Künstliche Intelligenz im Proxy Voting
Jedes Jahr stimmen institutionelle Investoren über Tausende von Generalversammlungsbeschlüssen ab – von der Vergütung der Geschäftsleitung über die Wahl von Verwaltungsratsmitgliedern bis hin zu Klimastrategien und Aktionärsanträgen. Diese Stimmrechte zählen zu den wichtigsten Instrumenten, mit denen Investoren Unternehmen beeinflussen und ihre Stewardship-Verantwortung wahrnehmen können. Traditionell stützt sich dieser Prozess auf Governance-Teams und Stimmrechtsberatungsfirmen. Mit dem zunehmenden Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) verändert sich dieses Bild jedoch grundlegend. Damit stellt sich eine zentrale Frage: Kann KI zu einem vertrauenswürdigen Bestandteil des Voting-Prozesses werden und wie können Investoren sie einsetzen?
Text: Sarah Spirig
Von Analysen zu Entscheidungen
KI bietet grosses Potenzial, Stewardship-Aktivitäten effizienter zu gestalten. Für die Stimmabgabe müssen Geschäftsberichte, Generalversammlungsunterlagen, Nachhaltigkeitsberichte, Governance-Richtlinien und historische Abstimmungsdaten in kurzer Zeit ausgewertet werden. KI kann diese Informationen in wenigen Minuten analysieren, relevante Themen identifizieren und erste Abstimmungsempfehlungen erstellen. Dadurch gewinnen Stewardship-Experten mehr Zeit für den Engagement-Dialog mit Unternehmen und die eigentliche Entscheidungsfindung. Gleichzeitig kann KI für eine konsistentere Anwendung von Abstimmungsrichtlinien sorgen und kann insbesondere kleineren Vermögensverwaltern helfen, ihre Ressourcen effizienter einzusetzen.
Darüber hinaus könnte KI die Entwicklung von Pass-Through Voting beinflussen, indem individuelle Abstimmungspräferenzen der Endinvestoren automatisiert berücksichtigt werden. Dies könnte die Abhängigkeit von den marktführenden Proxy Advisors verringern und der häufig kritisierten Konzentration von Einfluss im Markt entgegenwirken.
Wo steht KI in der Praxis?
Der Einsatz von KI ist längst keine Zukunftsvision mehr. JP Morgan nutzt mit Proxy IQ bereits eine eigene KI-Lösung, um den Proxy-Voting-Prozess zu unterstützen. Somit wird die Abhängigkeit von klassischen Proxy Advisors bei der Erstellung von Abstimmungsempfehlungen reduziert. Entwickelt sich KI damit zunehmend von einem Analysewerkzeug zu einem festen Bestandteil moderner Stewardship-Prozesse?
Die Grenzen künstlicher Urteilskraft
Trotz des Potenzials bringt die Einbindung von KI in den Abstimmungsprozess erhebliche Herausforderungen mit sich. Stewardship bedeutet weit mehr als die Analyse grosser Datenmengen – es erfordert Erfahrung, Urteilsvermögen und die treuhänderische Wahrnehmung der Interessen der Anleger. Abstimmungsentscheidungen verlangen häufig die Abwägung unterschiedlicher Interessen sowie die Berücksichtigung unternehmensspezifischer Eigenschaften.
KI erkennt zwar Muster in grossen Datenmengen besonders effizient, ihr fehlt jedoch das Verständnis für Kontext, Unternehmenskultur oder die individuellen Ziele eines Investors. Hinzu kommt, dass viele KI-Systeme als sogenannte „Black Boxes“ arbeiten. Ihre Entscheidungswege sind häufig nicht vollständig nachvollziehbar. Dies ist ein erhebliches Problem, wenn Investoren ihre Abstimmungsentscheidungen gegenüber Kunden oder Aufsichtsbehörden begründen müssen.
KI im Proxy Voting – was gilt nun?
Die grösste Herausforderung bei der Anwendung von KI im Abstimmungsprozess bleibt die treuhänderische Verantwortung. Institutionelle Investoren sind rechtlich dazu verpflichtet, ausschliesslich im Interesse ihrer Anleger zu handeln. KI kann Analysen beschleunigen und bessere Entscheidungsgrundlagen liefern, sie kann jedoch keine Verantwortung übernehmen. Für kritische Abstimmungsentscheidungen kann eine KI weder haftbar gemacht werden noch komplexe Abwägungen eigenständig rechtfertigen. Die Verantwortung verbleibt daher beim Menschen. Aber welche Rolle sollte demnach KI einnehmen?
KI sollte deshalb als leistungsfähiges Werkzeug verstanden werden – nicht als Ersatz für menschliches Urteilsvermögen. Solange KI-Systeme nicht transparent, nachvollziehbar und in robuste Governance-Strukturen eingebettet sind, können sie die Anforderungen einer treuhänderischen Verantwortung nicht eigenständig erfüllen. Die nahe Zukunft des Stewardship liegt daher in der Verbindung von KI-gestützter Analyse und menschlicher Verantwortung.
Zum Schluss: Zwei Ansätze von Glass Lewis zu KI-gestützten Proxy Voting
- KI-zentrierter Ansatz: Die KI übernimmt den Grossteil der Analyse und erstellt Abstimmungsempfehlungen, die anschliessend vom Menschen überprüft werden. Dieser Ansatz steigert die Effizienz, stellt jedoch ein Risiko dar, da die menschliche Kontrolle erst nach Abschluss der KI-Analyse erfolgt.
- Personen-zentrierter Ansatz: Hier definieren Governance-Experten zunächst Methodik, Entscheidungsregeln und den Rahmen. Die KI arbeitet innerhalb dieser Vorgaben, während menschliche Kontrolle den gesamten Prozess begleitet. Dieser Ansatz stärkt Transparenz, Rechenschaftspflicht und entspricht den Anforderungen einer treuhänderischen Verantwortung, wie in diesem Artikel beschrieben, deutlich besser.