letzten Jahrzehnten kannten die Zinsen sowohl im Inland als auch im Ausland in der Tendenz nur eine Richtung – und zwar nach unten. Die Gründe dafür sind mannigfaltig: Sei es die Demografie, die mangelnde Kapital­nachfrage oder die Finanzmarkt­integration, um nur einige zu nennen. Je näher das Zins­niveau der Nullgrenze kam, desto kleiner wurde die Zins­differenz zwischen dem Ausland und der Schweiz. Insbesondere im Nachgang der Covid-Pandemie wurde von verschiedenen Ökonomen das Ende der Zins­insel Schweiz ausgerufen. Doch was 2021 Gültigkeit hatte, gilt heute kaum noch. Denn der Schweizer Leitzins liegt wieder bei 0% und die Differenz zu den Leit­zinsen anderer Noten­banken ist so gross wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Auch die Real­renditen sind zurzeit in der Schweiz niedriger als in anderen wichtigen Ländern. Die Zins­insel Schweiz scheint unverwüstlich. Das sind gute Nachrichten für Schweizer Unternehmen. Denn die Schweizerische National­bank (SNB) hat im Gegensatz zur Europäischen Zentral­bank (EZB) keine Eile, ihren Leitzins zu ändern. Sollte es an der geopolitischen Front bald zu einer Entspannung kommen, dürfte der Aufwertungs­druck des Frankens nachlassen. Im Zusammen­spiel mit den niedrigen Zinsen würde das der hiesigen Wirtschaft Rücken­wind verleihen.

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