Rendite-Gap: Warum kleine Pensions­kassen weniger performen

Im Untersuchungszeitraum von mehr als zehn Jahren erzielen grosse Pensionskassen mehr Rendite für ihre Versicherten. Im Schnitt haben kleine Kassen 0,6% weniger rentiert als die grossen Kassen. Politisch bedeutet dies letztlich weiteren Druck auf die Renten. Die vorliegende Auswertung im Rahmen der Swisscanto Pensionskassenstudie zeigt die Gründe für die Renditelücke.

Iwan Deplazes

Relevanz des 3. Beitragszahlers

Das Schweizer Vorsorgesystem ist unter Druck. Die Renten der 2. Säule sinken seit Jahren kontinuierlich. Der Druck, die Leistungen weiter abzubauen, ist bei den Pensionskassen sowie in der Politik hoch. Bevor weitere Senkungen der Renten oder politische Massnahmen umgesetzt werden müssen, lohnt sich ein Blick auf die Einnahmeseite der Pensionskassen, konkret auf den dritten Beitragszahler. Denn die an den Finanzmärkten erzielte Rendite ist nebst den Beiträgen der Arbeitgeber und -nehmer die dritte Einnahmequelle der Vorsorgeeinrichtungen («der dritte Beitragszahler») und damit verantwortlich für das Erfolgsmodell «kapitalisierte Altersvorsorge». Der Blick lohnt sich nicht nur für die Versicherten der Pensionskassen, sondern auch für die Arbeitgeber und die Politik.

Führen Grössenvorteile zu besserer Performance?

Im Untersuchungszeitraum von mehr als zehn Jahren konnten die grossen Kassen mit einem Vermögen von über einer Milliarde Franken mehr als ein halbes Prozent mehr Rendite für ihre Versicherten generieren als kleine Vorsorgeeinrichtungen mit weniger als 50 Millionen Vermögen. Während die Nettorendite der kleinen Kassen durchschnittlich 2,9 Prozent p.a. betrug, erzielten die grossen Kassen im Schnitt 3,5 Prozent p.a. (Abbildung 1).

Abbildung 1: Durchschnittliche Nettorendite p.a. 2008-2020

Angaben in Prozent (Quelle: Schweizer Pensionskassenstudie 2021, Swisscanto Vorsorge AG)

Wie kommen diese Unterschiede in der Performance zustande? Im Folgenden werden verschiedene für die Performance zentrale Faktoren untersucht: die Anlagestrategie der Pensionskassen, das Rendite-Risiko-Profil, die Risikofähigkeit sowie die Kosten der Vermögensverwaltung.

Stiftungsrat verantwortet Anlagestrategie

Wie kommt die Anlagestrategie zustande? Wer legt fest, wie hoch das erwartete Risiko sein darf? Gemäss geltender Schweizer Gesetzgebung liegen diese Fragen in der Verantwortung des Stiftungsrats. Der Stiftungsrat muss bei seiner wichtigsten Entscheidung, der Festlegung der Anlagestrategie, die Struktur der Vorsorgeverpflichtungen und die Risikofähigkeit berücksichtigen.

Vorsorgeverpflichtungen bestehen im Wesentlichen aus dem Vorsorgekapital der aktiven Versicherten und demjenigen der Pensionierten. Je höher der Anteil des Vorsorgekapitals der aktiven Versicherten im Vergleich zu den Pensionierten, desto grösser ist die strukturelle Risikofähigkeit einer Pensionskasse.

Die Anlagestrategie hat einen wesentlichen Einfluss auf die Risiko- Rendite-Profil der Vermögensanlage einer Pensionskasse. Verschiedene Studien zeigen, dass langfristig mindestens 80 Prozent der Rendite von Portfolios durch die Anlagestrategie bestimmt wird. Die anderen 20 Prozent entstehen durch Branchen-/Titelselektion und Timing.

Risikofähigkeit: Grundstein der Anlagestrategie

Die Risikofähigkeit einer jeden Pensionskasse bildet neben den Verpflichtungen den Grundstein bei der Festlegung der Anlagestrategie. Um die Risikofähigkeit von Kassen mit unterschiedlichen technischen Zinsen und unterschiedlichen Anteilen am Vorsorgekapital der Pensionierten vergleichen zu können, wird der risikotragende Deckungsgrad berechnet. Im Vergleich zeigt sich, dass der risikotragende Deckungsgrad kleiner Kassen (Abbildung 2) in den untersuchten Jahren höher war als derjenige von grossen Kassen. Erstaunlicherweise weisen kleine Kassen somit eine höhere Risikofähigkeit auf als die grossen. Geschuldet ist dies vor allem der höheren Deckung der nicht garantierten Leistungen bei den kleinen Kassen. Die kleinen Kassen könnten an den Märkten also ein höheres Risiko eingehen und damit ein höheres Renditepotential realisieren.

Abbildung 2: Vergleich anlagepolitische Risikofähigkeit

Median Risikotragender Deckungsgrad (ohne teilkapitalisierte Vorsorgeeinrichtungen) in Prozent (Quelle: Schweizer Pensionskassenstudie 2021, Swisscanto Vorsorge AG)

Tiefe Risikobereitschaft trotz hoher Risikofähigkeit

Geht die höhere Risikofähigkeit der kleinen Pensionskassen wie erwartet mit einem höheren erwarteten Risiko der Anlagestrategie einher? Unsere Auswertung zeigt, dass die durchschnittliche Anlagestrategie der kleinen Kassen im Vergleich zu allen anderen Kassen ein defensiveres Rendite-Risiko-Profil aufweist.

Defensivere Anlagestrategien

Dass kleine Kassen ein geringeres Risiko in Kauf nehmen, zeigt sich in den Anlagestrategien, die grossmehrheitlich für die Renditeschwankungen in den Portfolios der Pensionskassen verantwortlich sind. Die Anlagestrategien der grösseren Kassen sind globaler diversifiziert. Je kleiner die Kasse, desto

  • höher ist der durchschnittliche prozentuale Anteil an Inlandanlagen wie Obligationen in CHF und Aktien Inland;
  • kleiner der Anteil des strategischen Fremdwährungs-Engagements;
  • höher der strategische Anteil von vergleichsweise defensiven Aktien Inland gegenüber Aktien Ausland.

Grosse Kassen agieren agiler

Grosse Kassen haben sich über den Betrachtungszeitraum stärker dem Wandel der Märkte angepasst. So reduzierten kleine Kassen den Anteil Obligationen in CHF zwar um 27 Prozent; die grössten Kassen jedoch um 44 Prozent; also deutlich stärker. Kleine Kassen erhöhten den Anteil Immobilien Inland in diesem Zeitraum am häufigsten. Sie haben also zwischen defensiven Anlageklassen umgeschichtet. Grosse Kassen (> CHF 1 Mrd. AuM) dagegen haben vermehrt in alternative Anlagen investiert, einer Anlageklasse mit höherem Renditepotential. 

Grosse Kassen nutzen Erweiterungsbegründung häufiger

Die BVV2-Richtlinien geben den Pensionskassen Bandbreiten über die Anteile der Anlageklassen vor. Um von den Limiten abzuweichen, nutzen die Kassen die Erweiterungsbegründung gemäss BVV2 Art. 50 Abs. 4. Ein Vergleich zeigt, dass eine Mehrheit der kleinen Kassen (< 500 Mio. Vermögen) innerhalb der Limiten agieren, während grössere Kassen mit über 500 Millionen Vermögen mit 60% mehrheitlich ausserhalb der Limiten operieren. Kleine Kassen nutzen die Erweiterungsbegründung in 70 Prozent der Fälle für die defensive Anlageklasse Immobilien. Bei den grossen Kassen nutzt die Mehrheit die Erweiterungsbegründung für Immobilien, aber auch für die volatilere Anlageklasse alternative Anlagen.

Vermögensverwaltungskosten

Höhere Vermögensverwaltungskosten könnten ein Grund für die tiefere Rendite von kleinen Vorsorgeeinrichtungen sein. Ein Vergleich der durchschnittlichen, kapitalgewichteten Vermögensverwaltungskosten im Zeitraum 2013 bis 2020 zeigt (Abbildung 3) jedoch, dass die Unterschiede von einigen, wenigen Basispunkten zu gering sind, um die tieferen Renditen kleiner Kassen zu erklären.

Abbildung 3: Vermögensverwaltungskosten (kapitalgewichtet)

Angaben in Prozent (Quelle: Schweizer Pensionskassenstudie 2021, Swisscanto Vorsorge AG)

Fazit: Risikofähigkeit nicht ausgeschöpft

Die strategischen Vorgaben liegen dabei in der Verantwortung des Stiftungsrats. In der Gesamtbetrachtung fällt auf, dass kleine Kassen defensiv investieren, obwohl ihre Risikofähigkeit eine offensivere Anlagestrategie zulassen würde. Sie schöpfen ihre Risikofähigkeit nicht aus und passen sich neuen Marktgegebenheiten weniger an. Zudem halten sie sich stärker an die BVV2-Vorgaben.

Die Swisscanto Pensionskassenstudie finden Sie unter www.swisscanto.com/pensionskassenstudie

Kategorien

Vorsorge