Wegfall des Eigenmietwerts – lohnt sich jetzt die Amortisation der Hypothek?
Die geplante Abschaffung des Eigenmietwerts per 1. Januar 2029 markiert einen wichtigen Wendepunkt für Immobilienbesitzerinnen und -besitzer in der Schweiz. Besonders für Privatpersonen, die neben ihrer Liegenschaft über weitergehende Vermögenswerte verfügen, stellt sich die Frage, wie sich diese Änderung auf die persönliche Finanz- und Steuerplanung auswirkt. Mit unserem Beitrag zeigen wir auf, welche Überlegungen für Ihre Entscheidung zentral sind und wie drei Leitfragen zu einer passenden Strategie für Ihre Situation führen.
Test: Andreas Habegger
Die geplante Abschaffung des Eigenmietwerts per 1. Januar 2029 markiert einen wichtigen Wendepunkt für Immobilienbesitzerinnen und -besitzer in der Schweiz. Besonders für Privatpersonen, die neben ihrer Liegenschaft über weitergehende Vermögenswerte verfügen, stellt sich die Frage, wie sich diese Änderung auf die persönliche Finanz- und Steuerplanung auswirkt.
Erfahren Sie, welche Überlegungen für Ihre Entscheidung zentral sind und wie drei Leit fragen zu einer passenden Strategie für Ihre Situation führen.
Frage 1 – Kann ich mir eine Amortisation leisten?
Unbestritten ist: Eine Amortisation reduziert die Hypothekarschuld und damit die laufende Zinsbelastung. Gleichzeitig wird frei verfügbares Vermögen in der Immobilie gebunden. Diese Mittel stehen für andere Zwecke – insbesondere zur Finanzierung des Lebensunterhalts und ausserordentlicher Ausgaben – nicht mehr zur Verfügung.
Gerade für Personen mit höheren laufenden Aufwendungen oder mit einem Lebensstil, der ein gewisses Mass an finanzieller Flexibilität verlangt, ist deshalb eine sorgfältige Finanzplanung unerlässlich. Es ist konkret zu prüfen, ob genügend frei verfügbare Vermögenswerte vorhanden sind, um die erwarteten Ausgaben und Investitionen – zum Beispiel Unterhalts- und Renovationskosten an der Liegenschaft – über den gewünschten Zeitraum decken zu können.
Ist dies nicht der Fall, ist bei freiwilligen Amortisationen Zurückhaltung angebracht. Denn eine zu starke Reduktion der freien Mittel kann zu Einschränkungen im Lebensstandard führen.
Frage 2 – Hat eine Amortisation Auswirkungen auf meine Vermögensstruktur?
Wer einen Teil des Vermögens in andere Anlageklassen als der selbstgenutzten Immobilie investiert – beispielsweise in Aktien, Obligationen oder Edelmetalle –, erreicht eine breitere Diversifikation. Dadurch wird das Risiko verteilt und die Abhängigkeit von der Wertentwicklung einer einzelnen Liegenschaft reduziert.
Ist hingegen ein sehr grosser Teil des Vermögens in der eigenen Immobilie gebunden, kann dies zu einem Ungleichgewicht in der Vermögensstruktur führen. Man spricht in diesem Zusammenhang von einem Konzentrationsrisiko. Immobilien gelten zwar als vergleichsweise stabile Anlageklasse und bieten einen Nutzwert, doch sie gewährleisten weniger Liquidität und können in Phasen steigender Zinsen, verschärfter Regulierung oder wirtschaftlicher Unsicherheit auch an Wert verlieren, was die Neunzigerjahre deutlich aufgezeigt haben.
Hypotheken sind nicht nur ein Finanzierungsmittel, sondern auch ein Instrument zur Strukturierung des Gesamtvermögens. Kapital, welches in eine freiwillige Amortisation fliesst, steht für andere Investitionen nicht mehr zur Verfügung. Dies kann nicht nur zu einer unausgewogenen Risikoverteilung führen, sondern auch dazu, interessante Renditechancen in anderen Anlageklassen zu verpassen. Für vermögende Privatpersonen, deren Vermögensstruktur oft bereits komplex ist, lohnt sich daher eine integrierte Betrachtung: Wie hoch ist der Anteil der selbstgenutzten Immobilie am gesamten Nettovermögen? Wie stark wirken sich zusätzliche Amortisationen auf die Diversifikation aus? Und wie flexibel soll das Vermögen künftig einsetzbar bleiben – beispielsweise für Schenkungen zu Lebzeiten oder philanthropische Projekte?
Frage 3 – Gibt es Investitionsalternativen mit höheren Renditeerwartungen?
Eine Amortisation ist nur eine von mehreren Möglichkeiten, freies Kapital einzusetzen. Je nach individueller Ausgangslage, steuerlicher Situation, Zeithorizont und Risikobereitschaft können alternative Investitionen interessante Chancen bieten. Wichtig ist, die gesamte finanzielle Situation im Blick zu behalten und die Hypothek nicht isoliert zu betrachten.
Es gibt eine Vielzahl von Alternativen, die potenziell höhere Renditen nach Steuern und Gebühren bieten können als eine reine Zinsersparnis durch Amortisation.
Drei Beispiele für Investitionsalternativen
Freiwillige Einkäufe in die Pensionskasse
Freiwillige Einkäufe in die Pensionskasse
Freiwillige Einkäufe in die berufliche Vorsorge können die Steuerlast reduzieren, das Vorsorgeguthaben erhöhen und in vielen Fällen eine attraktive Verzinsung bieten. Insbesondere für Personen mit hohem steuerbarem Einkommen kann sich dies lohnen. Allerdings sind vorsorge- und steuerrechtliche Aspekte sorgfältig zu berücksichtigen. Zudem ist das Kapital bis zum möglichen Bezug in der Pensionskasse gebunden und steht in dieser Zeit nicht für andere Zwecke zur Verfügung.
Investitionen in Wertschriften
Investitionen in Wertschriften
Mit einer gut diversifizierten Anlagestrategie kann das Kapital über verschiedene Anlageklassen, Branchen, Märkte und Regionen hinweg breit abgestützt werden. Anlegerinnen und Anleger profitieren so von den langfristigen Renditechancen an den Finanzmärkten. Wertschriftenanlagen unterliegen im Vergleich zu Immobilien grundsätzlich stärkeren Kursschwankungen. Deshalb muss die gewählte Anlagestrategie zu den individuellen Zielen, zur Investitionsdauer und zur persönlichen Risikobereitschaft passen. Wer diese Faktoren konsequent berücksichtigt und einen systematischen Anlageprozess nutzt, investiert strukturiert und reduziert das Risiko dauerhafter Wertverluste.
Immobilienfonds oder andere Anlageklassen
Immobilienfonds oder andere Anlageklassen
Anstatt zusätzliches Kapital in die eigene Liegenschaft zu investieren, kann eine Anlage in Immobilienfonds oder andere kollektive Anlageformen sinnvoll sein. So lässt sich das Immobilienengagement auf verschiedene Objekte, Nutzungsarten und Regionen verteilen. Dies reduziert das Konzentrationsrisiko und ermöglicht es, an der Entwicklung unterschiedlicher Immobilienmärkte teilzuhaben, ohne direkt einzelne Objekte zu erwerben oder zu bewirtschaften. Auch bei dieser Investitionsmöglichkeit gilt es, bei den einzelnen Produkten punkto Gebührenstruktur, Transparenz, Anlagestrategie und steuerlichen Gegebenheiten genau hinzuschauen und sich entsprechend beraten zu lassen.
Eine individuelle Entscheidung mit Weitblick
Der Wegfall des Eigenmietwerts verändert die Rahmenbedingungen für Immobilienbesitzerinnen und -besitzer in der Schweiz. Steuerliche Anreize verschieben sich, und eingespielte Muster in der Hypothekar- und Amortisationspolitik werden hinterfragt.
Eine Amortisation kann – insbesondere bei hohem Verschuldungsgrad, geringem Risikobudget und genügender Liquidität - durchaus sinnvoll sein. Sie birgt aber auch Risiken, vor allem in Bezug auf die Liquidität, die Flexibilität und die Diversifikation des Gesamtvermögens. Weiter ist auch die Koordination mit der steuerlichen Planung, der Vorsorge sowie der Gestaltung der Vermögensnachfolge zentral.
Letztlich hängt es von der individuellen Situation ab, ob die Hypothek amortisiert oder alternative Investitionsmöglichkeiten genutzt werden sollten. Deshalb ist eine sorgfältige, integrierte Finanzplanung, die auf Ihre Lebenssituation und Ihre langfristigen Pläne abgestimmt ist, besonders wertvoll.
Tipp
- Erstellen Sie gemeinsam mit einer Fachperson für Finanzplanung eine umfassende Übersicht über Ihre prognostizierten Einnahmen und Ausgaben sowie die daraus resultierende Vermögensentwicklung. So stellen Sie sicher, dass eine Amortisation Ihre finanzielle Flexibilität nicht einschränkt.
- Analysieren Sie Ihre gesamte Vermögensstruktur und prüfen Sie, ob eine zusätzliche Amortisation zu einer Übergewichtung der selbstgenutzten Immobilie führt. Eine ausgewogene Diversifikation bleibt auch nach der Abschaffung des Eigenmietwerts ein zentraler Baustein.
- Lassen Sie Ihre Situation von einer Fachperson analysieren, um das Renditepotenzial verschiedener Anlageklassen – auch unter dem Aspekt von Steuern und Gebühren – zu vergleichen.
Ein Rechenbeispiel: Amortisation vs. Investition im Ruhestand
Das folgende vereinfachte Beispiel verdeutlicht die Überlegungen:
Wer bei der Pensionierung CHF 300'000 aus freiem Vermögen amortisiert, reduziert die jährlichen Ausgaben für die Hypothek bei einem Zinssatz von 2% um rund CHF 6'000.
Bleiben dieselben CHF 300'000 im freien Vermögen investiert, lassen sich – bei einer angemessenen Brutto-Rendite von ca. 4,5% - über rund 25 Jahre bis etwa zum 90. Lebensjahr – jährlich rund CHF 16'000 entnehmen. Nach Berücksichtigung der Zinskosten, Gebühren für die Anlagen sowie Steuern verbleiben durchschnittlich noch immer rund CHF 10'000 pro Jahr zur Finanzierung des Lebensstandards.
Je nach Renditeerwartung, Risikoprofil und Steuerbelastung kann die Opportunitätskosten-Rechnung somit klar gegen eine Amortisation ausfallen.