Kurs Grün: Neuer Spin in der Windenergie

Patrick Richter bietet mit Windrädern, die um eine vertikale Achse drehen, eine Lösung für die dezentrale Energieproduktion.

Text: Othmar Köchle / Illustration: Alice Kolb | aus dem Magazin «ZH» 1/2021

Illustration Windrad
Läuft im Probebetrieb: Vertical Sky Turbine der Agile Wind Power AG.

Grevenbroich in Nordrhein-Westfalen, Spätsommer 2020: Patrick Richters Blick gleitet nach oben über das 78 Meter in die Höhe ragende Stahlgerippe. Ein riesenhafter Kran hebt den letzten Blattstrang an, der am horizontal auf dem Stahlturm liegenden Rotorarm befestigt wird. Es ist ein in jeder Hinsicht erhebender Moment. Mehr als zehn Jahre lang hat Richter davon geträumt, hat entwickelt und gekämpft, um diesen Augenblick zu erleben: die Errichtung der ersten Vertical Sky Turbine im Probebetrieb – es ist eine Windturbine, bei der die Rotorblätter nicht wie ein Propeller um eine Nabe rotieren, sondern senkrecht stehend Windenergie in Strom umwandeln, indem sie eine vertikal angeordnete Turbinenachse antreiben.

Vom Wasserspiel zur Geschäftsidee

Rückblende, es ist das Jahr 2007. Richters Schwiegervater baut für die Enkelkinder im Garten ein Wasserspiel. Um etwas Wasser zu pumpen, entwickelt er ein Windrad mit vertikal angebrachten, beweglichen Flügeln. Patrick Richter ist von der Idee sofort fasziniert. Und die Windturbine wird zum Steckenpferd. Die beiden tüfteln einige Jahre, während Patrick Richter, der immer schon unternehmerischen Pioniergeist in sich getragen hat, sich nach einer neuen beruflichen Herausforderung umsieht. Da fällt er 2010 eine mutige Entscheidung: «Ich gründe ein Start-up und entwickle eine vertikale Gross-Windturbine für den Energiemarkt.»

Der leidenschaftliche Unternehmer, der auch einen Flugschein besitzt und in seiner Freizeit fliegt, investiert viel Zeit und eigenes Geld in die Agile Wind Power AG, die ihren Sitz in Dübendorf direkt neben dem Flugplatz hat. Für die Entwicklung einer marktreifen Lösung findet er zudem Start-up-Kapital, unter anderem auch bei der Zürcher Kantonalbank.

Doch vier Jahre später, 2014, nach Tausenden von Entwicklungsstunden, ist Richter an einem Tiefpunkt angelangt. Das Konzept ist zu wenig effizient für den Markt, der Preis des generierten Stroms zu hoch. «Sich das einzugestehen, war schmerzhaft», räumt Richter rückblickend ein. Jahrelange Entwicklungsarbeit landet nun im Papierkorb. Es wird klar, dass sich die Blattstränge mithilfe einer sogenannten Pitch-Steuerung optimal in den Wind stellen müssen, um die volle Energie zu «ernten». Dieser neue Ansatz verspricht Erfolg, und so werden die Anlagen von Grund auf neu entwickelt. Das Konzept hat zwei marktrelevante Vorteile: Weil sie von Vögeln besser erkannt werden, sind Windturbinen dieser Art an ganz neuen Standorten möglich. Und: Mit der viel leiseren Technik kann Windenergie abseits von Windparks näher an besiedelten Gebieten errichtet werden.

Aber die Probleme, sie bleiben. «Es war zum Verzweifeln. Wir hatten ein innovatives Konzept und einen Markt, der auf ein solches Angebot geradezu wartet. Aber kein grosser Player in der Branche war bereit, eine Pilotanlage zu finanzieren und damit den Markteintritt zu ermöglichen», schildert Richter seine Not.

Nach jahrelanger Kapitalsuche sind es schliesslich visionäre, private Investoren, welche die nötigen Millionen für den Aufbau einer Produktion und einer ersten Anlage aufbringen.

Krise der Windenergieindustrie als Chance

Wie das Leben so spielt: Die Verzögerungen erweisen sich im Rückblick als Glücksfall. Denn die Windenergieindustrie verändert sich in den vorüberziehenden Jahren. Der Bau von Windparks kommt ins Stocken, und die Herstellung konventioneller Windanlagen wird nach China ausgelagert. Für Agile Wind Power heisst das: Viele hoch qualifizierte Kräfte aus den deutschen Betrieben suchen Arbeit. Zudem können Hallen und Technik für die Produktion der grossen Rotorblätter übernommen werden. Und Patrick Richter macht den nächsten Schritt: Er gründet eine deutsche Tochterfirma für die Produktion. Seit einigen Monaten läuft die erste Pilotanlage auf dem Windtestfeld von Grevenbroich.

Richter schaut aus dem Fenster, aufs Flugfeld in Dübendorf. Er ist überzeugt: Seine Idee wird zum Fliegen kommen.

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