Was ESG-Kennzahlen mit dem Teufel zu tun haben

Die ESG-Kennzahlen komplementieren die klassische Finanzanalyse von Unternehmen, indem Kriterien aus den Bereichen Environmental (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (Unternehmensführung) herangezogen werden. Silke Humbert, Nachhaltigkeitsspezialistin, erklärt weshalb das Vorzeigeunternehmen Tesla dabei schlecht abschneidet und was bei der Messung problematisch ist.

Text: Silke Humbert

«Ich bin immer mehr davon überzeugt, dass ESG-Kennzahlen der leibhaftige Teufel sind.» So twitterte Elon Musk im Frühling dieses Jahres. (Bild: Getty / Justin Sullivan)

«Ich bin immer mehr davon überzeugt, dass ESG-Kennzahlen der leibhaftige Teufel sind.» So twitterte Elon Musk im Frühling dieses Jahres. Müsste sich der CEO des Unternehmens, das umweltfreundliche Fahrzeuge herstellt, nicht über die Verbreitung von Nachhaltigkeitskennzahlen freuen?

Beginnen wir von vorne: Die ESG-Kennzahlen komplementieren die klassische Finanzanalyse von Unternehmen, indem zusätzliche Kriterien aus den Bereichen Environmental (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (Unternehmensführung) herangezogen werden. Im April 2022 wurde die Zusammensetzung des auf ESG-Kennzahlen beruhenden Indexes S&P 500 ESG neu festgelegt. Ergebnis: Tesla ist nicht mehr enthalten, dafür hat es Exxon Mobil in den Index geschafft.

Wieso schneidet das Vorzeigeunternehmen Tesla schlecht ab?

Für den Rauswurf von Tesla aus dem Index gibt es mehrere Gründe. So wird erklärt, dass eine Kohlenstoffstrategie und Verhaltenskodizes fehlen. Zusätzlich stellen vereinzelte Fälle von Rassendiskriminierung und schlechten Arbeitsbedingungen sowie die Untersuchung zu Todesfällen im Zusammenhang mit dem Autopilot Risiken für eine Investition in Tesla dar. Die Erklärung wurde zwar geliefert, doch ein schaler Beigeschmack bleibt. Um zu verstehen, wieso die Firma, die sich zum Ziel gesetzt hat, «die weltweite Transition zu erneuerbarer Energie zu beschleunigen», bezüglich des ESG-Ratings nicht besonders gut abschneidet, lohnt sich ein struktureller Blick auf deren Konstruktionsweise.

Das Problem mit den ESG-Ratings

Die ESG-Ratings werden zwar individuell für jedes Unternehmen erstellt, aber innerhalb einer Branche normiert. Das heisst, dass das beste Unternehmen innerhalb der Branche ein sehr hohes ESG-Rating bekommen kann, auch wenn die Branche an sich nicht sehr nachhaltig ist, wie zum Beispiel die Erdölindustrie. Zudem messen die ESG-Kennzahlen das Risiko einer Investition bezüglich der Bereiche Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Was die ESG-Kennzahlen nicht messen, ist, inwieweit das Unternehmen mit seinen Produkten und Dienstleistungen Lösungen für globale Probleme liefert. Anders ausgedrückt: Die ESG-Ratings erfassen, wie ein Unternehmen operiert, nicht aber, was es produziert. Für Tesla ist diese Betrachtungsweise desaströs. Denn das Unternehmen begründet seine Daseinsberechtigung genau mit dem ökologischen Beitrag seines Produkts. Der Ärger Elon Musks ist somit nachvollziehbar.

Wie geht es weiter?

Zwar setzt sonst niemand die ESG-Ratings mit dem Teufel gleich, die Unzufriedenheit mit den ESG-Ratings ist aber auch unter Experten gross. Kritisiert wird, dass zu viele Faktoren in einer Zahl aggregiert werden, zu wenig Fokus auf die Wirkung der Unternehmen gelegt wird und eine geringe Korrelation der ESG-Ratings verschiedener Hersteller besteht.

Da mittlerweile über die Hälfte des Schweizer Fondsmarktes nachhaltig anlegt – Tendenz steigend –, gibt es längst viele Ansätze für das nachhaltige Investieren, die präzise unterschieden werden sollten. Das Investieren auf Basis von ESG-Ratings ist dabei nur eine Form des nachhaltigen Anlegens. Auf diese Weise wird man auch Tesla gerecht: Die Wirkung des Unternehmens im Bereich Umwelt ist durch die ausgelöste Revolution in der Automobilbranche ausserordentlich positiv, auch wenn aus der Anlageperspektive Risiken in der Unternehmensführung und im Sozialen bestehen.

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