Zwischen Wachstum und Inflation: Ein Balanceakt der Wirtschaft
Stagflation – ein Begriff, der auf den ersten Blick nach düsteren Wirtschaftsaussichten klingt. Doch was steckt wirklich dahinter? Und wie ernst ist die Lage aktuell? Während die Kombination aus stagnierendem Wachstum und steigenden Preisen Anlegerinnen und Anleger alarmieren könnte, gibt es auch Lichtblicke.
Text: Dr. Anja Hochberg
Um einen bestimmten Umstand im volkswirtschaftlichen Kontext präzise zu beschreiben, verwenden Ökonominnen und Ökonomen gerne Fachbegriffe. Für Eingeweihte ist vieles klar, doch das Vokabular scheint oft nicht massentauglich zu sein, auch ausserhalb der Finanzmarktpresse. Aus aktuellem Anlass lohnt es sich für Anlegerinnen und Anleger, einen Blick auf den Begriff «Stagflation» zu werfen.
Zunächst ist Stagflation ein Kunstbegriff, der sich aus den Wörtern Stagnation und Inflation zusammensetzt und zwei unterschiedliche Entwicklungen vereint. Bei Stagnation tritt die Wirtschaft auf der Stelle, da sie aus unterschiedlichen Gründen in ihrem Wachstum eingeschränkt ist. Wenn sich dazu Inflation gesellt, die eine Steigerung des Preisniveaus beschreibt, haben wir eine sich kaum entwickelnde Wirtschaft plus höhere Preise. Das klingt tatsächlich nicht so toll.
Moderates Wachstum trotz steigender Inflation – eine «Stagflation light»
Dr. Anja Hochberg, CIO
In der aktuellen Situation ordne ich den Grad der Stagflation jedoch eher einer milderen Form zu, obwohl auch wir unsere Prognose für das Wirtschaftswachstum etwas nach unten und jene für die Inflation leicht nach oben korrigiert haben.
Warum «Stagflation light»? Zwar hat der hohe Ölpreis den einen oder anderen Kratzer, insbesondere beim privaten Konsum, hinterlassen. Allerdings bleibt die Investitionsdynamik beim Thema künstliche Intelligenz hoch und damit das Wachstum insgesamt noch moderat. Auch der Anstieg der Teuerung dürfte überschaubar sein und sich nicht mit dem Jahr 2022 vergleichen lassen. Die damalige markante Inflationsbeschleunigung war auch stark den Corona-bedingten Nachholeffekten geschuldet. Im Gegensatz dazu basiert die aktuell gestiegene Inflation überwiegend auf den Energiepreisen und trifft auf eine Volkswirtschaft, die weit von ausgelasteten Kapazitäten entfernt ist, so dass keine weiteren Preisüberwälzungen drohen.
Kommen Sie gut durch den Juni und bleiben Sie ausgewogen!